O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Durchgefallen

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
13. Oktober 2018
(Premiere)

 

Aalto-Theater Essen

Der Anfang ist vielver­spre­chend. Gastdi­rigent Sébastien Rouland und die Essener Philhar­mo­niker wirbeln mit rhyth­mi­scher Akkura­tesse durch die Ouvertüre, während sich auf der Bühne der gesamte Chor des Aalto-Theaters versammelt hat. Durchweg gekleidet als Frau in Rock, Bluse und Halstuch. Drei, vier gezielte Handgriffe später stehen sie da in Hose, Hemd und Weste. Der Übergang vom Frau-Sein zum Mann-Sein ist fließend und natürlich nicht nur modischer Natur. In der Essener Neuin­sze­nierung der Carmen soll es vor allem um Gender-Klischees gehen, um Stereo­typen von Mann und Frau sowie die Ausbrecher aus diesem System. Sicher ist das ein berech­tigter Gedanke, den Regis­seurin Lotte de Beer verfolgt, angesichts dieser Titel­figur, die für weibliche Verführung steht und sich gleich­zeitig benimmt wie ein Mann. Männer wie Don José begehren sie und versuchen trotzdem, sie nach ihren Wünschen zu formen.

Es gibt Momente, da gelingt es dem Regieteam, ihre Gedanken sinngebend in die Handlung einzu­binden. Etwa bei dem Kinderchor im ersten Akt, wo unter den marschie­renden Jungs auch ein langhaa­riger Junge oder ein Mädchen – so genau ist das das nicht erkennbar – entdeckt und direkt geärgert wird. Beim Tanz der Zigeu­ne­rinnen erteilt Carmen jungen Mädchen eine Lehrstunde in weiblichen Bewegungen, der folgende Auftritt des Toreros ist folge­richtig für die Männer gedacht. So spannend das Konzept in seiner Überlegung ist, so schwierig ist es, damit die Handlung der Oper voran­zu­treiben, zumal es de Beer sich und auch dem Publikum noch zusätzlich schwer macht. Die gekürzten Dialoge werden von zwei Kinder­stimmen aus dem Off gesprochen, während die Darsteller weiter­spielen. Sicher sollen diese beiden Stimmen das Pendant zu den beiden Kinder­dar­stellern – super: Leonie Hauffe und Yashar Cantürk – auf der Bühne sein, die wohl zeigen sollen, dass die Prägung entscheidend ist. Aber so richtig deutlich wird das nicht, und die fremd gespro­chenen Dialoge zerstü­ckeln den Abend vor allem im ersten Teil in eine bloße Abfolge von musika­li­schen Nummern, während die drama­tische Zuspitzung der Akte drei und vier einiges rettet. Der Perso­nen­führung fehlt mit Ausnahme einiger Chorszenen die nötige Leiden­schaft. Für das Regie­konzept ist es notwendig, dass Auftritte und Abgänge wohl geordnet und choreo­gra­fiert ablaufen, was in den meisten Fällen auch gelingt.

Die minima­lis­tische Sicht auf Geschlechter, Menschen, Paare wird mutig von Eddy van der Laan und Pepijn Rozing unter­stützt. Sie haben neben dem Einheits­büh­nenbild auch die Einheits­kostüme entworfen. Alle Männer, alle Frauen sind gleich in schönen, tradi­tio­nellen Farben gekleidet, was den Übergang zwischen den Geschlechtern deutlich macht. Aber spätestens beim Schluss­ap­plaus wird klar, dass man zumindest bei den Neben­rollen nicht mehr durch­blickt, welche Person gerade den Beifall erhält. So schön die Kostüme auch sind: Dass alle irgendwie gleich aussehen, macht die Handlung nicht spannender und die Drama­turgie dahinter auch nicht deutlicher. Bei der Bühne handelt es sich wohl um eine Hommage an Wieland Wagners entrüm­pelte Scheibe aus Alt-Bayreuther Zeiten, die durch den Einsatz der Bühnen­technik in die Moderne geführt wird. Die an eine Manege erinnernde kreis­runde Spiel­fläche sticht aus der schwarzen Umrandung heraus und zumindest dank der Licht­technik von Alex Brok entstehen Bilder, die dann letzt­endlich doch im Gedächtnis haften bleiben.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der offene Bühnenraum – man befürchtet es vom ersten Blick an – macht den Sängern auf der großen Fläche des Aalto-Theaters das Leben schwer. Je weiter hinten sie positio­niert sind, desto kontur­loser wehen die Stimmen in den Zuschau­erraum hinein. Nicht nur gegen dieses Manko, sondern auch gegen ihre szenisch konturlose Formung muss Bettina Ranch in der Titel­rolle ansingen. Ihr stehen durchaus ein schönes Timbre mit sinnlicher, dunkler Färbung und auch alle Töne in jeder Lage zur Verfügung. Da sie aber nicht genügend mit leiden­schaft­lichen oder emotio­nalen Modula­tionen spielen kann, verpufft ihre Rolle wirkungslos. Luc Robert stemmt sich mit tragfä­higem Tenor dagegen, in eine ähnliche Bedeu­tungs­lo­sigkeit abzudriften. Ebenso wie bei Ranch gewinnt seine sehr gut geführte Stimme an emotio­nalen Format, je mehr auch die Figur Don José gefordert wird. Beide Sänger müsste man einmal in einem anderen szeni­schen Umfeld erleben. Bestens bekannt hingegen in Essen ist der Escamillo von Almas Svilpas. Nach wie vor stören die Vokal­ver­fär­bungen, nach wie vor aber entspricht sein selbst­be­wusster, viriler Zugriff auf die Tessitura der Partie genau dem Charakter des Stier­kämpfers. Die große Gewin­nerin des Abends heißt Jessica Muirhead. Die fein gespon­nenen Töne der Micaëla erreichen – unter den Bedin­gungen ein kleines Wunder – die Herzen des Publikums.

