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Wozzeck heute in Oslo

WOZZECK
(Alban Berg)

Besuch am
5. Oktober 2018
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

Für den norwe­gi­schen Regisseur Ole Anders Tandberg ist Wozzeck überall und heute. Auf der Einheits­bühne von Erlend Birkeland blickt der Zuschauer in eine Bar, die in einem Park in der Nähe des König­lichen Schlosses in Oslo liegt. Hier erlebt er beispiels­weise die Feier­lich­keiten des norwe­gi­schen Unabhän­gig­keits­tages am 17. Mai mit dem Aufmarsch von Fähnchen schwen­kenden Kindern und Passanten. Hier sieht er Soldaten und Kadetten der Palast­garde oder anderer Truppen­teile, einschließlich des Tambour­majors. Die Natur erscheint verbannt in wechselnde Kulis­sen­bilder außerhalb des strengen Raumes, eindrucksvoll ausge­leuchtet durch die Licht­regie von Ellen Ruge und die Video­kunst von Robert Pflanz. Gleichwohl scheint das Frühlings­er­wachen alle Betei­ligten zu durch­dringen und zu unkon­trol­lier­baren Wesen zu machen.

In diesem Einheitsbild entfaltet sich die Tragödie vom Soldaten Wozzeck, der, geschunden und missbraucht vom Hauptmann und Doktor als ehren­werten Mitgliedern der Gesell­schaft, die Untreue seiner Marie durch deren Betrug mit dem Tambour­major erleben muss und sie schließlich ersticht. Ihr gemein­sames Kind bleibt allein zurück.

Die Kostüme von Maria Geber zeigen die handelnden Personen überwiegend in norwe­gi­schen Uniformen und tradi­tio­nellen Trachten, die an dem Feiertag getragen werden. Allein Wozzeck und Marie sind in Alltags­kleidung zu sehen. Aller­dings sind die nicht so arm und zerrissen, wie man es aus der Textvorlage erwarten sollte. Vielmehr tragen sie Kostüm und Anzug mit Krawatte wie einiger­maßen gut positio­nierte Mitglieder der Gesell­schaft. Die Armut, von der wiederholt die Rede ist, schließt beide hier nicht gänzlich aus der Gesell­schaft aus. Sie scheint auch stark in der eigenen Wahrnehmung zu bestehen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Im Ambiente des unter­kühlten und unter­schiedlich ausge­leuch­teten Raumes insze­niert Tandberg surreale Wandlungen der Handlung, indem er den Zuschauer zum Beispiel durch eine Video­pro­jektion an einer vom Doktor vorge­nommen Verstüm­melung und Verblutung eines von Wozzeck besorgten Molches teilhaben lässt. Später wird der Doktor in Ekstase über seine Faselei zum wissen­schaft­lichen Fortschritt sogar seinen eigenen Finger abtrennen. Eine Selbst­ver­stüm­melung, die ebenfalls durch Video­pro­jektion vergrößert sichtbar wird. In gewis­ser­maßen logischer Folge schneidet sich Wozzeck nach der Ermordung Maries höchst bewusst und kalku­liert die Pulsadern auf, anstatt verse­hentlich und hilflos im Moor zu versinken. Diese und andere Handlungs­ele­mente versinn­bild­lichen immer wieder eine scheinbar sachliche Perspektive der handelnden Charaktere und ihr gleich­zei­tiges Abdriften ins gefährlich Absurde. Keiner der Handlungs­träger bemerkt überhaupt nur die emotionale Konsti­tution und das Leiden des anderen, erst recht kann er sich nicht einfühlen oder darauf reagieren. Alle umkreisen sich in eigener Überhöhung. Der Tod Wozzecks erscheint als wissen­schaft­licher oder natur­ge­ge­bener Ablauf.

Abgerundet wird diese psycho­lo­gisch-kalt sezie­rende Sicht­weise durch die Video­pro­jektion des Kopfes von Johan Reuter auf der gesamten Fläche des Zwischen­vor­hangs, der jeweils die Szenen­folge trennt. Das Gesicht blickt den Zuschauer „live“ und  in unbestimmter, vager und rätsel­hafter Weise an.

Tandbergs Perso­nen­führung ist durch­gehend stringent und überzeugend. Berührend der Schluss, wenn das Kind des Paares zu seinem „hopp hopp“ den toten und ins Leere stierenden Vater zu bewegen versucht, bevor es sich wiederum schlafen legt. Die Verlegung der Handlung nach Norwegen erscheint indes assoziativ-beliebig. Örtliche Bezüge mit innerem, auch abstraktem Bezug entfalten eine nachhal­tigere Wirkung. Warum nächstens nicht auf dem Mond? Der wird sogar im Text erwähnt.

Foto © Marcus Lieberenz

Großartig präsen­tieren sich die Sänger der Produktion. Allen voran Johan Reuter als Wozzeck. Der Bass-Bariton überzeugt durch fantas­tisch diffe­ren­zierte Stimm­gebung mit einer Vielzahl von tonalen Schat­tie­rungen, exzel­lente Textver­ständ­lichkeit und überzeu­gendes, schonungs­loses Spiel. In Gestalt und Gestik verkörpert er den hilflosen, klein­bür­ger­lichen Anzug­träger im gesell­schaft­lichen Gefüge.  Die Marie von Elena Zhidkova passt in ihrem spezi­fi­schen Sopranton und tenden­ziell sachlich-kühler Erscheinung glänzend in die Produktion. Ergreifend ihr schonungs­loser Einsatz in der Bibel­szene als in der Schuld zerrissene Persönlichkeit.

Der Hauptmann von Burkhard Ulrich und der Doktor von Seth Carico überzeugen als Arche­typen der Stützen dieser Gesell­schaft. Insbe­sondere Carico zeichnet sich mit facet­ten­reichem und kraft­vollem stimm­lichem Auftritt bei diffe­ren­zierter Charak­te­ri­sierung aus. Thomas Blondelle liefert eine überzeu­gende Charak­ter­studie eines enervie­renden Tambour­majors. Das Ensemble wird ebenso überzeugend mit Matthew Newlin als Andres, Annika Schlicht als Margret, Andrew Dickinson als Narr in Conchita-Wurst-Anmutung sowie Tobias Kehrer als 1. Handwerks­bursch abgerundet. Philipp Jekal und Levi Mica Weber gaben den 2. Handwerks­bursch und den Knaben.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Jeremy Bines sowie der Kinderchor unter Christian Lindhorst überzeugen in ihren stimm­lichen Parts mit den nicht einfachen rhyth­mi­schen Aufgaben und beim heftigen Schwenken der Norwegerfähnchen.

Grandios das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter dem General­mu­sik­di­rektor Donald Runnicles. Mit außer­or­dentlich durch­sich­tiger Klang­struktur und tenden­ziell zurück­ge­nom­menem Bass des Klang­ap­pa­rates gelingt eine musika­lisch ergrei­fende Umsetzung der Partitur. Die stillen, scheuen, mensch­lichen Töne kommen bewegend zum Klingen. Und die kühle Sachlichkeit der szeni­schen Umsetzung findet gleichwohl in den klar geglie­derten Motiv- und Orches­ter­struk­turen ihre Entspre­chung im Graben. Vorbildlich die glänzend aufein­ander abgestimmten Instru­men­tal­gruppen und solis­ti­schen Partien der Orchestermitglieder.

Großer Applaus für alle Betei­ligten. Bravi für Johan Reuter und Elena Zhidkova, aber auch Donald Runnicles und das Orchester.

Achim Dombrowski

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