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Essener Philharmoniker - Foto © Volker Wiciok

Die Nöte der Frauen

HERZOG BLAUBARTS BURG/​ERWARTUNG
(Béla Bartók, Arnold Schönberg)

Besuch am
25. Oktober 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Now!-Festival, Philhar­monie Essen

Bevor das achte Essener Now!-Festival in 20 Konzerten unter dem Motto „form per form“ mit formspren­genden und gattungs­über­grei­fenden Experi­menten jongliert, steht der Auftakt im Rahmen des dritten Sinfo­nie­kon­zerts in der recht gut besuchten Essener Philhar­monie im Zeichen zweier „Klassiker“ des frühen modernen Musik­theaters. Béla Bartóks symbo­lis­tisch verschlüs­selter Einakter Herzog Blaubarts Burg aus dem Jahre 1911 und das zwei Jahre früher entstandene Monodram Erwartung von Arnold Schönberg, ein Höhepunkt des musika­li­schen Expres­sio­nismus, präsen­tieren trotz ihrer zeitlichen Nähe denkbar unter­schied­liche kompo­si­to­rische Handschriften. Gemeinsam sind beiden Werken freilich die extrem hohen Anfor­de­rungen an das Orchester und die Gesangssolisten.

Mit Friedemann Layer hat man einen Gast verpflichtet, der die komplexen Parti­turen klang­sinnlich und diszi­pli­niert zum Klingen bringt, so dass das dunkel grundierte Kolorit der Bartók-Oper ebenso zu seinem Recht kommt wie die aufge­heizte Stimmung in Schön­bergs Monodram. Mit souve­räner Gelas­senheit führt Layer das mächtig besetzte Orchester zu Höchst­leis­tungen, bei Bartók mit Klang­bildern von sugges­tiver Eindring­lichkeit und faszi­nie­render Leucht­kraft, bei Schönberg mit einer ebenso präzisen wie aufge­wühlten Wiedergabe, die die schroffen Brüche und Stimmungs­schwan­kungen in jedem Takt spüren lassen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Angesichts der klang­lichen Opulenz der orchestral stark besetzten Stücke kann freilich auch Layer nicht verhindern, dass die exzel­lenten Gesangs­so­listen strecken­weise brutal überrollt werden, wovon vor allem Andrew Schroeder als Herzog Blaubart betroffen ist. Ein Bariton mit einer klug geführten Stimme, der der rätsel­haften Figur nichts an schil­lernder Hinter­grün­digkeit schuldig bleibt. Ihr ebenbürtig überzeugt Deirdre Angenent als Judith, die die innere Unruhe der Figur stimmlich makellos hörbar werden lässt.

In dem kräfte­zeh­renden, fast halbstün­digen, einer drama­tisch schwan­kenden Fieber­kurve gleichenden Monolog des Schönberg-Monodrams kann Angela Denoke ihre grandiosen stimm­lichen Mittel und ihre gestal­te­rische Intel­ligenz souverän einbringen, so dass auch dieses Werk eine Inter­pre­tation auf nahezu modell­haftem Niveau erfährt.

Angela Denoke – Foto © Johan Persson

Beide Stücke, Judiths Erfor­schung des Seelen­lebens von Herzog Blaubart bei Bartók wie auch Schön­bergs Suche der Frau nach ihrem Geliebten, den sie schließlich tot im Wald auffindet, erfordern in ihrer Eigen­schaft als nach innen gerichtete Psycho­gramme keinen aufwän­digen Bühnen­zauber. Der schmale, lediglich mit sechs schwarzen Stühlen besetzte Pfad vor dem Orchester lässt der Regis­seurin Marijke Malitius ohnehin nur die Möglichkeit, die Figuren möglichst geschickt zu führen und viel Wert auf die körper­liche Gestik zu legen, was ihr auch gelingt. In der Erwartung sorgt eine bläuliche Illumi­nation des Hinter­grunds für eine zusätz­liche Prise theatra­li­scher Atmosphäre. Die stärkste Ausdrucks­kraft erzielen die Darsteller ohnehin durch ihre stimm­liche Gestaltung. Da genügt es, wenn eine so erfahrene Sängerin wie Denoke am Bühnenrand umherirrt und sich gelegentlich mit viel Körper­spannung innerer Bewegung auf einen Stuhl setzt.

Insgesamt ein rundum überzeu­gender Auftakt zur neuen Runde des Now!-Festivals, das das Publikum mit großem Beifall bedachte.

Bis zum 5. November erwarten die Besucher des haupt­sächlich von der Essener Philhar­monie und der Folkwang Univer­sität der Künste ausge­rich­teten Now!-Festivals etliche Ereig­nisse der neuen und neueren Musik, darunter mehrere Urauf­füh­rungen wie etwa eine Perfor­mance von Ondřej Adámek. Aber auch die modernen Klassiker bleiben nicht ausge­spart, so steht auch eine halbsze­nische Aufführung von Philip Glass‘ Oper Einstein on the Beach auf dem Programm.

Pedro Obiera

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