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Foto © O-Ton

Liederabend für Nostalgiker

ABEND DER FILMMUSIK
(Düsseldorf Lyric Opera)

Besuch am
27. Oktober 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Düsseldorf Lyric Opera, Art Café, Düsseldorf

Wenn man sich auf Veran­stal­tungen abseits des Mainstreams einlässt, gerät man durchaus mal an außer­or­dentlich ungewöhn­liche Spielorte. Ein solcher ist mit Sicherheit das Art Café im Düssel­dorfer Stadtteil Bilk. Von außen sieht man zunächst nicht mehr als die Glasfront von etwas, das man vorsichtig mit Antiqui­tä­ten­laden umschreiben könnte. Wer das Laden­lokal mit histo­ri­schen und alten Büchern, allerlei Krims­krams und Schnick­schnack durch­schreitet, gelangt in einen Gastraum, in dem sich Mobiliar vieler Jahrhun­derte findet, bis hin zu Kugel­lampen aus den 1970-er Jahren. Am Kopfende ist ein antiquierter Tresen aufgebaut. Links davon eine winzig kleine Bühne, die eher an eine Schleuse mit roten Vorhängen erinnert. Davor sind die für den Abend notwen­digen Instru­mente aufgebaut. Hinter den Instru­menten fällt der Blick durch eine Glaswand. Die Vorhänge dahinter verdecken nur teilweise den Blick in eine Halle, die ebenfalls mit Antiqui­täten vollge­stellt ist. Die Räume strahlen ungehemmte Nostalgie aus. Der ideale Ort, um einen Abend mit Liedern aus den Anfängen der Tonfilmzeit zu gestalten.

Dicht­ge­drängt sitzen die Gäste an den Tischen, nachdem sie sich mit Getränken und kleinen Imbissen versorgt haben. Einmal mehr, wie so oft bei Veran­stal­tungen der Düsseldorf Lyric Opera, entsteht der Eindruck, dass die Anwesenden sich alle unter­ein­ander kennen. Oder durch persön­liche Bande mit der Düsseldorf Lyric Opera verbunden sind. Und dann macht es durchaus Sinn, dass man die Akteure des Abends nicht mehr vorstellen muss. Ein Abend­zettel erübrigt sich nach Ansicht der Veran­stalter ebenfalls, weil Michael Carleton am Digital­piano durch das Programm führt. Und obwohl die Infor­ma­tionen durchaus rudimentär bleiben, zeigt sich schnell, worin der Reiz des Abends liegt. Es geht nicht um einen musik­his­to­ri­schen Abend, sondern um ein gemüt­liches Beisam­mensein von Menschen, die sich der Nostalgie hingeben wollen.

Stephanie Woodling hat in ihrer Heimat Nordamerika Gesang studiert, dort eine erste Karriere absol­viert und fünf Spiel­zeiten an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg verbracht. Jetzt eröffnet der Mezzo­sopran im schwarzen Abend­kleid in luxuriöser Verschwendung den Abend mit So oder so ist das Leben, ein Lied von Theo Mackeben, das Brigitte Horney 1934 im gleich­na­migen Film vortrug. Woodling gelingt es auf Anhieb, das Publikum zu fesseln. Mit natür­licher Ausstrahlung und ohne Scheu vor großer Geste bewegt sie sich selbst­be­wusst durch den Saal. Sie startet damit ein Feuerwerk von Schlagern, die bis heute unver­gessen sind.

Bei aller Begeis­terung von Anfang an: Der so sehr unkri­tische Umgang mit dem Liedgut hinter­lässt doch ein Gefühl von Oberfläch­lichkeit. Und spätestens, wenn es um die Durch­halte-Rhetorik der Natio­nal­so­zia­listen geht, würde man sich ein bisschen mehr Einordnung wünschen. Aber: mitge­fangen, mitge­hangen. Wer sich auf die Musik jener Zeit einlässt, muss sich auch von den Auftrags­ar­beiten Goebbels‘ – immer noch – die Ohren schmei­cheln lassen. Und wenn man das Nazi-Gedöhns mal einfach beisei­te­lässt und sich dem Charme der Musik „wertfrei“ hingibt, legiti­miert durch eine inter­na­tionale Besetzung? Ist die Ignoranz der ursprüng­lichen Absicht unter Berück­sich­tigung der immer­wäh­renden Wirkung vielleicht die bessere Antwort auf den Rechts­po­pu­lismus? Will man die Lieder jener Zeit nicht für immer ins Abseits schicken, muss man wohl mit den Argumenten leben, die die Wagne­rianer ganz ähnlich für sich beanspruchen. Dann aller­dings kann man die Musik auch voll und ganz genießen.

