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THE FALL OF THE HOUSE OF USHER
(Philip Glass)
Besuch am
10. November 2018
(Premiere)
An Philip Glass scheiden sich die Geister. Für die einen wirkt seine Musik wie Ecstacy für Ohren und Seele. Seine Anhänger huldigen dem Gralshüter der Minimal Music vorbehaltlos und verehren den US-Amerikaner Jahrgang 1937 ohne Wenn und Aber. Für die anderen ist seine Musik oberflächlich, langweilig und teilweise nervtötend. Gleichwohl sind seine Werke und vor allem seine Opern oft wahre Publikumsmagnete.
Nun hat das Tiroler Landestheater Innsbruck seine gerade im deutschen Sprachraum viel gespielte, 1988 uraufgeführte Kammeroper The Fall of the House of Usher nach der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allen Poe herausgebracht. Die Premiere ist auch hier ausverkauft. Genug Glass-Fans also auch in Innsbruck.
Liest man Poes berühmte Erzählung, die den Untergang eines alten Adelsgeschlechts bis hin zum wirklichen Zerfall des Herrensitzes beschreibt, wird man von Anfang an in eine unheilschwangere Atmosphäre getaucht. Der Hausherr Roderick Usher schreibt seinem alten Jugendfreund William einen mysteriösen Brief und bittet ihn zum Besuch auf sein einsam gelegenes Schloss. Der kommt dem Wunsch nach und spürt sofort die unheimliche Atmosphäre in diesen Gemäuern. Rodericks anämische Schwester Madeline, die zunächst noch mit dem Tode ringt, stirbt und wird in der Familiengruft begraben. Seltsame Dinge geschehen, merkwürdige Geräusche irritieren mehr und mehr den Besucher und schlussendlich erscheint sogar die Totgeglaubte wieder, die fälschlicherweise lebendig begraben wurde und sich deshalb an ihrem Bruder tödlich rächt. William flieht noch rechtzeitig, bevor das Herrenhaus während eines heftigen Unwetters mit seinen Bewohnern in sich zusammenfällt.
Poes Erzählung lebt nicht durch die äußere Handlung, sondern vielmehr durch die literarisch einzigartige Düsternis des Erzähltons und die geschickte psychologische Charakterisierung der Figuren und ist auch deswegen zu einer Art Archetyp für Horrorgeschichten geworden.
Vor Philip Glass hatten sich schon Florent Schmitt und Claude Debussy mit diesem Stoff beschäftigt. Glass gelingt es in seiner ersten narrativen Kammeroper mit seiner flächigen und in sich kreisenden Musik, den Zuschauer von Anfang in seinen Bann zu ziehen. Der Grund, dass gerade diese Oper im deutschsprachigen Raum so gerne auf dem Spielplan steht, ist, dass hier Glass und sein Librettist Arthur Yorinks das Grauen der Handlung geschickt in eine überzeugende Dramaturgie umzusetzen wussten.
Die Innsbrucker Premiere ist eine doppelte. Zum einen die der Glass-Oper, zum anderen wurden zum ersten Mal die Kammerspiele innerhalb des erst im Oktober eröffneten Hauses der Musik neben dem Hauptgebäude des Landestheaters mit Musiktheater bespielt. Der Spielort ist für etwa 210 Plätze in klassischer Guckkasten-Manier ausgelegt und bietet praktischerweise auch einen kleinen Orchestergraben für bis zu 20 Musiker. Die nicht allzu große Bühne ist technisch reich ausgestattet und bietet sogar eine Drehbühne.
Intendant und Regisseur Johannes Reitmeier lässt es sich daher nicht nehmen, die Jungferntaufe dieser Bühne für den Bereich Musiktheater mit exzellenter Personenführung selbst durchzuführen. Und das mit großem Erfolg.
Mit seinem Bühnenbildner Michael D. Zimmermann, dem Kostümbildner Markus Braunhofer und dem Licht- und Projektionskünstler Michael Reinisch hat er gleich alle Register gezogen, um die Vorzüge des neuen Spielorts zu demonstrieren.
