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Tänzchen mit dem Tod

LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
6. Oktober 2018
(Premiere)

 

Theater Bielefeld

Gerade drei Wochen ist es her, dass das Theater Bielefeld mit My Fair Lady einen frühen Saison­erfolg verbuchen konnte. Kurz danach steht mit La Traviata ein ebenso populäres Werk  auf dem Spielplan, das zu den belieb­testen Opern aller Zeiten gehört. Die Geschichte um die Pariser Kurtisane Violetta Valery, die sich in Alfredo verliebt, ihn aber aus gesell­schaft­lichen Gründen wieder verlassen muss und schließlich ihrer Krankheit erliegt, wird oft in pompösem Kitsch und falscher Senti­men­ta­lität erstickt. Hausre­gis­seurin Nadja Loschky wagt den Versuch einer fokus­sierten Sicht auf das Innen­leben der Protago­nistin und auf die gesell­schaft­lichen Reaktionen. So eine Regie birgt immer die Gefahr, künstlich-verkopft in steriler Lange­weile zu enden, aber in diesem Fall ist ihr und ihrem Team – Katrin Connan und Katharina Schlipf entwerfen Bühnenbild und Kostüme – ein echter Coup gelungen.

Von Anfang an liegt die Bühne offen, ein kalter Raum aus Vorhängen erweckt sofort Assozia­tionen an eine Leichen­halle. Tatsächlich tänzelt eine Trauer­ge­meinde samt Sarg während des Vorspiels herein, während Violetta vorne ein Tänzchen mit dem Tod wagt. Loschky hat die stumme Figur des M – M wie Morte – hinzu­gefügt, eine Gestalt, die Violetta immer wieder an ihren nahen Tod erinnert, aber auch ihren Wider­stand gegen das Schicksal anpeitscht. Tänzer Thomas Wilhelm verkörpert diese Figur mit einer großen Palette von Bewegungen, stets würdevoll und ausdrucks­stark. Auch hier muss man bemerken: Wie oft sind dazu gedichtete Tänzer überflüssig. Nicht so in dieser Insze­nierung, wo sich Wilhelm in seiner eigenen Choreo­grafie in die kluge Perso­nen­führung von Loschky einfügt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Mit einigen glitzernden Zusätzen und einer geschickten Licht­regie von Ralf Scholz springt man vom ersten Todes­kampf Violettas in ihre Welt der Verehrung. Schlipf hat ihr ein rotes Feder­kleid angepasst, dass sie als Paradies­vogel in einer Welt aus schwarzer Abend­gar­derobe  auszeichnet. Eine Figur, die von einer gaffenden Gesell­schaft auf ihre Vogel­stange gehoben wird und von der jeder eine Feder haben möchte. Ob diese Frau nun sexy ist oder leidet, die Gesell­schaft beobachtet das alles mit purer Begeis­terung. Nachdem sich Violetta für ihre Beziehung mit Alfredo zurück­ge­zogen hat und dann eines Tages zurück­kehrt, muss sie feststellen, dass sie ausge­tauscht wurde. Flora trägt nun ihr Feder­kleid, kann aller­dings nicht verbergen, dass sie ihre neue Position nur mit billiger Attitüde ausfüllt.

Loschky kann aber nicht nur Massen­szenen insze­nieren, sondern weiß auch ruhige Momente wirken zu lassen. Das erste Bild des zweiten Aktes vor einem riesigen Vollmond wird durch die Drehbühne als Fahrt ins Ungewisse inter­pre­tiert. Dass die Darsteller nun über den Satz Viele scheuten die Fahrten ins Ungewisse nicht turnen müssen, ist der einzige etwas aufge­setzt wirkende Einfall des Abends, der sich aber in den Begeg­nungen Violetta, Alfredo und dessen Vater Giorgio schnell verliert. Diese eher intimen Momente funktio­nieren in einer minima­lis­ti­schen Ausstattung nur, wenn die Darsteller das nötige Profil aufweisen können.

Das Theater Bielefeld hat das Glück, mit Irina Simmes eine Gastsän­gerin für die Titel­rolle verpflichtet zu haben, die in jeder Hinsicht dieser Rolle gerecht wird. Ihre äußere Erscheinung besitzt die nötige Eleganz samt Erotik, die genauso schnell aber in körper­liche Erschöpfung und Resignation umschlagen kann. Ihren bruchlos geführten Sopran setzt sie in den Höhen butter­weich an. Dieser Gesang verströmt puren Belcanto, ohne das aber allzu vorder­gründig einzu­setzen, sondern dabei lieber die emotio­nalen Zustände der Figur auszumalen.

Foto © Bettina Stöß

Daniel Pataky neigt dazu, die Töne etwas zu schleifen, weshalb ihm feine Zwischentöne etwas schwerer fallen als die tenorale Attacke, die er selbst­be­wusst ins Auditorium strahlt. Sein Alfredo überzeugt als leiden­schaft­licher Charakter. Mit seinem ganz indivi­du­ellen Timbre und langen Legato­linien ist Evgueniy Alexiev ein starker Giorgio Germont, fein ausge­lotet zwischen wider­lichem Kalkül und ehren­vollem Patri­archat. Auch die Neben­rollen dürfen und können aus der breiten Masse hervor­treten: Selten hat man von der Flora so viel gesehen und gehört wie hier bei Hasti Molavian. Auch Annika Brönstrup darf als Annina mehr sein als bloße Stich­wort­ge­berin. Lianghua Gong, Caio Montero, Yoshiaki Kimura und Moon Soo Park sind wie immer mit großem Einsatz auch in kleinen Rollen von der Partie. Dazu muss auch Chor und Extrachor des Theaters Bielefeld ein großes Kompliment gemacht werden, die sich in der Einstu­dierung von Hagen Enke einer­seits dezent zurück­nehmen können, aber auch das große, nie unange­nehme Forte nicht scheuen müssen.

Und auch den Biele­felder Philhar­mo­nikern unter Alexander Kalajdzic muss man ein großes Lob aussprechen, weil sie eben nicht die Traviata in trauter Begleit­musik versacken lassen. Wenn ein Dirgent es mit seinem Ensemble schafft, diesem berühmten Gassen­hauer-Brindisi andere Facetten abzuge­winnen, dann ist das schon eine Auszeichnung für sich. Das süßlich-bittere Vorspiel deutet es schon an: Passend zur Insze­nierung ist hier ein leiser Abgesang der Violetta zu erleben. Das Orchester erarbeitet sich weiche Einsätze und steigert sich zu großen Ausbrüchen, dabei rhyth­misch immer präzise und auch mit einer guten Balance mit der Bühne, so dass die Sänger nie überdeckt werden.

Ein überwiegend ruhiges Publikum lässt sich von der Aufführung mitreißen und feiert anschließend alle Betei­ligten, besonders natürlich Irina Simmes, mit einem langen, frene­ti­schen Applaus.

Christoph Broermann

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