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SAINT FRANÇOIS D‘ASSISE
(Olivier Messiaen)
Besuch am
3. Oktober 2018
(Premiere am 9. September 2018)
Das ist schon mal eine Ansage: 150 Choristen unterteilt in zehn Gruppen, 119 Musiker im Orchester inkusive drei der seltenen Ondes Martenots, neun Gesangssolisten und eine Aufführungsdauer von fünfeinviertel Stunden. Genau: Hier ist die Rede von Olivier Messiaen und seiner einzigen Oper Saint François d’Assise, die er nach langem Drängen des damaligen Intendanten der Pariser Oper, Rolf Liebermann, in acht Jahren komponierte und die dann dort 1983 ihre Uraufführung erleben durfte. Dieses opus summum des späten Messiaens zu erleben, ist ein ähnliches Ereignis, wie Richard Wagners Parsifal beizuwohnen. Tatsächlich haben beide Werke ähnliche Ausdehnungen und beanspruchen beide die Auseinandersetzung mit Glaubensdingen. Im Gegensatz zu Wagners Parsifal ist aber der Saint François d’Assise Messiaens noch immer ein seltener Gast auf der Opernbühne. Karsten Wiegand, Intendant und Regisseur der Darmstädter Inszenierung, betont in seiner Werkeinführung vor der Vorstellung auch stolz, dass es erst die fünfte Inszenierung in Deutschland ist.
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Messiaen war kein Opernkomponist. Ihn interessierte es kaum, die üblichen Gepflogenheiten dieser Gattung zu bedienen, die da sind: Spannung, Entspannung, Verdichtung, Gegensätze, Zuspitzung, Konflikte. Des Weiteren ist sein Interesse, eine gute Geschichte zu erzählen, die das Publikum fesselt und am Auf und Ab eines Titelhelden teilhaben lässt, auch nur sehr gering ausgeprägt. Er als tiefgläubiger Katholik, der ursprünglich sogar erst eine Oper über Jesus Christus schreiben wollte, stattdessen aber den Heiligen Franziskus als Sujet auswählte, geht es um andere Dinge. Hier offenbart der wahrscheinlich katholischste Komponist des 20. Jahrhunderts ein Glaubensbekenntnis für die Opernbühne. Wenn man so will ist Saint François d’Assise also eher ein Opernoratorium nach Vorbildern wie Strawinskys Oedipus Rex oder Debussys Mysterium Le Martyre de Saint Sébastien. Letzteres Werk bewunderte Messiaen musikalisch sehr.
Dem Titelheld seiner Oper widmet er in acht Bildern innerhalb drei Akte Stationen, die er aus Quellen des 14. Jahrhunderts einiger anonymer Franziskanermönche selbst zusammenstellte und das Libretto samt Texten auch selber schrieb. Wenn man so will, ist diese Oper also eine riesige Medidation über seinen erklärten Lieblingsheiligen. Man erlebt diverse Stationen vom heiligen Franziskus als auch zahlreiche theologische Betrachtungen. Messiaens Leidenschaft für die Ornithologie, die er als Komponist bekanntermaßen immer wieder gerne in seine Musik integrierte, hat in Saint François d’Assise als die so genannte Vogelpredigt als Finale des zweiten Aktes auch inhaltlich wunderbare Entsprechung erfahren, auch wenn ein paar weniger Vogelrufe dem Ganzen in Anbetracht der zeitlichen Ausdehnung auch nicht geschadet hätten …
Mit Oper in traditionellen Sinn hat Messiaens Spätwerk also eher wenig zu tun, was aber auch eine eigene Qualität darstellt. Alle handelnden Personen um die Hauptfigur herum sind entweder seine Mitmönche, ein Aussätziger oder ein Engel, der als Bindeglied zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen fungiert.