Da wird geschickt eine Symbiose hergestellt zwischen den historisierenden und üppigen Kostümen und der zweckdienlichen und liebevoll arrangierten Bühnenelemente samt Drehbühnenzauber und geisterhaft geführten Prospekten. Das allein wäre schon sehr beeindruckend, doch die Kombination und die virtuose Abstimmung mit den fantasievollen Projektionen ergeben erst die atemberaubende Bühnenwirkung, die diesen Opernabend zu einem Ereignis macht. Den Anhängern des amerikanischen Regisseurs Tim Burtons werden einige Déjà-vus seiner oft gruseligen Filme geboten, aber warum auch nicht?
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dem inzestuösen Verhältnis des adligen Geschwisterpaars wird zu Beginn der Oper gleich extrem viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Das kann man so machen, muss man aber nicht, zumal in Poes Vorlage dieser Aspekt nur zwischen den Zeilen angedeutet wird. Reitmeier ist wichtig, in seiner Inszenierung zu zeigen, dass der Inzest von Anfang an das Gift und das Unheil dieses widernatürlichen Begehrens der Geschwister ist. Dadurch verschenkt er aber die Möglichkeit, diesen Aspekt im Laufe der Oper allmählich erst zu entwickeln.
Selten hat man so eine gelungene Einheit zwischen Bühne, Kostüme, Licht, Projektion und Inszenierung in einer Oper erlebt. Chapeau!
Glass‘ Oper ist dafür wie geschaffen. Die Befürchtung, dass seine repetitive Musik irgendwann langweilig oder redundant werden könnte, erweist sich hier als unbegründet – im Gegenteil.
Daran haben die vier Sängerdarsteller und das hier nur zwölfköpfige Tiroler Symphonieorchester unter Seokwon Hon erheblichen Anteil.

William wird mit markantem Bariton und starker Bühnenpräsenz von Alec Avedissian dargestellt. Der Tenor Jon Jurgens in der Rolle des verwirrten Hausherren Roderick Usher erinnert mit lockiger Haarpracht äußerlich an den jungen Simon Rattle der 1980-er Jahre und spielt den unglückseligen und körperlich versehrten Adeligen sehr überzeugend. Sein Tenor ist stark und fokussiert, was manchmal allerdings dem verwirrten Ausdruck seiner Rollengestaltung entgegenläuft. Die einzige Frauenrolle, die spukhafte, aber gleichzeitig leidenschaftliche Madeline Usher singt die Sopranistin Anna-Maria Kalesidis. Philip Glass hat dieser Partie nur Vokalisen zugedacht, was Kalesidis betörend gestaltet.
Eine geniale Idee ist, die beiden Minirollen Diener und Arzt in einer Person zu vereinen. Der verdiente Sänger Dale Albright macht aus der Dienerrolle eine grandiose Verkörperung der Skurrilität und des Grauens. Stets gebückt, auf Krücken und mit weißen, langen Haaren ist er trotz der extrem kleinen Gesangsrolle vielleicht der heimliche Star des Abends.
Der Erste Kapellmeister Seokwon Hon hat im Graben alles im Griff. Das TSOI macht seine Sache recht gut, auch wenn an diesem Abend die Flöte und vor allem das Horn nicht den besten Abend haben. Die Akustik in den Kammerspielen ist etwas trocken, da hört man wirklich alles …
Fazit: eine gelungene Doppelpremiere der Glass-Oper und der neuen Spielstätte mit einer tollen Gesamtleistung und einer ausdrücklichen Werbung für das Tiroler Landestheater Innsbruck.
Eins ist sicher: Philip Glass hat an diesem Abend in jeder Hinsicht überzeugt. Und das beweist auch der stürmische Applaus eines begeisterten Publikums nach der Vorstellung. Auf nach Innsbruck!
Hartmut Rolle