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3 X B – BACH, BAUR UND BLOMENKAMP
(Johann Sebastian Bach, Jürg Baur, Thomas Blomenkamp)
Besuch am
11. November 2018
(Einmalige Aufführung)
Jürg Baur war ein Komponist – die einen sagen, aus Düsseldorf, weil er dort geboren ist und später wieder bis zu seinem Tod 2010 gelebt hat, die anderen sagen aus Köln, weil er dort studierte und arbeitete. „Ne rheinische Jong“ ist vielleicht der gemeinsame Nenner, auf den man sich festlegen kann. Zu Lebzeiten ob seiner vielseitigen Kompositionen hochgeehrt und mit allen nur erdenklichen Preisen versehen, drohte seinem Schaffen nach seinem Tod mit 91 Jahren das Vergessen der Öffentlichkeit.
Am 11. November dieses Jahres wäre Baur 100 Jahre alt geworden. Reinhold Richter wollte diesen Termin nicht unbemerkt verstreichen lassen. Richter ist Kantor und Organist an St. Helena in Mönchengladbach-Rheindahlen, setzt sich immer wieder für zeitgenössische Komponisten ein und kannte Baur persönlich. Also ging er das Risiko ein, ein Konzert als Hommage an den Komponisten in seiner Kirche zu veranstalten. Es gelang ihm sogar, den Förderkreis Geistliche Musik in St. Helena dazu zu bewegen, die Komposition eines Baur-Schülers für diesen Anlass in Auftrag zu geben. Ein Risiko war es, weil er eine im besten Sinne ganz normale Pfarrgemeinde in einem Mönchengladbacher Vorort zu betreuen hat. Ganz ohne Kompromisse ging es also nicht.

Und Richter hat alles richtig gemacht. Nahezu bis auf den letzten Platz ist der Kirchenraum an diesem Abend besetzt. Auf dem Programmzettel steht zwar jetzt mehr Bach als Baur, aber als Köder funktioniert es so. Gleich zu Beginn zeigt der Organist schon mal, was die klangschöne Orgel von St. Helena zu bieten hat. Das Präludium in h‑Moll von Johann Sebastian Bach ist die ideale Einleitung. Richter belässt es nicht bei einer bloßen „Nummern-Revue“, sondern hat den Radio-Moderator Jörg Lengersdorf eingeladen, um durch den Abend zu führen. Der hält sich auch nicht lange mit Bach auf. Im Interview mit Richter kommt er gleich auf Baur zu sprechen. Ohne zeitliche Übertreibung erfahren die interessierten Besucher von den wichtigsten Stationen in Baurs Leben und seiner Verbindung zu St. Helena in Gestalt der persönlichen Bekanntschaft von Richter und Baur. Schließlich leitet Lengersdorf über zum ersten von zwei Stücken Baurs, die dem Abend geblieben sind.
Innsbruck, ich muss dich lassen ist ein deutsches Lied, dessen Melodie von Heinrich Isaac aus dem 16. Jahrhundert stammt. Baur hat es als Grundlage für eine Canzona für Orgel und Blockflöte verwendet. Ulrich Leykam hat das 2002 entstandene Werk vier Jahre später nach Rücksprache mit dem Komponisten für Orgel und Querflöte bearbeitet. Orgel und Querflöte erscheint dem Laien erst mal als gewagte Mischung, allein, was das Volumen der beiden doch sehr unterschiedlichen Instrumente angeht. Anette Maiburg, die mit auf der Orgelempore steht, versteht, die Zweifel schnell zu zerstreuen. Klar, hell und gleichberechtigt erklingt ihre Querflöte zur Orgel. Baur hat das Lied nicht schlicht variiert, sondern verwendet allenfalls ein paar „Scherben“ daraus, wie Lengersdorf es formuliert. Und man kann es nicht anders sagen: Das Werk fällt gegen den vorangegangenen Bach nicht ab. Das zeigt auch das nachfolgende Stück. Es ist Bachs Siciliana aus der Sonate in Es-Dur für Flöte und Orgel, die Maiburg und Richter vom Altarraum aus vortragen, wo zu diesem Zweck eine Truhen-Orgel aufgebaut ist.
Es folgt nichts weiter als der Höhepunkt des Abends. Jürg Baurs Partita Aus tiefer Not aus dem Jahr 1965 ist keine Partita, sondern eine dreisätzige Sonate. Richter trägt ein eindrucksvolles Orgelwerk vor, das keine Wünsche offenlässt. 1965 nimmt Baur im Mittelsatz, dem Intermezzo, Klänge an der Orgel vorweg, die 30 Jahre später als Computermusik bekannt werden. Spannungsreich geht der dritte Satz in Form einer Passacaglia ohne Auflösung zu Ende, obwohl Baur ihn Conclusio benannt hat. Die Spannung löst Maiburg im Altarraum mit Bachs Allemande aus der Partita in a‑Moll auf. Hier kann sie noch einmal ihre ganze Virtuosität als Querflötenspielerin zeigen.

Als weiterer Höhepunkt steht die Uraufführung des siebenminütigen Werkes von Baurs Schüler Thomas Blomenkamp an, die er Aeolus benannt hat. Im Gespräch erfährt Lengersdorf, dass Blomenkamp in einem Urlaub in Burgund Figuren in einer Kirche entdeckte, die den Gott des Windes symbolisierten. Das war für ihn die Initialzündung zu einem Werk für Flöte und Orgel. Eingängig und eindrucksvoll präsentieren Maiburg und Richter das kurze Werk von der Empore aus. Dank des Querflöteneinsatzes, der sich mal dialogisch, mal quer zur Orgel, mal im gleichen Strom präsentiert, erfährt der Abend viel Abwechslung und Kurzweil, die aus den Vorurteilen gegenüber Orgelkonzerten ausbrechen. Abschließend gibt es „natürlich“ noch einmal Bach. Largo e dolce aus der Sonate in h‑Moll gibt der Aufführung einen versöhnlichen Ausklang.
Reinhold Richter ist ein Programm gelungen, das von vorne bis hinten stimmt und alle Kompromisse einschließt. Ein bisschen ausgiebiger Baur hätte es sein dürfen, aber da verspricht der Kantor für die Zukunft mehr. Er hat es geschafft, die Brücke zwischen Alter und Neuer Musik zu schlagen – und zwar so, dass die Pfarrgemeinde begeisterten Zuspruch verkündet. Ein ambitionierter Kantor hat es in der Provinz schwer, auf Neues und Interessantes aufmerksam zu machen. Richter ist das an diesem Abend gelungen. Und wer jetzt neugierig geworden ist, kann sich am Heiligen Abend selbst von der Qualität solcher Konzerte abseits der Hauptstädte überzeugen. Dann zwar nicht mehr mit Anette Maiburg, die diesen Abend versüßt hat, aber immerhin mit den Solisten Debra Hays, Annelie Bolz, Manfred Feldmann, Dae Jin Kim und Klaus Gunkel, die eine Messe von Abundius Miksch zelebrieren werden. Die ist allerdings nicht ganz so modern wie das Material, mit dem Richter die Gäste anlässlich des 100. Geburtstages von Jürg Baur begeistern kann: Miksch lebte im 18. Jahrhundert.
Michael S. Zerban