Im Grunde kommt man diesem hochreligiösen Opernkoloss in einer Bühnenrealisierung deswegen nur mit Hingabe und Affirmation bei, weil Messiaens Oper dermaßen von Glaube und Hingabe zum Göttlichen durchdrungen ist, dass jeder Ansatz aus der Ecke des Regietheaters dem Stück nur schaden würde.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Karsten Wiegand und seinem Team ist das im Wesentlichen gelungen, wobei Abstriche zu benennen sind. In der etwas unspektakulären Bühne von Bärbl Hohmann, die immerhin fünf Projektionsflächen für die nicht immer zweckdienlichen Videos und Standbilder von Roman Kuskowski Raum geben, müssen sich Teile des Chores und der Personalstab irgendwie positionieren. Da Darmstadt aber nicht über die eigentlich notwendigen riesigen Bühnendimensionen der Pariser Oper verfügt, sind Kompromisse erforderlich: Das große Orchester wurde in den Bühnenhintergrund auf ein großes Podest platziert, das gelegentlich auch dank der Bühnentechnik eindrucksvoll nach oben und unten gehievt wird. So bleibt der etwas enge Raum über dem gedeckelten Orchestergraben als Spielfläche vor dem Riesenorchester. Im dritten Akt, als endlich alle Choristen in voller Stärke gebraucht werden, darf man als Zuschauer einen Chor entre nous erleben: in der Mitte der Zuschauerreihen wird von der Sitzordnung her ein symbolisches Kreuz für die Choristen reserviert, die die Damen und Herren des Chores dann in der Pause vor dem dritten Akt einnehmen, um dort im Finalakt zu bleiben. Diese Verlegenheitslösung erweist sich aber als höchst originell. Chapeau!
Die Kostümbildnerin Andrea Fisser weist den Choristen, Mönchen und auch dem Engel als Grundkostüm weiße Judoanzüge zu. Schlecht sieht das beim Chor sicher nicht aus, und der Engel wird zusätzlich noch mit leuchtenden Sneakers versehen, nun ja … Ehrlicherweise versteht man aber nicht wirklich, warum die Mönche und Mitbrüder François‘ gelegentlich dann doch noch Mönchskutten über dem Judoanzug zusätzlich tragen.
Karsten Wiegand erwähnt in seiner Werkeinführung vor der Vorstellung, dass das Ziel des Produktionsteams war, „Musik zu inszenieren“. Diese Mission ist im Wesentlichen geglückt. Er versuchte sich nicht als Regisseur in den Vordergrund zu schieben, im Gegenteil: Die Inszenierung bleibt dem Anspruch im Wesentlichen treu, diesen Koloss einer Oper abzubilden. Dass man aber vor dem zweiten und dritten Akt den kleinwüchsigen Darsteller Erwin Aljukic zweimal als genuinen Regieeinfall vor der noch geschlossenen Bühne im Schneckentempo von rechts nach links laufen lässt, bringt dem Publikum jedoch keinen wesentlichen neuen Erkenntnisgewinn, allzumal es die an sich schon sehr lange Aufführungsdauer nur unnötig weiter verlängert. Dass er dabei vor dem dritten Akt bei seiner Rast in der Mitte als Zeichner der Abkürzung OAMDG, für Nichtkatholiken: „Omnia Ad Majorem Dei Gloriam“; Bedeutung zu Deutsch „Alles zur größeren Ehre Gottes“ auf den Vorhang schreibt, ist ebenso unnötig.
Wiegands Personenregie ist ernüchternd, und seine Darsteller wirken auf der Bühne oft etwas leblos. Da erlebt man Tableaus an unmotiviert hilflosen Mönchen, die ratlos auf der Bühne rumlümmeln, oder einen François, der im fünften Bild alleine auf der Bühne so lange im Kreis herumläuft, bis es selbst dem Zuschauer irgendwann zu arg wird. Das ist langweilig und wird auch nicht durch die Projektionen gerettet. Man sehnt sich in diesen Augenblicken Peter Sellars erfrischende Qualitäten seiner Bach-Passionsinszenierungen herbei.
Als François sein Sterben im letzten Bild ankündigt, kann der Zuschauer parallel dazu ein Video mit vier türkisfarbenen Eiern betrachten. Zu sehen ist der allmähliche Schlüpfvorgang eines putzigen, roten Vogels. „Aha: Süß, und da entsteht neues Leben“, denkt man. Braucht man das als Zuschauer wirklich?
Messiaen war es ernst mit dem Tod und der Auferstehung. Wiegand und sein Videokünstler Kuskowski meinen womöglich, das diese optische Hilfe benötigt wird. Da wird das Publikum doch erheblich unterschätzt.
Dafür sind die projizierten, lebendigen Bilder, die vom Engel zu Beginn des zweiten Aktes so herrlich bespielt und verändert werden können, sehr gelungen. Solche Einfälle bleiben zu selten.
