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DIE TOTE STADT
(Erich Wolfgang Korngold)
Besuch am
30. September 2018
(Premiere)
Mit Die Tote Stadt, 1923 gleichzeitig in Hamburg und Köln uraufgeführt, gelang dem erst 23-jährigen Komponisten Erich Wolfgang Korngold eine der größten Opernerfolge der Goldenen Zwanziger. Das Stück wurde bis Anfang der 30-er Jahre auf fast alllen Bühnen vorwiegend im deutschsprachigen Raum gespielt, mit damals berühmten Darstellern wie Maria Jeritza, Lotte Lehmann und Richard Tauber. Erst das Aufkommen des Nationalsozialismus stoppte seinen Siegeszug, der jüdischstämmige Korngold ging ins amerikanische Exil und baute sich beim Film in Hollywood eine zweite Karriere auf. Nach dem Krieg setzte erst zögerlich eine Renaissance der Oper ein, doch mittlerweile ist sie im Spielplan keine Seltenheit mehr. 1983 inszenierte sie Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin und schon 2004 gab es am gleichen Ort unter Christian Thielemann eine weitere Produktion. Nun ist Die Tote Stadt auch in der Komischen Oper angekommen, wo das Oeuvre von im Dritten Reich verfolgten Komponisten besonders gepflegt wird.
Die Tote Stadt ist die Geschichte einer Obsession und gleichzeitig eine Elegie auf die belgische Stadt Brügge. Der Witwer Paul verwindet den Tod seiner Frau Marie nicht und verehrt sie wie eine Heilige. Die Ähnlichkeit der ihn aufsuchenden Tänzerin Marietta mit der Verstorbenen bringt ihn dazu, ein Verhältnis mit ihr einzugehen. Als die lebenslustige Frau ihn scheinbar betrügt, erwürgt er sie. Ob real oder im Traum, bleibt offen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Oper bezieht ihren Reiz aus der schillernden Klangwelt Korngolds und dem mysteriösen Geschehen, das zwischen Traum und Wirklichkeit oszilliert und für viele Deutungen offen ist. Anders als Götz Friedrich, der die morbide Stimmung Brügges suggestiv in seine Inszenierung einbezog, verzichtet Robert Carsen an der Komischen Oper auf alles Atmosphärische. Man sieht in ein von Michael Levine nüchtern ausgestattetes Wohnschlafzimmer, in dem sich wie in einem Reliquienschrein überall Erinnerungsstücke an Marie befinden. Im zweiten Akt öffnen sich die Wände, in der Mitte bleibt das gleiche Mobiliar, jetzt von Glitzer überzogen.
Der Regisseur konzentriert sich ganz auf Pauls gestörte Innenwelt und seine pathologische Beziehung zu Marie beziehungsweise Marietta. Er ist psychisch krank und beherrscht von Wahnvorstellungen. Das wird erstmals deutlich beim Besuch des Freundes Frank, der Pauls Verhalten beobachtet und notiert. Der Trauerzug, die religiösen Visionen, das Treiben der Künstlergruppe wie in einer Operettenrevue – in der die Tänzer der Komischen Oper einmal mehr ihre Klasse demonstrieren – es sind verzerrte Wahrnehmungen. Nach dem Mord wird Paul von einem Arzt und einer Krankenschwester – es sind Frank und Brigitta – weggeführt, vermutlich in eine Klinik.

Die Tote Stadt ist für Carsens psychologische Herangehensweise eigentlich prädestiniert. Dennoch bleibt die Aufführung seltsam spannungslos. Zu kühl wirkt sie, zu routiniert die Personenführung. Dabei sind Sara Jakubiak und Aleš Briscein Idealbesetzungen für die Hauptpartien und vokal ganz vorzüglich. Die Sopranistin, die gerade erst in der Titelpartie von Korngolds Wunder der Heliane an der Deutschen Oper gefeiert wurde, ist auch für die Marietta mit ihrer strahlend biegsamen Stimme, der vibrierenden Körperlichkeit und sinnlichen Ausstrahlung die richtige Wahl. Großes leistet auch Aleš Briscein. Der Tenor bewältigt die kräftezehrende Partie des Paul bis zum Ende ohne Ermüdungserscheinungen, singt mit schönem Fluss und ungefährdeten Höhen, dabei mitunter geschickt ins Falsett wechselnd. Günter Papendell verkörpert sowohl den Frank, als auch den Harlekin mit gewohnter Präsenz. Maria Fiselier wertet die Partie der Haushälterin Brigitta mit höhenstarkem Mezzosopran auf.
Der neue GMD Ainārs Rubiķis betont mit dem Orchester der Komischen Oper den sinfonischen Rausch der üppigen Partitur. Er arbeitet dabei etliche instrumentale Details heraus, erzeugt aber auch einen phonstarken Klang. Sängerfreundlich ist das nicht, zu häufig werden die Solisten überdeckt. Allein die beiden Schlager der Oper, Glück das mir verblieb und Mein Sehnen, mein Wähnen werden zu schwelgerischen Ruhepolen.
Der Schlussapplaus ist heftig, aber kurz.
Karin Coper