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MASS
(Leonard Bernstein)
Besuch am
6. Oktober 2018
(Premiere)
Es gehört zu den zentralen Werken seines Schaffens, ist dennoch auf Opernbühne selten zu sehen. Gemeint ist Leonard Bernsteins Mass: alles andere als eine gewaltige, knapp zweistündige Messvertonung, sondern ein musikalisch und ideell zersplittertes Werk, das einen tiefen Einblick in Bernsteins Gefühlslage um 1970 freisetzt. Erschüttert vom Vietnam-Krieg, beeinflusst von den Protesten der späten 60-er Jahre, stellt Bernstein in Mass den lateinischen Mess-Text, zerrissen zwischen tiefer Skepsis und leiser Zuversicht, zur Diskussion. Auf den ersten Blick kein naheliegender Stoff für ein Bühnenwerk. Doch die Neuproduktion des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier, deren Premiere zum Saisonstart begeisterte Zustimmung gefunden hat, zeigt, mit welchem Geschick und Instinkt Bernstein selbst ein solch spirituell gefärbtes Thema bühnenwirksam aufbereiten konnte. Sie zeigt freilich auch die Grenzen und Tücken einer theatralischen Darstellung des Stoffs auf.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Was der Gelsenkirchener Oper überhaupt keine Probleme bereitet, ist die Bereitschaft des gesamten Ensembles, sich voll in den Dienst einer Gemeinschaftsleistung zu stellen, die, abgesehen von der Partie des Celebranten, trotz vieler Solo-Rollen niemandem Raum für exponierte Selbstdarstellungen lässt. Dabei hat das MiR nicht weniger als den erweiterten Opernchor, den vorzüglichen Knabenchor der Chorakademie Dortmund, die Neue Philharmonie Westfalen, das Ballett-Ensemble und eine fünfköpfige Jazz-Rock-Band aufzubieten. Da tummeln sich an die 180 Personen auf der Bühne. Der Chor ist aufgeteilt in Gottesdienstbesucher und einen „Street Chorus“, der die liturgischen Texte mit kritischen Anmerkungen und Zweifeln in Frage stellt, so dass die Gemeinde und selbst der fromme Celebrant, der den Gottesdienst zu organisieren versucht, in tiefe Gewissensnot geraten. Das Ganze stellt sich als ein Gottesdienst dar, der eher Distanz als Nähe zu Gott schafft.
Bernstein greift dafür tief in die Kiste des gesamten musikalischen Stil-Reservoirs von altertümlich anmutenden Kirchengesängen über Jazz- und Soul-Anleihen bis hin zu frei tonalen Klängen und Zwölfton-Sequenzen. Bunter als in diesem Gemisch aus Oratorium, Oper und Musical geht es nicht. Und wenn ein versierter Choreograf wie Richard Siegal Regie führt, verwundert es nicht, wenn der Tanz einen besonderen Stellenwert einnimmt.

An Vitalität fehlt es der Produktion nicht. Allerdings scheint Siegal das Werk vor allem als Folie für wirksame Tanzeinlagen und Massenszenen zu sehen, während die spirituelle Aussage relativ unscharf bleibt. Auf eine erkennbare Unterscheidung zwischen der Gemeinde und den störenden Eindringlingen wird verzichtet, so dass dem Diskurs ein großer Teil der dialektischen Trennschärfe genommen wird. Und auch die nüchternen, lamellenartigen Holzwände von Stefan Mayer gehen in ihrer Neutralität einem tieferen sakralen Bezug aus dem Weg. Von Bernsteins Vorstellung, die Bühne vom Zuschauerraum bis zum Altar als räumlichem Höhepunkt stufenartig anzulegen, rücken Siegal und Mayer mit ihrer ebenerdigen Lösung ab. Das Ganze erinnert so eher an ein turbulentes Volksfest mit einigen zweifelnden Störern und einem massiven Stimmungsumschwung.
Eine Schwachstelle bleibt der Schluss des Werks, was auch die ambitionierten Gelsenkirchener Akteure nicht abmildern können. Der Celebrant, mit niemand Geringerem als dem Musical-Star Henrik Wager besetzt, brütet seine Verzweiflung in einem großen, pathetisch dick aufgetragenen Monolog aus, dem eigentlich eine rigorose Abkehr von Gott und der Kirche folgen müsste. Bernstein lässt allerdings noch einen Knabensopran mit einem geradezu kitschig-süßen Lobgesang auftreten, der inhaltlich aufgesetzt und geschmacklich grenzwertig anmutet, auch wenn Jonas Finkemayer vom Knabenchor der Dortmunder Chorakademie so glockenklare und blitzsauber intonierte Töne anschlägt, wie man sie selbst von manchem Profi nicht immer hören kann.
Als Stärke der Produktion erweist sich die homogene Gesamtleistung nahezu aller Kräfte des Hauses inklusive der vielen, an die 20 kleinen, mit Choristen und Solisten des Ensembles besetzten Solo-Partien. Generalmusikdirektor Rasmus Baumann hat alle Hände voll zu tun, das Orchester, mehrere räumlich verteilte Instrumentalgruppen und den großen Chor zusammenzuhalten, was ihm offenbar mühelos gelingt.
Stehende Ovationen für eine ambitionierte Wiedergabe eines schwierigen Stücks, das in Gelsenkirchen vor allem durch seine vitale Umsetzung gefällt, während die religiös-spirituellen Dimensionen zu kurz kommen.
Pedro Obiera