Man kann hier dafür die musikalische Seite dieser Produktion nicht genug loben. Was da in Anbetracht der großen Anforderungen von allen Mitwirkenden geleistet wird, ist wirklich sehr erfreulich. Johannes Harneit leitet das sichere Staatorchester Darmstadt mit fantastischen Schlagzeugaushilfen aus dem Umfeld vom Ensemble Modern souverän. Sein Dirigat ist uneitel und sehr klar. Das Orchester folgt ihm aufopferungsvoll in diesen langen Stunden. Die drei Ondisten machen ihre Sache wunderbar. Auch funktioniert die Balance zwischen Bühne und Sängern, manchmal wäre sogar etwas mehr Orchestermasse wünschenswert.
Auch die drei Chöre, die nötig sind, das notwendige Volumen für das Stück zu erreichen, sind bestens präpariert. Kompliment an den Rhein-Main-Kammerchor, die Darmstädter Kantorei und natürlich den Opernchor des Staatstheaters Darmstadt in der Einstudierung von Johannes Püschel, Christian Ross, Sören Eckhoff, Elena Beer und Johannes Köhler. Allein aus dem Klangeindruck der mystischen Chöre des Werks heraus ist eine Reise nach Darmstadt schon mehr als lohnend.
Auch die Gesangssolisten sind sehr gut besetzt und werben damit für das erfreulich hohe vokale Niveau des Hauses.

Georg Festl gibt die Titelrolle des François mit sattem Bassfundament. Er ist für diese herausragende Partie überraschend jung besetzt. Sein Bassbariton, der eher dunkel zu nennen ist, ist sehr schön anzuhören, doch verwundert es ein wenig, dass Darmstadt die Partie nicht, wie ansonsten üblich, mit einem strahlenderen Heldenbariton besetzt hat. Szenisch ist er oft ein wenig allein gelassen, worunter seine Bühnenpräsenz leidet. Der Engel als einzige solistische Frauenrolle in dieser Oper wird von der Sopranistin Katharina Persicke souverän und klangschön gesungen. Von ihr gehen szenisch auch wichtige und notwendige Impulse aus. Die dankbare und fordernde Partie des Aussätzigen ist mit dem charaktervollen Tenor Mickael Spadaccini besetzt. Er berührt und ist stimmlich sehr gut besetzt. François Lieblingsbrüder sind die Frères Massée und Léon. Der erste wird vom Tenor David Lee in Tamino-Qualität mit Wärme und Strahlkraft gesungen, der Léon von Orlishausen braucht zwar kurze Zeit; um warm zu laufen, ist dann aber ein überzeugender Bariton, dem man gerne zuhört. Auch die Bassqualitäten von Frère Bernard, dargestellt von Johannes Seokhoon Moon, sind beachtlich, da entwickelt sich ein guter Sängerdarsteller. Einzig der von dem Tenor Michael Pegher gesungene Frère Élie ist mitunter von Schärfe geprägt, was aber der Charakterrolle als sturer und unsympathischer Bruder nicht wesentlich schadet.
Ein ausdrückliches Lob geht an die Macher der Übertitelung oder in diesem Fall eher die Seitenbetitelung. Zum einen sind sie wunderbar für alle Zuschauer zu lesen, zum anderen hat endlich mal jemand dran gedacht, die deutsche Übersetzung der französischen Gesangstexte mit der jeweiligen Rollenangabe zu versehen. Das sollte Schule machen.
Ganz besonders gelungen ist die Übertitelung der Gottesworte des Chores im dritten Akt, die einmalig in zentraler Position typografisch in Kreuzform gestaltet ist. Hut ab, das ist allein ein Kunstwerk und deswegen ein großer Gewinn, allzumal der Chor ja auch in Kreuzform im Publikum sitzt. Hervorragende Idee!
Die verbleibenden Aufführungen am Staatstheater Darmstadt von Messiaens Saint François d’Assise zu besuchen, ist schon aus musikalischen Gründen ein Muss für jeden Opernfreund. Karsten Wiegands szenische Deutung kommt zwar manchmal etwas handzahm daher, gefährdet das künstlerische Ergebnis aber auch nicht ernsthaft. Dafür wird man hier wird mit einem Werk belohnt, das man in Deutschland doch gerne öfters hören und sehen würde. Darmstadt sei für diesen Mut gedankt.
Hartmut Rolle