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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
28. Oktober 2018
(Premiere)
Zwischen der letzten Meistersinger-Produktion und der aktuellen am Nationaltheater Mannheim (NTM) liegen gerade einmal zehn Jahre, fast auf den Tag genau. 2008 beweist Jens-Daniel Herzog mit seiner Inszenierung, dass auch modernes Regietheater dem Lebenstraum Wagners von der Einheit von Volk, Geist und Kunst profunde Erkenntnisse abzugewinnen vermag. Jetzt, am letzten Oktobersonntag 2018, wagt sich mit dem englischen Regisseur und Bühnenbildner Nigel Lowery ein Profi mit dem Anspruch in die Theateröffentlichkeit, Wagners einzige komische Oper befreit von staubigem Plüsch, fleckiger Patina und überzogenem Patriotismus zu präsentieren. Solche übel meinenden Nachreden gipfeln zumeist in der Sottise der Deutschtümelei. Daran ist vieles, weil ahistorisch gedacht, falsch. Falsch allein schon deswegen, weil das Deutschland, das da tümelt, zur Mitte des 16. Jahrhunderts, dem Zeitpunkt des Geschehens zu Nürnberg, noch gar nicht existiert.
Mit der Parsifal-Produktion aus dem Jahr 1957 im Stile von Neubayreuth erhält und pflegt das NTM eine weitgehend unveränderte Inszenierung in seinem Repertoire, die inzwischen Kultstatus aufweist. Für ein solches Haus muss es schon gewichtige Gründe geben, ausgerechnet bei den Meistersingern innerhalb von einem Jahrzehnt den Spurwechsel zu wagen. Nun gut, das Theater, in der dritten Spielzeit vom Opernintendanten Albrecht Puhlmann verantwortet, kann auf ein einschlägiges Jubiläum verweisen. Vor 150 Jahren ist das „Satyrspiel“, wie es Wagner nannte, in München uraufgeführt worden. Künstlerisch plausibler wäre es allerdings, Gründe für die Neuproduktion in der Inszenierung selbst zu finden. Lowery hält sich in der Tat aus allen ideologischen Kontroversen heraus, die spätestens mit Barrie Koskys Bayreuther Meistersinger-Inszenierung im vergangenen Jahr neu entbrannt sind. Fehden im Publikum und in Medien um die „deutsche Kunst“ im Allgemeinen und die Figur des Stadtschreibers Sixtus Beckmesser im Besonderen. Doch reicht das aus, um zu bestehen?
Lowery, der Spaßvogel, der „seine“ Monty Python, die britische Komikertruppe, ebenso aus dem Eff- Eff kennen dürfte wie die die Science-Fiction-Fernsehserie Star Trek, umschifft die heiklen Bezüge und siedelt seine Meistersinger einfach um. Die Bühnennavigation reicht von der fränkischen Butzenscheiben-Romantik mit hinterlegter Kirchengotik bis hin zu einer Kinowelt von Science-Fiction-Ikonen. Jedi-Ritter, Maskenmenschen, Akteure und Volk mit markantem Augenmakeup bevölkern ein Reich der Fantasie. Junker Walther von Stolzing gibt den Märchenprinzen mal im grünen Wams Siegfrieds, des Naturburschen, mal im silberglänzenden Outfit von Kosmonauten, die zwischen Himmel und Erde zu Hause sind.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Diese zeitübergreifende Zaubermenagerie kommt für Momente bereits im brausenden Vorspiel zum Vorschein, das das Orchester des NTM unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Alexander Soddy zupackend intoniert. Eva, das Bürgermädchen, wird den jungen Ritter Walther im spontan erblühten Liebesverlangen gewahr, während über dem Paar in spe ein Flugobjekt im Bühnenhimmel seine Bahn zieht. Star-Trek-Liebhaber werden das UFO wohl rasch als Raumschiff Enterprise identifiziert haben. Doch der Vorhang schließt sich wieder, derweil das Vorspiel seine diversen Themen abarbeitet. So schnell, lautet wohl die Botschaft, lässt sich Lowery nicht in die Karten schauen. Die Sache mit dem in Gelb gehaltenen Vorhang ist im Übrigen, wie sich alsbald herausstellt, ein strukturierendes Element dieser Inszenierung. Geschlossen hilft er, den vorderen Bühnenraum als Spielfläche einzugrenzen, allerlei Umbauten dahinter zuwege zu bringen und nicht zuletzt Spannung unter den Besuchern aufzubauen.
Lowerys Auftakt ist zugleich Programm. Wagners Originalschauplätze durchlaufen bei ihm eine Metamorphose, die sich entweder vergnüglich goutieren oder als sinnentleerter Manierismus abtun lässt. Die Katharinenkirche, Ort der ersten Begegnung von Eva und Walther sowie der Singschul‘, ist erfüllt von Reparatur- und Sanierungsarbeiten. Es wird gefegt und gewienert, ein vom Kreuz genommener Christuskorpus in die Werkstatt getragen. In die Jahre gekommen sind auch die Meister, bei wenigen Ausnahmen jedenfalls. Einer schlägt sich schauspielerisch gekonnt mit seiner Parkinson-Erkrankung herum; ein anderer müht sich mit Strickzeug ab. Diese Meister haben schon lange nicht mehr alle Fäden ihrer Bürgergesellschaft in der Hand, beäugen mit großer Skepsis den Heilsboten der neuen Zeit in Gestalt des kraftstrotzenden Ritters, der wie ein Entsandter von einem anderen Stern ihre Traditionen herausfordert.