Beispiels­weise, wenn Riccardo Marinello im schwarzen Anzug mit Weste Ich breche die Herzen der stolzesten Frauen zum Besten gibt. Herrlich vorge­tragen, sind schon die ersten Herren im Publikum zu hören, die mitbrummen. Das war schon 1938 ein Knaller, als Heinz Rühmann den Titel von Lothar Brüne im Film Fünf Millionen suchen einen Erben vortrug, und Marinello zeigt, dass er auch jetzt noch nichts von seiner Komik und Ironie verloren hat. Der Tenor mit deutschen und italie­ni­schen Wurzeln hat an der Robert-Schumann-Hochschule Gesang studiert. Und das Programm ist für ihn maßge­schneidert. Das gibt’s nur einmal aus dem Jahr 1931 von Werner Richard Heymann und Robert Gilbert hat ursprünglich Lilian Harvey zu Weltruhm in dem Film Der Kongress tanzt verholfen.

Foto © O‑Ton

Und so geht es weiter. Zwölf Titel finden bis zur Pause statt, darunter Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe einge­stellt, dem Woodling nicht so ganz die Laszi­vität Marlene Dietrichs‘ im Film Der blaue Engel 1930 abgewinnen kann, aber wer kann das schon, das Publikum zu begeistern, reicht es allemal. Und das Duett Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, erstmals 1937 von Willy Fritsch und Lilian Harvey in Sieben Ohrfeigen aufge­führt, ist der rechte Schluss­punkt, den Woodling und Marinello auch darstel­le­risch emotional aufpeppen.

Im zweiten Teil, den Woodling grandios, jetzt in goldfar­bener Abendrobe, mit Bel ami eröffnet, ist es doch Marinello, der mit dem größeren Impetus punkten kann. Ein Lied geht um die Welt, Il postino, Brucia la terra oder Ob blond, ob braun führt der Tenor dem Publikum zu Gemüte. Dass seine Tochter ausge­rechnet bei Ob blond, ob braun laut „Papa!“ in den Saal ruft, klingt wie bestellt, ist es natürlich nicht, aber bestärkt die Glück­se­ligkeit, die Jan Kiepura 1935 im Film Ich liebe alle Frauen beim Publikum mit dem Lied von Robert Stolz hervorrief, wenn der Tenor seine Tochter auf den Arm nimmt und herzhaft küsst.

Mit dem Durch­halte-Klassiker Zarah Leanders‘ Davon geht die Welt nicht unter, den Woodling wiederum erstklassig inter­pre­tiert, entsteht die gebro­chene Brücke zur Gegenwart, die dazu führt, das gesamte Programm zu hinter­fragen. Dass Carleton im zweiten Teil das Publikum auffordert mitzu­singen – aber bitte nur beim Refrain – bestärkt dieses Gefühl, wenn die Besucher den Text weit über den Refrain hinaus beherr­schen. Mit Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen und der Zugabe Ich tanze mit dir in den Himmel hinein als Duett klingt der Abend versöhnlich aus.

Gefeiert wird neben den Sängern und Carleton nach diesem gelun­genen Abend auch der Saxophonist und Flötist Luis Pallarolas, der die Arran­ge­ments wirkungsvoll unter­stützt. Nach dem Schluss­ap­plaus gibt es noch viele Menschen, die den Künstlern persönlich ihren Respekt zum Ausdruck bringen. Wie schön, dass das bei der Düsseldorf Lyric Opera so unkom­pli­ziert ist.

Michael S. Zerban

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