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Um markige Worte ist Heribert Germeshausen, der frisch gebackene Intendant der Dortmunder Oper, nicht verlegen. Moderner, bunter und jünger soll es in den folgenden sechs Jahren seiner Amtszeit zugehen. Dortmund will er zum „musiktheatralischen Epizentrum des Ruhrgebiets“ erheben. Das zeugt von Selbstbewusstsein, ist allerdings mit einer Ohrfeige gegen seinen Amtsvorgänger Jens-Daniel Herzog und einer Kampfansage an die Opern von Essen, Gelsenkirchen, Duisburg und Hagen verbunden.
Dass der studierte Jurist und Betriebswirtschaftler seine erste Saison gleich mit drei Premieren und Events in Folge startet, zeugt von Macherqualitäten. Wenn denn das künstlerische Ergebnis stimmt. Verdis Aida, Rossinis Barbier und ein in die Innenstadt verlagerter „musikalischer Zirkus“ im Fahrwasser John Cages sind nicht mit der linken Hand zu meistern, und die Werkauswahl soll offenbar zunächst ein möglichst breites Publikum anziehen. Innovative Akzente lässt zumindest die erste Produktion, Verdis Aida, nicht erkennen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Im Gegenteil: Was der italienische Regisseur Jacopo Spirei an verstaubten Opernklischees und verkrampften Gesten in der Personenführung aufbietet, spricht Germeshausens Vision eines zeitgemäßen Theaters Hohn. Szenisch hinterlässt die neue Aida vor allem Ratlosigkeit, musikalisch Zweifel, ob das Niveau aus Herzogs Zeiten gehalten werden kann.
Konzeptionell stimmig ist allein Spireis Ansicht, dass es sich bei der Oper trotz spektakulärer Massenszenen im Grunde um ein psychologisch fein gesponnenes Kammerspiel handelt. Das stimmt: So subtil wie in der Aida hat selbst Verdi die inneren Spannungen der in ein komplexes Dreiecksverhältnis verwobenen Protagonisten nur selten gezeichnet. Warum begnügt sich Spirei dann damit, fantasie- und oft spannungslos an der Handlung entlang zu schrammen und die inneren Vorgänge der Figuren durch Gebärden aus Urgroßvaters Zeiten zu verkleistern?
Dass er sich bei den großen Chorszenen zurückhält und im Triumphmarsch auf Mummenschanz und übertriebenen Aufwand verzichtet, ist sympathisch. Die Zeremonie als Schicki-Micki-Partys mit modischen Akzenten aus dem exotischen Ägypten mit einem herumalbernden König in der goldschimmenden Kluft eines Pop-Stars darzustellen, zeugt allerdings auch nicht von überbordender Fantasie. Die Scheu vor repräsentativem Pomp führt sogar dazu, dass selbst die auch optisch effektvollen Aida-Fanfaren aus dem Off klingen müssen.
Die beweglichen Bühnenwände von Nikolaus Webern strahlen austauschbare Neutralität aus, aber wenig Aussagekraft. Mit Ausnahme des Einfalls, vor allem in den intimen letzten beiden Akten den Bühnenraum durch die näher rückenden Wände immer stärker einzuengen, so dass Aida und Radames am Ende in einem eingeschnürten Käfig ihr Leben aushauchen müssen. Dass der Nil die Bühne allmählich überflutet, beschert den Sängern dagegen nur nasse Füße. Inhaltlich gibt der Gag ebenso wenig her wie optisch. Von einem erkennbaren Konzept kann nicht die Rede sein.

Die Widersprüche zwischen großer Oper und Kammerspiel schlagen sich auch im Dirigat von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz nieder, der nur extrem zarte und extrem kräftige Töne anschlägt. Zwischenfarben gibt es wenig und damit werden die Sänger, auch der Chor, entweder butterweich auf Händen getragen oder brutal überrollt. Ein uneinheitlicher Eindruck, der auch die vokalen Leistungen bestimmt.
Die farbige Amerikanerin Elena O’Connor repräsentiert als Bühnengestalt eine nahezu ideale Aida. Allerdings setzt sie ihren bedenklich tremolierenden Sopran sehr robust mit messerscharfen Höhen ein. Ihr Liebhaber Radames findet in Hector Sandoval einen kultiviert singenden Darsteller, dessen Tenor im großen Dortmunder Opernhaus freilich recht klein wirkt. Damit hat Shavleg Armasi als sonor klingender Ramfis ebenso wenig Probleme wie Mandla Mndebele, der mit seinem kräftigen Bariton der aggressiven Rolle des Amonasro genügend Druck verleiht. Über eine sehr schöne Mittellage verfügt Hyona Kim als Aidas Feindin Amneris, die ihre Spitzentöne freilich nur mit forciertem Überdruck trifft. Denis Velev als König gerecht zu werden, fällt schwer. Die unangebrachten Harlekinaden, die der Sänger in der Inszenierung vollführen muss, lenken zu stark vom Gesang ab. Der Dortmunder Opernchor bewältigt seine Aufgaben vorzüglich, auch wenn es in der Premiere noch zu einigen Unstimmigkeiten im Zusammenwirken mit dem Orchester kam.
Insgesamt eine Aida ohne Konzept auf eher mittlerem musikalischem Niveau. Germeshausens Kalkül, mehr Publikum ins Opernhaus locken zu wollen, geht mit dieser Aida auf. Die Premiere war weitgehend ausverkauft und das Publikum bedankt sich mit Standing ovations für eine Werkdeutung ohne Profil und ohne verstörende Entstellungen.
Pedro Obiera