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Foto © Dirk Bleicher

Die Zeit ist ein sonderbar‘ Ding

DIE ZUKUNFT VON GESTERN
(Nicola Hümpel)

Besuch am
2. Oktober 2018
(Premiere)

 

Nico and the Navigators

2018 feiert das Künst­ler­kol­lektiv Nico and the Navigators sein 20-jähriges Bestehen. Das ist ein stolzes Jubiläum für eine freie Gruppe, die ohne regel­mäßige statt­liche Subven­tionen auskommen muss. Dass sie sich davon nicht unter­kriegen lässt, ist zum großen Teil der Willens­kraft des Gründer­paars Nicola Hümpel und Oliver Proske zu danken, das 1998 in Dessau die seltsam heißende Formation kreierte: Nico steht für Nicola, die Naviga­toren sind die Crew, mit der sie durch ihre Theater­land­schaft schifft. Noch im gleichen Jahr siedelten sie sich in Berlin an, genauer in den Sophien­sälen, wo sie als artists in residence die ersten Stücke entwi­ckelten – zu einer Zeit des Aufbruchs, die verbunden ist mit so kreativen Köpfen wie Amelie Deuflhart, Jochen Sandig und Sasha Waltz. Weitere Stationen waren das Radial­system, die Deutsche und die Stutt­garter Oper und viele Spiel­stätten quer durch Europa. Zum Geburtstag sind sie zu ihren Ursprüngen in die Sophiensäle zurück­ge­kehrt, wo kräftig gefeiert wird: mit dem brand­neuen Stück Die Zukunft von gestern, inklusive einer Ausstellung und eines üppigen Rahmenprogramms.

Foto © Dirk Bleicher

In Die Zukunft von gestern blicken die Navigators aus der heutigen Perspektive zurück auf die Anfänge der Gruppe. Die einfache, aber wirksame Kulisse von Oliver Proske besteht aus einem begeh­baren Aufbau und davor vier verschieb­baren Wänden, auf die Videos, der jewei­ligen Stimmung entspre­chend, proji­ziert werden. Reminis­zenzen an frühere Stücke sind eingebaut: häufig benutzte Requi­siten wie Tische und Koffer, auch der Mundschutz aus Kain, wenn & aber. Das Stück ist vor allem eine Geschichte der Performer. Mit einigen der Mitstreiter/-innen der ersten Stunde hat Nicola Hümpel in der ihr eigenen charak­te­ris­ti­schen Handschrift aus Impro­vi­sation, beredter Köper­sprache, starken Bildern und Verweisen auf alltäg­liche Absur­di­täten ein szeni­sches Kalei­doskop entwi­ckelt, in denen sie selbst im Mittel­punkt stehen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In kleinen Soli und Duos wird ihre Indivi­dua­lität hinter der Profession sichtbar: Ted Schmitz erzählt von seinen Wurzeln, Annedore Kleist, Anna-Luise Recke und Michael Shapiro geben sehr Persön­liches preis. Yui Kawaguchi spricht über ihre klassische Ballett­aus­bildung in Japan und ihren Weg nach Berlin, wo sie sich zu einer starken Ausdrucks­tän­zerin entwi­ckelte. Sie bringt, wie auch Anna-Luise Recke, ihr expres­sives tänze­ri­sches Können mit ein. Zwischen­durch gibt Martin Clausen den Confé­rencier. Er erinnert sich an den Entste­hungs­prozess früherer Stücke und der Suche nach dem richtigen Ausdruck. Sehr witzig ist das, so wie auch Patric Schotts Ergänzung: Nur acht ganze Sätze durfte er bisher bei den Navigators sagen, sonst musste er stumm sein oder schreien. In Die Zukunft von gestern beweist er, dass er wunderbar sprechen kann, so wie alle anderen auch. Und selbst Philipp Kullen, Schlag­zeuger der vierköp­figen Band, kommt zu Wort, denn die Musik, diesmal ein Mix aus Klassik, Jazz, Pop und Elektronik, ist unver­zicht­barer Bestandteil im Gesamtwerk der Navigatoren.

Die Zukunft von gestern ist eine facet­ten­reiche, auch selbst­iro­nische Ausein­an­der­setzung mit der eigenen künst­le­ri­schen Geschichte und gleich­zeitig eine über die Zeit. Ähnlich wie sie Cindy Lauper in ihrem Hit Time after time besingt, die das gesamte Ensemble im Finale anstimmt.

Der langan­hal­tende Applaus ist mit vielen Bravos durch­setzt. Gelun­gener kann der Einstieg in die mindestens nächsten 20 Jahre nicht sein. Im Radial­system wird demnächst weiter­ge­feiert: mit der Wieder­auf­nahme dreier Stücke und einem Workshop.

Karin Coper

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