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IL BARBIERE DI SIVIGLIA
(Gioachino Rossini)
Besuch am
18. Oktober 2018
(Premiere am 7. Oktober 2018)
Ein alter Vormund liebt sein junges, reiches Mündel und will sie heiraten. Das Mündel liebt aber einen jungen Mann, der sich als armer Student ausgibt, in Wirklichkeit aber ein Graf ist. Die beiden bekommen Hilfe von einem übereifrigen Barbier und nach vielen Verkleidungen, Irrungen und Wirrungen gibt es ein Happy End. Eine ganz typische Handlung für die Commedia dell’arte mit dem bekannten Personal. Da wundert es nicht, dass Regisseur Martin G. Berger einen gedanklichen Sprung zu einer anderen Theaterform gemacht hat, in der bis heute diese Schablonen von komischen Figuren existieren: dem Marionettentheater. An dieser Stelle muss dem Kreativteam, das für Bühnenbild, Maske und Kostüme verantwortlich ist, das erste von vielen Komplimenten gemacht werden. Die Bühne des Opernhauses ist nahe an der Rampe zu einem leicht überdimensionierten Guckkasten mit rotem Vorhang verwandelt worden. Dahinter tobt sich Sarah-Katharina Karl mit kleinen Bühnenbildern aus, denn von Szene zu Szene ändert sich die Kulisse. Monika Knauer, der Leiterin der Maske, und Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter ist das Kunststück gelungen, die Sänger in lebendige, hinreißende Marionetten zu verwandeln, die mit der entsprechenden Technik und dazu auch mit den passenden eckigen Bewegungen über die Bühne hopsen.
Aber bevor gesungen wird, tritt erstmal eine dazu erfundene Figur auf, ein Erzähler. Kammersänger Hannes Brock führt mit seiner charmanten, unvergleichlichen Art durch die Handlung, die um viele Rezitative ärmer ist. Als dann Figaro mit seiner Auftrittskavantine Largo al factotum den Gesangsreigen eröffnet, wird klar, dass dieser Opernabend anders ablaufen wird als gewohnt. Noch ahnt aber niemand wie sehr anders. Während der Erzähler nun dahin führt, dass der Graf Almaviva sich als armer Lindoro ausgibt, um die hübsche Rosina zu treffen und sie aus dem Haus ihres Vormundes Bartolo zu entführen, wird man während der Arien mit tausenden von Requisiten und Einfällen, darunter auch andere Puppen – angefertigt von Rachel Pattison – erschlagen. Es passiert so viel auf der Bühne, dass man kaum noch weiß, wo man hinschauen soll, geschweige denn mal hinhören kann auf die Musik.
Aber der eigentliche Clou dieser Neuinszenierung kommt erst im Finale des ersten Aktes. Denn aus irgendwelchen Gründen – hier fehlt ein dramaturgischer Zwischenschritt – hat sich die Graf-Marionette von ihren Strippen befreit und legt sich nicht mit Bartolo an, sondern mit dem Erzähler, der vergeblich versucht, seine rebellische Puppe in die Schranken zu weisen. Als er niedergeschlagen wird und auch alle anderen Puppen von ihren Strippen befreit sind, bricht das absolute Chaos aus und die gesamte Technik-Abteilung, darunter auch Ralph Jürgens an den Lichtreglern, darf zeigen, was sie zu bieten hat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Im zweiten Teil müssen die befreiten Puppen mit ihrer neuen Situation zurechtkommen. Wie sie sich entwickeln und ausprobieren, gibt die eigentliche Handlung der Oper nicht so richtig her, weshalb Regisseur Berger auch ordentlich tricksen und streichen muss. Damit das nicht so auffällt, wird auch mit viel Slapstick ausgeholfen. So mutig und einfallsreich das Regiekonzept ist, so wirft es auch wieder die Frage auf, wie weit der Regisseur den musikalischen Ablauf beeinflussen darf. Was für das Konzept spricht: In einem Dauerbrenner auf deutschen Bühnen philosophische Aspekte von Individualität und Freiheit zu entdecken, ist schon genial. Gleichzeitig bedient sich der Regisseur selbst dieser künstlerischen Freiheit, in dem er – vielleicht etwas zu viel – die Oper zu seinen Gunsten verbiegt. Allerdings – und das ist definitiv ein Nachteil der Produktion – formt er die Oper nicht nur neu, sondern er überlagert die Musik auch hemmungslos mit optischen Eindrücken.
Wie geht Monotori Kobayashi am Pult damit um? Ganz einfach. Er vertraut auf den wunderbaren prickelnden Rhythmus von Rossinis Musik. Die feine Maschinerie im hochgefahrenen Orchestergraben läuft mindestens so gut wie die auf der Bühne. Kobayashi, der in Dortmund so etwas wie Spezialist für den italienischen Belcanto geworden ist, setzt auf dynamische Bewegungen, und die Dortmunder Philharmoniker ziehen stoisch mit. Sicher, ein paar Schnitzer leisten sich die Instrumentalisten schon, aber von der Ouvertüre an hört man ihnen trotzdem gerne zu.

Kobayashis eiserner Schlag hilft auch den Sängern in ihren umfangreichen Aufgaben, noch den Überblick über Koloraturen, Parlando und Martellato zu behalten. Da muss man das pauschale Kompliment in die Runde loswerden, angesichts vom szenischen Totaleinsatz, von der Decke zu baumeln, über die Bühne zu hüpfen und dabei noch so elegant in teils unmöglichen Aktionen zu singen. Die gesanglichen Leistungen zu bewerten fällt indes schwer, da ihnen von der Regie doch etwas arg viel zugemutet wird. So bleibt Denis Velev trotz schönen Materials als Basilio etwas blass. Auch von Aytaj Shikhalizada wünschte man sich in der Rolle der Rosina etwas mehr Volumen. Ihre Koloraturen meistert sie allerdings mit Bravour. Sunnyboy Dladia – so lautet der richtige Name des Tenors – möchte wie seine Figur, die er spielt, etwas mehr, als seine Stimme hergibt. Er ist mit seinem schlank geführten Tenor im richtigen Fach und hat viele schöne, strahlende Phasen parat, setzt dann zwischendurch unnötigen Druck ein, der manchen Ton kippen lässt. Großartig ist Morgan Moody als silbenspuckender Bartolo. Der sonstige Spielmacher Figaro darf hier gar nicht so dominant sein, aber Petr Sokolov singt ihn mit großem Selbstverständnis und der technischen Sicherheit, die man für die Rolle braucht. Vera Fischer – als lahme Schnecke Berta kostümiert – darf leider nicht ihre Arie im zweiten Akt singen, verdient hätte sie es. Der Herrenchor des Theaters Dortmund, einstudiert von Fabio Mancini, mischt mit einem herrlichen Auftritt das Finale des ersten Aktes ordentlich auf.
Nach der Pause sind noch ein paar Sitze mehr unbesetzt als zuvor schon. Es ist leider wenig los im Theater Dortmund, und es scheint, als überforderte die Inszenierung trotz hohen Unterhaltungswertes die Zuschauer etwas. Am Ende gibt es – nachdem der Erzähler das Heft wieder in die Hand genommen hat – natürlich ein Happy End. Der Beifall danach dürfte ruhig etwas kräftiger ausfallen. Im Foyer wird dann noch ausgiebig über die Inszenierung diskutiert, und das ist schon etwas Besonderes.
Rebecca Hoffmann