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DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)
Besuch am
17. Oktober 2018
(Premiere am 1. September 2018)
Am Anfang stehen sie sich gegenüber, die beiden Alben. Licht- und Nachtalbe, Wotan und Alberich. Gut und Böse passt in diesem Fall nicht, eher Grippe und Pest, der kalkulierende, vertragsbrechende Gott ist dem tyrannischen, widerlichen Zwerg durchaus vorzuziehen. Mit einem fast zeitlosen Bild, in dem Wotan mit seinem Speer aus Licht einen Raum erschafft, beginnt Regisseur Markus Dietz, Oberspielleiter am Schauspiel des Staatstheaters Kassel, eine Ring-Interpretation im 21. Jahrhundert. Das kann man auch den Kostümen von Henrike Bromber entnehmen. Von Bademode über Sneakers, Schlafanzug und Arbeitskluft bis zum Smoking ist hier alles vertreten. Die Technik hat das Sagen. Christian Frantzen und Albert Geisel setzen viele Licht-Schatten-Akzente, wobei das helle, aber auch kalte Strahlen der Lichtalben dominiert. In der Art und Weise, wie das Licht auch dafür benutzt wird, um sich gegenseitig oder auch die Zuschauer zu blenden, werden die Anführer dieser Gesellschaft charakterisiert. Es sind eben Blender. David Worm ist für die Videoeinspielungen verantwortlich, in denen man beispielsweise sieht, wie Loge und Wotan auf einer Wiese von einer Riesenschlange verfolgt werden.
Ines Nadlers Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus drei sich heben und senkenden Elementen, die viele Möglichkeiten der Verwandlung und Veränderung mit sich bringen, aber auch eben die Gefahr des Verzögerns und einiger Umbaugeräusche. Eine Kommando gebende Stimme aus dem Off hört man übrigens auch öfter während der Vorstellung. Nadlers wandelnder Raum ist vor allem für die erste Szene auf dem Grunde des Rheins prädestiniert, wo er zusammen mit herabhängendem Glitzer die Assoziation mit einem Flussbett weckt. Wallhall rollt dann als ein riesiges, aus kaltem Licht erzeugten W aus der Bühnentiefe heran. Der wie ein Logo auf einem Wolkenkratzer wirkende Buchstabe könnte allerdings ebenso für Wotan, Wagner oder auch Wahn stehen. Letzteres würde auch Sinn machen, weil die Erbauer von Walhall, die Riesen Fasolt und Fafner, mit ihrem Werk ihre zahlungssäumigen Auftragsgeber gefährlich nah an den Abgrund, sprich den Orchestergraben quetschen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Vom Regisseur Dietz gibt es eine lebendige Personenführung und viele Einfälle, die man so oder so ähnlich aus anderen Inszenierungen kennt. Eine interessante Interpretation ist, den Hort Alberichs als unterdrückte Arbeitskräfte darzustellen. Eine große Gruppe Statisten, die sich anfangs noch mit den Rheintöchtern auf einer langweiligen Strandparty amüsieren, sind im dritten Bild traumatisierte Menschen in weißer Unterwäsche, die anscheinend mehr Angst haben vor Alberichs Pistole als vor dem Ring. Ob Dietz der Macht des Rings misstraut oder ob Macht nur mit Brutalität gleichzusetzen ist? So ganz genau wird am Vorabend nicht deutlich, was für den Regisseur diese Macht bedeutet, aber das kann ja noch an den folgenden drei Abenden ausgearbeitet werden.
Interessant dürfte vor allem zu verfolgen sein, wie sich das Staatsorchester Kassel im Verlauf des bis 2020 vollendeten Rings entwickeln wird. Gemessen am Rheingold darf man hier Großes erwarten. Das Vorspiel ist ein makelloser Urzustand, egal ob bei diesem vertrackten Horneinsatz oder bei der wellenförmigen Streicherbewegung. So zart und lyrisch, wunderbar schwebend in allen Instrumentengruppen ausgelotet hat man den Vorabend schon lange nicht mehr gehört, da zurzeit ja oft eine musikalische Sturm-und Drang-Interpretation geboten wird. Generalmusikdirektor Francesco Angelico wählt mit viel Ruhe und Transparenz einen anderen Weg. Bei ihm dürfen die Musiker ein Legato wirklich auskosten, ohne je in falsches Pathos geschweige denn gepflegte Langeweile zu verfallen. Selbst die großen Kraftmomente besitzen stets eine elegante Schönheit.

Umso deutlicher wird da der Kontrast zu einigen Sängern, die sich gerade eben im Forte unschön von dem Wohlklang aus dem Graben abheben. Thomas Gazheli beginnt seinen Flirt mit den Rheintöchtern mit vielen kleinen Zwischentönen, aber mehr und mehr wird sein Forte zu einer gebellten Form des Gesangs. Das passt zu seiner intensiven Darstellung, aber schön ist das nicht mehr. Wobei Schönheit ja auch im Auge oder Ohr des Betrachters liegt. Subjektive Geschmackssache ist daher auch das kehlige Timbre von Bjarni Thor Kristinsson, das gemessen am Applaus auch nicht jedem zu gefallen scheint. Objektiv kann man dem hohen Bass eine würdevolle Aura bescheinigen und eine konditionsstarke, raumgreifende Stimme, die ihm bei den kommenden Wotan-Partien noch dienlich sein wird.
Wie Kristinsson sind übrigens alle Sänger um eine mehr als nur deutliche Aussprache bemüht. Auch Lothar Odinius, bestens geschult im Oratorienfach, geht seinen Loge über den Text an. Da hört man viel Süffisanz und Verschlagenheit, vielleicht zu wenig Feuer, zumal sein Tenor im Forte schon etwas zu viel Vibrato aufweist. Dennoch wird diese zum Orchester passende Interpretation zu Recht gefeiert. Ein langjähriger Bayreuther Loge kommt hier und auch im Siegfried als Mime zum Einsatz: Auf Arnold Bezuyen, der mit einem farbenreichen Charaktertenor aufwartet, darf man gespannt sein. Neben diesen beiden Tenören, beide übrigens Gäste, weiß auch der zum Hausensemble gehörende Bariton Hansung Yoo als Donner eigene Maßstäbe zu setzen. Das ist die perfekte Mischung aus Wohlklang und Kraft.
Die Riesen sind charaktergemäß unterschiedlich besetzt. Marc-Oliver Oetterli verfügt als Verhandlungsführer Fasolt über die diplomatisch-angenehme Gesangslinie, Rúni Brattaberg fordert seinen Lohn gefährlich laut ein. Aus einem homogen abgestimmten Rheintöchterterzett ragt neben Elizabeth Bailey als Woglinde und Marta Herman als Floßhilde Marie-Luise Dreßen als Wellgunde etwas heraus. Jaclyn Bermudez verfügt natürlich über alle Töne der Freia, sollte solche jugendlich-dramatischen Partien aber nicht zu häufig singen, um die Schönheit ihres Soprans nicht vorzeitig zu gefährden. Ulrike Schneider bleibt als Fricka eher unauffällig. Edna Prochnik absolviert ihren Auftritt als Erda mit Hingabe und angenehmer Stimme. Tobias Hächler verleiht dem Froh schöne Legatolinien.
Ein sehr ruhiges Publikum in allen Altersklassen gibt in einem differenziert-freundlichen Beifall ein schönes Stimmungsbild ab. Im Rausgehen hört man überwiegend positive Kommentare und Neugierde auf die kommenden Teile. In Kassel ist man ja schon Ring-erfahren. Es ist seit 1961 die fünfte Interpretation des Bühnenfestspiels. So in sich stimmig der Vorabend auch gelungen ist, so kann man von einem wirklich neuen Interpretationsansatz noch nicht sprechen.
Rebecca Hoffmann