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LA FANCIULLA DEL WEST
(Giacomo Puccini)
Besuch am
3. Oktober 2018
(Premiere am 29. September 2018)
Giacomo Puccinis siebte Oper wird gemeinhin als Westernoper abgestempelt. Es geht um die Zeit des Goldrauschs in Kalifornien um 1850 und handelt von nach Glück und Reichtum suchenden Träumern, von Banditen und Betrügern. Mit seiner Goldgräberoper taucht Puccini – ähnlich wie zuvor mit La Bohème oder Madama Butterfly – in ein klar umrissenes Milieu ein, für das er ein spezifisches musikalisches Kolorit kreiert, inspiriert von amerikanischer Gospelmusik, aber dann doch italienisch üppig instrumentiert im unverkennbaren Verismo-Stil. Für Puccini war es ein Höhepunkt seiner Karriere und der endgültige internationale Durchbruch, als La Fanciulla del West am 10. Dezember 1910 an der Metropolitan Opera in New York City uraufgeführt wurde. Kein Geringerer als Arturo Toscanini stand am Dirigentenpult, die Rolle des Dick Johnson sang Enrico Caruso, den Part der Minnie Emmy Destinn. Für viele Puccini-Kenner und Liebhaber gilt Das Mädchen aus dem goldenen Westen, so die häufig gebrauchte Übersetzung nach dem Originaltitel des Schauspiels von David Belasco, als die Beste seiner Opern. Beeinflusst von der Musik Debussys und Richard Strauss, hat er sich vom Belcanto-Stil verabschiedet, es gibt so gut wie keine Arien in dem Stück, alles nur Dialoge, vieles im Parlando geschrieben, es gibt große Duette und Chöre. Direkt die erste Chorszene weist stilistisch schon auf seine letzte Oper Turandot hin, die gut 15 Jahre nach dem Mädchen vollendet sein wird. Ausnahme ist Dick Johnsons Arie Ch’ella mi creda im Angesicht des drohenden Todes am Galgen, sein letzter Gruß an die geliebte Minnie, emotional wie Cavaradossis große Arie E lucevan le stelle an Tosca. Doch trotz dieser großen Musik und einer eigentlich attraktiven Story, eine Frau zwischen zwei Männern, ist es auf den deutschen Opernbühnen in den letzten Jahren ruhig geworden um das Mädchen. Wenn Puccini, dann La Bohème, Butterfly, Tosca oder Turandot, die Klassiker mit den großen Arien.
Umso schöner ist es, dass die Oper Leipzig diesen musikalischen Schatz wiederentdeckt hat und in einer in die heutige Zeit übertragenen Inszenierung präsentiert. Ungewöhnlich dabei ist die Wahl des Regieteams. Cusch Jung, seit 2015 Chefregisseur der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig, inszeniert erstmals am Opernhaus. Karin Fritz, die für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich ist, hat in der Vergangenheit schon mehrere Produktionen mit Cusch zusammen an der Musikalischen Komödie ausgestattet, so die Erfolgsproduktion Doktor Schiwago. Generalmusikdirektor und Intendant Ulf Schirmer, der die musikalische Leitung der Produktion übernommen hat, geht damit auch neue Wege und vertraut dabei vor allem auf Jungs sensible Personenregie. Die Rechnung wird im Laufe des Abends voll aufgehen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die ursprüngliche Geschichte führt uns in ein einsames Goldgräbercamp im Wilden Westen – ein bis dato ungewöhnlicher Schauplatz für eine Oper. Das Zusammenleben in dieser rauen Männerwelt ist bestimmt von einer klaren Hackordnung unter Führung von Sheriff Jack Rance, der die Tristesse der Prärie mit Machtmissbrauch und Willkürherrschaft kompensiert. Die Suche nach dem Gold wird für die Männer zum Sinnbild für eine tiefe Sehnsucht, die unter der harten Schale des Arbeitsalltags liegt, für die Suche nach dem Sinn des menschlichen Daseins, fern der Heimat, fern der Familie. In dieser Welt verkörpert Minnie die Hoffnung auf ein anderes Leben. Für die Goldgräber ist Minnie Mutter, Schwester, sexuelle Projektionsfläche und reiner Engel zugleich. Als plötzlich ein Fremder in das Camp eindringt, gerät die Ordnung ins Wanken, zumal eine dunkle Vergangenheit auf ihm lastet und Minnie, die sich in ihn verliebt hat, öffentlich für ihn eintritt. Denn Dick Johnson ist in Wahrheit Ramerrez, Kopf einer mexikanischen Diebesbande. Sheriff Rance begehrt Minnie, Johnson liebt sie, und es beginnt ein tödliches Spiel. Johnson wird verwundet, Minnie pokert mit Rance um sein Leben und gewinnt durch Falschspiel. Am Ende steht der Galgen für Johnson, doch Minnie kann seine Hinrichtung in letzter Sekunde verhindern, das Ende bleibt offen. Und damit eine der wenigen Opern von Puccini, die nicht mit dem Tod eines Hauptprotagonisten endet.

Jung setzt in seiner Inszenierung den Bezug zum heutigen Amerika und dem noch immer vorhandenen amerikanischen Traum von Erfolg, Freiheit und Selbstbestimmung. Die Suche der Männer ist die Sehnsucht nach einem neuen Leben, das sie nicht finden. Es sind Getriebene, heimatlose, einsame Männer, die bei Zigarren, Whisky und Glücksspiel Ablenkung vom harten Alltag in der Goldgräbermine suchen. Minnie ist dabei so etwas wie die Seelentrösterin, aber tabu für die Männer. Das Bühnenbild im ersten Aufzug ähnelt stark einer Kaue in einem Bergmannswerk, es ist Umkleidehalle, Aufenthaltsraum und Bar in einem. An der Decke hängen in Körben die paar privaten Habseligkeiten der Männer. Ein starkes Bild, denn der Korb ist wie ein kleines Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das Blockhaus, Minnies Hütte, das im zweiten Aufzug nach vorne gefahren wird, ist schlicht und einfach, und strahlt doch so etwas aus wie Heimat und Geborgenheit. Für die besondere Atmosphäre sorgt das schöne und gelungene Lichtdesign von Michael Münster.

Jung nimmt diese schlichten Bilder als Rahmen für eine subtile Regie. Seine Erfahrung aus Musical und Operette kommt ihm hier zu Gute, denn die vielen kleinen Rollen werden hier zu Charakteren und Persönlichkeiten. Und das Dreiecksgeflecht um Rance, Johnson und Minnie wird so miteinander verwoben, dass die Grenze zwischen gut und böse verschwimmt. Jung schafft es, den Spannungsbogen über die gesamten, annähernd drei Stunden zu halten und auch die emotionalen Stellen nicht als sentimentalen Kitsch erscheinen zu lassen. Sängerisch ist auch der zweite Abend der Produktion auf höchstem Niveau, und für zwei Hauptrollen ist der Abend die Premiere. Karine Babajanyan ist stimmlich wie optisch eine erstklassige Minnie. Ihr Puccini-erfahrener Gesangsstil, zwischen Tosca und Turandot angesiedelt, verleiht der Minnie in der Mittellage eine warme, liebevolle Stimme, die aber in den Ausbrüchen zu einem kraftvollen, dramatischen Sopran wechselt. Anooshah Golesorkhi gibt den Sheriff Rance mit markantem und ausdrucksstarkem Bariton sowie dem Habitus des Bösewichtes. Für beide ist es heute die Premiere, aber sie sind beileibe keine Zweitbesetzung. Gaston Rivero als Dick Johnson hat in Leipzig bereits als Cavaradossi und Don Carlo große Erfolge gefeiert. Sein Tenor ist ideal für den Verismo-Stil Puccinis, geschmeidig und kraftvoll zugleich, mit der notwendigen Portion Schmelz. Sein leicht baritonal gefärbter Tenor hat das warme Timbre in der Mittellage und die leuchtende Kraft in den dramatischen Höhen. Das zeigt er vor allem in der großen Arie Ch’ella mi creda am Schluss der Oper und macht den Abend zu einem großen Puccini-Erlebnis. Neben den drei Hauptfiguren gibt es fünfzehn Nebenrollen, die aber so stark besetzt sind, wie man es kaum an einem Haus findet. Sejong Chang als Jake Wallace ist ja schon eine Luxusbesetzung, sein Lied zu Beginn der Oper leitet den Reigen der vielen Männerstimmen ein. Auch Patrick Vogel als Barkeeper Nick, Randall Jakobsh als Wells-Fargo-Agent Ashby, und Jonathan Mitchie als Sonora fügen sich hier nahtlos ein.
Es ist der Abend eines großartigen Ensembles, zu dem natürlich auch das Gewandhausorchester der Oper Leipzig unter der Leitung von Ulf Schirmer gehört. Er schafft es, die großen symphonischen Momente kraftvoll auszumalen, die lyrischen Parlando-Stellen subtil und sängerfreundlich zu begleiten. Schirmer, Wagner- und Strauss-erfahren, zeigt an diesem Abend alle Facetten der sowohl an feinen als auch an dramatischen Elementen reichen Partitur und wird am Schluss wie das Orchester, der Herrenchor der Oper Leipzig, bestens einstudiert von Alexander Stessin und Thomas Eitler-de Lint, und das gesamte Gesangsensemble bejubelt.
Die Oper Leipzig hat mit diesem musikalischen Schatz einen Volltreffer gelandet, und die Verpflichtung des Teams von der Musikalischen Komödie zeigt sich als großer Glücksgriff und hoffentlich kein einmaliges Ereignis.
Andreas H. Hölscher