Foto © Matthias Jung

In den Neben­rollen weiß Karel Martin Ludvik mit kerniger Stimme als Zuniga zu gefallen. Martijn Cornet wirkt als Morales unsicher. Albrecht Kluds­zuweit und Rainer Maria Röhr bringen als Remendado und Dencaïro etwas Schwung auf die Bühne, ebenso Liliana de Sousa und Christina Clark als Mercédès und Frasquita. Während sich der Kinderchor von Patrick Jasolka tadellos präsen­tiert, brauchen Chor und Extrachor eine Weile, um sich vor allem harmo­nisch aufein­ander einzu­stellen. Insbe­sondere im Tenor hört man viele kleine Ungenau­ig­keiten. Spätestens aber im dritten Akt zeigen sich dann die Früchte der Einstu­dierung von Jens Bingert, und die große Szene im vierten Akt, alle Stimmen vereinend, ist großartig.

Passend zu den Farben auf der Bühne gehören auch die Farben der hervor­ra­genden Essener Philhar­mo­niker zu den Pluspunkten des Abends. Angefangen bei vielen schönen Soli-Momenten – Vorspiel dritter Akt! – geht von den Instru­menten ein prickelndes Flair aus. Fein abgemischt sind franzö­sische Trans­parenz und mediterrane Wärme. Die drama­ti­schen Spannungen des dritten und vierten Aktes steigern sie an den Rand eines Thrillers. Sébastien Rouland lässt recht flott, aber nie hitzig oder gehetzt aufspielen und hilft den Sängern so gut wie möglich, über den Graben hinweg zu kommen. Die kleinen Kabinett­stückchen – beispiels­weise das leider aus den Fugen geratene Schmugg­ler­quintett – müssen sich noch etwas einspielen.

Das Publikum ist der Gradmesser des Abends. Meist fällt der Zwischen­ap­plaus nur halbherzig aus. Wenn alle darin einstimmen, dann ist es auch gerecht­fertigt. Auch am Ende wird fein diffe­ren­ziert, wobei Jessica Muirhead verdient bejubelt wird. Die Reaktion auf das Regieteam ist deutlich. Flacher Beifall, laute Buhrufe bedeuten: durch­ge­fallen. Fairer­weise muss man erwähnen, dass so auch die Urauf­führung der Carmen endete. Das Regieteam lässt sich beim zweiten Durchlauf der Applaus­ordnung nicht noch mal blicken. Kaum senkt sich dann der Vorhang, erlischt der Beifall schlag­artig. Man fühlt: Die Zuschauer haben andere Erwar­tungen an die neue Carmen gehabt. Intendant Hein Mulders hatte viel Mut, als er die zwanzig­jährige Vorgänger-Insze­nierung mit Ruhrpott-Charme von Dietrich Hilsdorf ablösen ließ. Lotte de Beers minima­lis­tische Sicht liest sich wie ein Gegen­entwurf dazu. Es wird sich erst langfristig zeigen, ob Mulders mit ihr die richtige Wahl getroffen hat. Aller­dings stehen die Vorzeichen dafür nicht gut.

Rebecca Hoffmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: