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Gerade drei Wochen ist es her, dass das Theater Bielefeld mit My Fair Lady einen frühen Saisonerfolg verbuchen konnte. Kurz danach steht mit La Traviata ein ebenso populäres Werk auf dem Spielplan, das zu den beliebtesten Opern aller Zeiten gehört. Die Geschichte um die Pariser Kurtisane Violetta Valery, die sich in Alfredo verliebt, ihn aber aus gesellschaftlichen Gründen wieder verlassen muss und schließlich ihrer Krankheit erliegt, wird oft in pompösem Kitsch und falscher Sentimentalität erstickt. Hausregisseurin Nadja Loschky wagt den Versuch einer fokussierten Sicht auf das Innenleben der Protagonistin und auf die gesellschaftlichen Reaktionen. So eine Regie birgt immer die Gefahr, künstlich-verkopft in steriler Langeweile zu enden, aber in diesem Fall ist ihr und ihrem Team – Katrin Connan und Katharina Schlipf entwerfen Bühnenbild und Kostüme – ein echter Coup gelungen.
Von Anfang an liegt die Bühne offen, ein kalter Raum aus Vorhängen erweckt sofort Assoziationen an eine Leichenhalle. Tatsächlich tänzelt eine Trauergemeinde samt Sarg während des Vorspiels herein, während Violetta vorne ein Tänzchen mit dem Tod wagt. Loschky hat die stumme Figur des M – M wie Morte – hinzugefügt, eine Gestalt, die Violetta immer wieder an ihren nahen Tod erinnert, aber auch ihren Widerstand gegen das Schicksal anpeitscht. Tänzer Thomas Wilhelm verkörpert diese Figur mit einer großen Palette von Bewegungen, stets würdevoll und ausdrucksstark. Auch hier muss man bemerken: Wie oft sind dazu gedichtete Tänzer überflüssig. Nicht so in dieser Inszenierung, wo sich Wilhelm in seiner eigenen Choreografie in die kluge Personenführung von Loschky einfügt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Mit einigen glitzernden Zusätzen und einer geschickten Lichtregie von Ralf Scholz springt man vom ersten Todeskampf Violettas in ihre Welt der Verehrung. Schlipf hat ihr ein rotes Federkleid angepasst, dass sie als Paradiesvogel in einer Welt aus schwarzer Abendgarderobe auszeichnet. Eine Figur, die von einer gaffenden Gesellschaft auf ihre Vogelstange gehoben wird und von der jeder eine Feder haben möchte. Ob diese Frau nun sexy ist oder leidet, die Gesellschaft beobachtet das alles mit purer Begeisterung. Nachdem sich Violetta für ihre Beziehung mit Alfredo zurückgezogen hat und dann eines Tages zurückkehrt, muss sie feststellen, dass sie ausgetauscht wurde. Flora trägt nun ihr Federkleid, kann allerdings nicht verbergen, dass sie ihre neue Position nur mit billiger Attitüde ausfüllt.
Loschky kann aber nicht nur Massenszenen inszenieren, sondern weiß auch ruhige Momente wirken zu lassen. Das erste Bild des zweiten Aktes vor einem riesigen Vollmond wird durch die Drehbühne als Fahrt ins Ungewisse interpretiert. Dass die Darsteller nun über den Satz Viele scheuten die Fahrten ins Ungewisse nicht turnen müssen, ist der einzige etwas aufgesetzt wirkende Einfall des Abends, der sich aber in den Begegnungen Violetta, Alfredo und dessen Vater Giorgio schnell verliert. Diese eher intimen Momente funktionieren in einer minimalistischen Ausstattung nur, wenn die Darsteller das nötige Profil aufweisen können.
Das Theater Bielefeld hat das Glück, mit Irina Simmes eine Gastsängerin für die Titelrolle verpflichtet zu haben, die in jeder Hinsicht dieser Rolle gerecht wird. Ihre äußere Erscheinung besitzt die nötige Eleganz samt Erotik, die genauso schnell aber in körperliche Erschöpfung und Resignation umschlagen kann. Ihren bruchlos geführten Sopran setzt sie in den Höhen butterweich an. Dieser Gesang verströmt puren Belcanto, ohne das aber allzu vordergründig einzusetzen, sondern dabei lieber die emotionalen Zustände der Figur auszumalen.

Daniel Pataky neigt dazu, die Töne etwas zu schleifen, weshalb ihm feine Zwischentöne etwas schwerer fallen als die tenorale Attacke, die er selbstbewusst ins Auditorium strahlt. Sein Alfredo überzeugt als leidenschaftlicher Charakter. Mit seinem ganz individuellen Timbre und langen Legatolinien ist Evgueniy Alexiev ein starker Giorgio Germont, fein ausgelotet zwischen widerlichem Kalkül und ehrenvollem Patriarchat. Auch die Nebenrollen dürfen und können aus der breiten Masse hervortreten: Selten hat man von der Flora so viel gesehen und gehört wie hier bei Hasti Molavian. Auch Annika Brönstrup darf als Annina mehr sein als bloße Stichwortgeberin. Lianghua Gong, Caio Montero, Yoshiaki Kimura und Moon Soo Park sind wie immer mit großem Einsatz auch in kleinen Rollen von der Partie. Dazu muss auch Chor und Extrachor des Theaters Bielefeld ein großes Kompliment gemacht werden, die sich in der Einstudierung von Hagen Enke einerseits dezent zurücknehmen können, aber auch das große, nie unangenehme Forte nicht scheuen müssen.
Und auch den Bielefelder Philharmonikern unter Alexander Kalajdzic muss man ein großes Lob aussprechen, weil sie eben nicht die Traviata in trauter Begleitmusik versacken lassen. Wenn ein Dirgent es mit seinem Ensemble schafft, diesem berühmten Gassenhauer-Brindisi andere Facetten abzugewinnen, dann ist das schon eine Auszeichnung für sich. Das süßlich-bittere Vorspiel deutet es schon an: Passend zur Inszenierung ist hier ein leiser Abgesang der Violetta zu erleben. Das Orchester erarbeitet sich weiche Einsätze und steigert sich zu großen Ausbrüchen, dabei rhythmisch immer präzise und auch mit einer guten Balance mit der Bühne, so dass die Sänger nie überdeckt werden.
Ein überwiegend ruhiges Publikum lässt sich von der Aufführung mitreißen und feiert anschließend alle Beteiligten, besonders natürlich Irina Simmes, mit einem langen, frenetischen Applaus.
Christoph Broermann