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THE INFLUENCER
(Rosi Ulrich)

Besuch am
15. November 2018
(Urauf­führung)

 

Theater 51 Grad, Orangerie Theater im Volks­garten, Köln

Welches Auto, welche Kamera, welchen Fernseher kaufe ich mir? Früher verließ man sich bei solchen Kaufent­schei­dungen auf die Familie, den Freun­des­kreis und im besten Fall auf den Händler seines Vertrauens. Im Zeitalter erodie­render sozialer Bindungen sucht die Jugend sich neue Identi­fi­ka­tions- und Vertrau­ens­per­sonen. Und hier kommen so genannte Influencer ins Spiel. Das sind – oft gleich­altrige – Menschen, denen es gelingt, in den so genannten Sozialen Medien eine Anhän­ger­schar aufzu­bauen. Wer solcher­maßen erfolg­reich ist, bekommt irgendwann Angebote von Unter­nehmen, sich für deren Produkte zu verwenden. Es gibt bereits Agenturen, die sich auf die Vermittlung solcher Bezie­hungen spezia­li­siert haben. Und so treten diese Menschen – häufig feste Bezugs­per­sonen im Leben der Jugend­lichen – als Empfehler auf. Dabei besteht weder seitens des Empfehlers noch seitens des Unter­nehmens ein überge­ord­netes Interesse, die Beziehung kenntlich zu machen. Den Nachteil hat die Anhän­ger­schar des Empfehlers, die zwischen freund­schaft­licher und gewerb­licher Empfehlung nicht mehr unter­scheiden kann. Allein das wäre mehr als eines Theater­stücks wert. Und es ist durchaus bedenklich, dass Influencer inzwi­schen als so etwas wie ein ehren­werter Zukunfts­beruf verkauft wird.

Rosi Ulrich dreht das Bezie­hungs­ge­flecht um. Sie schaut in ihrem Stück The Influencer weniger auf den Betrug an den Konsu­menten und die möglichen Folgen eines genera­li­sierten Vertrau­ens­ver­lustes, sondern stellt die Entwicklung einer Bloggerin und ihr Empfinden in den Mittel­punkt. Das ist gewagt, weil in gewisser Hinsicht eine Täter-Opfer-Umkehr, aber im Stück durchaus einleuchtend. Denn hier wird die Bloggerin mit dem vielsa­genden Namen NatNike selbst zum Opfer „höherer Kräfte“. Ulrich siedelt das Stück auf mehreren Ebenen an. Da gibt es die mytho­lo­gische Geschichte um das Goldene Vlies, den Kampf einzelner Großkon­zerne um die Weltmacht und eben das Einzel­schicksal eines Mädels, das doch nur ein paar „gesunde“ und „umwelt­ver­träg­liche“ Produkte empfiehlt – bis es sich darauf einlässt, Aktien­käufe anzubiedern. Ulrich schreckt dabei vor den großen Themen nicht zurück. Die Konzen­tration der wirtschaft­lichen Macht auf immer weniger Konzerne, der schwin­dende Einfluss der Natio­nal­staaten, die Priva­ti­sierung der Militär­technik spielen hier genauso hinein wie das Treffen des Weltwirt­schafts­forums in Davos, einer Versammlung von Mächtigen, die sich selbst­herrlich und ohne Legiti­mation um die Geschicke der Welt kümmern.

Foto © Meyer Originals

Regis­seurin Andrea Bleikamp möchte daraus einen „Cyber-Thriller“ mit einer Person und vielen Stimmen machen. Die Ausstattung des Saals in der Orangerie am Kölner Volks­garten übernimmt Claus Stump. Am Kopfende ist die Tribüne für die Zuschauer aufgebaut, die bei der Urauf­führung nahezu vollbe­setzt ist. Davor mittig im Vorder­grund ein Tisch mit Computer und ein paar Utensilien, die NatNike empfehlen wird. Links und rechts hinter ihr in der Länge nach hinten zwei aufge­hängte Stangen, die mit bunten Kabeln umwickelt sind. Im Hinter­grund die Projek­ti­ons­fläche, auf die Jens Standke das Bild des Monitors wirft, auf dem auch im Verlauf des Abends Anstieg und erbar­mungs­loser Abfall der Sympathie-Bekun­dungen angezeigt werden. Er sorgt auch für die Video­pro­jektion eines imagi­nären Sternen­himmels, in den auch schon mal Sternen­bilder gezeichnet werden. Für die – nachrangige – Musik und den elemen­taren Klang ist Sibin Vassilev zuständig. Elementar insofern, als Bleikamp nur die Bloggerin auf der Bühne auftreten und die übrigen Stimmen aus dem Off einspielen lässt. Das klappt vorzüglich. Nicht weniger als neun Stimmen übernehmen die Ebenen der Konzerne, die auf der „Weltbühne“ belauscht werden oder die Geschichte Jasons und Medea erzählen. Genau das ist ziemlich anstrengend, weil man permanent auf Leute hören muss, die man nicht sieht und nicht weiter zuordnen kann, aber genial im Genre-Übergriff. Die Abgeho­benheit und Anony­mität macht wütend, während auf der Bühne das persön­liche Schicksal immer konkreter und erbärm­licher wird.

Wer glaubt, dass irgendwann ein paar Konzerne die Macht über uns haben, denkt nicht weit genug. Denn natürlich steht am Ende nur eine Macht. Und das ist die der privaten Militärs, die die Welt letztlich ins Verderben stoßen. Deshalb ist auch egal, dass NatNike, die begeis­te­rungs­würdig in natür­licher Spiel­freude und späterer Verzweiflung von Asta Nechajute darge­stellt wird, irgendwann aufhört, ihre Gemeinde zum Bleiben aufzu­fordern – stay tuned – und unscheinbar von der Spiel­fläche verschwindet. Die Stimmen aus dem Off sind wunderbar ausge­wählt und sehr diffe­ren­ziert vorge­tragen. Auf der Seite von 51 Grad sind die neun Namen aufge­führt, die zu den Stimmen gehören.

Viel schlimmer als die Hass-Zitate, die im Blog auftauchen, ist das Bewusstsein, dass die dummen Sprüche alle längst bekannt sind und das Publikum im Begriff steht, sich daran zu gewöhnen, sie als etwas Normales zu empfinden. Das macht Bleikamp noch mal allzu deutlich.

Nach so vielen Wahrheiten, mytho­lo­gi­schen Einstreu­ungen und so wenig Zukunfts­aus­sicht ist das Publikum nach 80 Minuten erschöpft, aber begeistert. Redlich gibt es sich Mühe, so lange wie möglich zu applau­dieren. Es gibt Folge­vor­stel­lungen und hoffentlich viele Einla­dungen an andere Bühnen. Denn dieses Stück ist das eindrucks­vollste, was in diesem Jahr zu erleben gewesen sein dürfte.

Michael S. Zerban

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