Situationskomik rangiert vor ganzheitlichen Tableaus. Gelächter provoziert eine schwarze Katze aus Plüsch in der verbalen Rangelei Sachs‘ und Beckmessers um das angebliche „Werbelied“ des Schusters, die offenkundig ferngesteuert allerlei drollige Effekte ermöglicht. Beim Fliedermonolog des Sachs werden zwei Baumnachbildungen über die Bühne gerollt, die am Ende den Blick auf einen Bonsai-Flieder frei geben, was im Publikum mit Heiterkeit quittiert wird. Für Beckmessers Probeständchen mit obligater Laute wird eine Harfe samt Notenpult und Sitzschemel auf der Bühne installiert. Die Harfenistin Eva Wombacher zieht hier mit Spielfreude und plastischer Mimik genussvoll mit.
Mehrfach wird ein Sarg durch die Szenerie getragen. Das wirkt köstlich exakt zu dem Zeitpunkt, als Beckmesser sich mehr schlecht als recht anschickt, mit seiner Version des Preislieds Eva für sich zu gewinnen, nach und nach aber redundant. Puppen, ein witziger, auch Personal sparender Einfall übernehmen in der Prügelszene des zweiten Aufzugs den Part der rabiaten Kleinbürger. Später simulieren sie den Einmarsch der Zünfte auf der Festwiese. Irgendwie ulkig und zugleich befremdlich.
Willkürlich fällt bisweilen das Verständnis des Regisseurs für die Protagonisten aus. Der Stadtschreiber ist im Ornat eines evangelischen Pfarrers unterwegs. Eine Anspielung auf die Umstände, die für Nürnbergs Wechsel zum Protestantismus um 1525 gesorgt haben? Zu Beginn des dritten Aufzugs zeigt sich der Sachs des Thomas Jesatko, den „Wahn in Stadt- und Weltchronik“ resümierend, in seinem Zuhause ohne Bart, Perücke und Theaterschminke in Jedermanns Kleidung. Ähnlich irritierend die Szene, in der Sachs und Walther sich in rubinroten Bademänteln die Ehre geben. All das ist putzig, kommt wie das Finale, in dem Sachs Beckmesser nach einem veritablen Gewitter nicht im Regen stehen und unter seinen Schirm schlupfen lässt, beim Publikum an. Gewonnen dürfte dagegen mit dieser Inszenierung, die sich der Fassade von Entertainment unterwirft, kaum etwas sein. Dass gerade mit Wagners Meistersingern sehr wohl immer wieder Substanzielles möglich ist, hat gerade Bernd Mottl in Wiesbaden gezeigt.

Im Interview nimmt der Soddy die Komposition Wagners gegen ihre die Stereotypenmaschine bedienenden Kritiker in Schutz. „Wenn man das spielt, was in der Partitur steht“, argumentiert er, „hat man es tatsächlich mit einem Stück zu tun, das aus seiner Innigkeit, aus den leisen Tönen und der Leichtigkeit lebt.“ Dieses Credo prägt in der Tat die Sanguinik, mit der das Orchester des Hauses und der glänzend eingestellte Opernchor und Extrachor in der Einstudierung von Dani Juris das Fünf-Stunden-Wagnis angehen.
Wagnis auch deswegen, weil das Gros der Sängerdarsteller sein Rollendebüt gibt. Bei Ausnahme Jesatkos, der seine Marathonpartie mit Bravour und starker Form bewältigt, sind es notabene vier der fünf Akteure im Quintett in der Schusterstube. Astrid Kessler zeichnet Eva als kesse, anfänglich sich puppenhaft bewegende Blondine im Soubretten-Format, die zum Ende hin sängerisch wie menschlich an Statur und Substanz gewinnt. Tilmann Unger, Gast und Wagner-erprobt, gibt den Ritter vom fremden Stern ein bisschen spröde und kantig. Seine Mimik wirkt bisweilen wie angeknipst. Der Schmelz des Parnaß, den der Junker in seinem Preislied beschwört, ist nicht wirklich seine Sache. Doch Volumen und Höhe nehmen schon für ihn ein. Christopher Diffey lotet als David die feinen wie die groben Details seiner Rolle so gekonnt aus, das ihm selbst der von der Regie geschenkte Besuch im Bordell der Stadt kurz vor dem Spektakel auf der Festwiese gern abgenommen wird. Marie-Belle Sandis gibt der Magdalene gefälligere Statur, als es ihre äußerliche Erscheinung anzudeuten scheint. Tritt sie doch zumeist mit einer scheußlichen Kopfbedeckung im traditionellen Nürnberger Stil in Erscheinung.
Joachim Goltz ist als Beckmesser ein Garant des Publikumserfolgs an diesem Abend. Sein geschmeidiger Bariton trifft die humoresken wie die melancholischen Züge dieses Charakters trefflich. Unter den weiteren Meistersingern ragen Sung Ha als Veit Pogner mit seinem angenehm-warmen Timbre ungeachtet eines überzogenen Vibrato und Thomas Berau, der Stadtschreiber aus der 2008-er Besetzung, als Fritz Kothner mit sonorem Bass hervor. Bartosz Urbanowicz erfreut mit zwei witzigen Auftritten als Nachtwächter. Beim zweiten verkündet er seine Lobpreisungen zum guten Schlummer aus einem Gefährt in der Höhe, halb Drache, halb Raumschiff.
Über mehr als zehn Minuten erstreckt sich der Jubel des Publikums für alle Mitwirkenden, der ein einsames „Buh!“ zu Beginn mühelos erstickt. Auch Lowery darf sich seinen uneingeschränkten Anteil an der Akklamation abholen. Diese Meistersinger könnten erneut Geschichte schreiben, Mannheimer Schule eben, die der Neuzeit.
Ralf Siepmann