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Messerscharf profilierte Charaktere

ONEGIN
(John Cranko)

Besuch am
15. November 2018
(Premiere am 10. November 2018)

 

Aalto-Ballett, Theater Essen

50 Jahre hat John Crankos Klassiker Onegin mittler­weile auf dem Buckel. Was Reid Anderson als eine Art „Super­visor“ nicht davon abhält, das Erfolgs­stück mittler­weile über 20 Mal auf allen Konti­nenten am Leben erhalten zu wollen. Für Essens Ballett­di­rektor Ben Van Cauwen­bergh mit seiner Vorliebe für klassische Handlungs­bal­lette bietet sich die Arbeit wie eine maßge­schnei­derte Steil­vorlage an, mit der er die Ballett-Saison des Aalto Theaters wirkungsvoll einläutet.

Die Produktion belegt einer­seits die Ausdrucks­in­ten­sität der Choreo­grafie Crankos und anderer­seits das beacht­liche Niveau der von Agneta und Victor Valcu einstu­dierten Compagnie des Aalto-Balletts. Aller­dings sollte man darauf verzichten, Crankos Deutung des Stoffs mit der ironisch-distan­zierten Vorlage Alexander Puschkins oder der emotional überstei­gerten Oper Peter Tschai­kowskys zu vergleichen. Dafür wirkt die Ballett-Fassung denn doch zu brav. Der musika­lische Arrangeur Kurt-Heinz Stolze hat gut daran getan, auf Musik der Tschai­kowsky-Oper zu verzichten. Statt­dessen greift er auf orches­trierte Bearbei­tungen von Klavier­stücken Tschai­kowskys zurück, die freilich nicht das Niveau der Oper erreichen können.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Abgesehen von dem hohen Standard der filigran ausge­ar­bei­teten Choreo­grafie beein­druckt Crankos Onegin durch die messer­scharfen Charak­te­ri­sie­rungen der Figuren, die mit tänze­ri­schen Mitteln zum Ausdruck gebracht werden, wobei die Profile der Figuren so klar ins Licht gerückt werden wie in einer Schau­spiel­auf­führung. Und das, obwohl auch er auf effekt­volle Massen­szenen nicht verzichtet, die freilich bereits bei Puschkin eng mit der Handlung verknüpft sind.

Dezent unter­streichen raffi­nierte Licht­ef­fekte die Stimmungs­wechsel. Hell beginnt es, wenn die Welt noch in Ordnung ist. In der Duell-Szene schwärzt sich die Szene, bevor das Finale, in dem Tatjana dem moralisch labilen Onegin schweren Herzens den Laufpass gibt, rote Töne das Bild bestimmen.

Doch wichtiger ist die Sensi­bi­lität, mit der Cranko jeder Figur ein prägnantes Profil verleiht. Der lebens­frohen Olga und der intro­ver­tierten Tatjana ebenso wie dem ernst­haften Dichter Lenski und dem leicht­fer­tigen Titel­helden. Wobei die Feinarbeit an den Neben­fi­guren nicht vernach­lässigt wird.

Foto © Bettina Stöß

Obwohl das Stück für größere Compa­gnien gedacht war als das Aalto-Ballett, geht auch in den Ensemble-Teilen nichts an Eindring­lichkeit verloren. Die Synchro­nität ließe sich zwar noch verbessern, aber insgesamt wird die tänze­rische Umsetzung den Anfor­de­rungen des Stücks weitgehend gerecht. Dazu trägt die rollen­de­ckende Besetzung bei mit Maria Lucia Segalin an der Spitze, die sowohl die schüch­terne Sensi­bi­lität der jungen Tatjana als auch die emotionale Stärke der reiferen Fürstin grandios zum Ausdruck bringt. Und Yusleimy Herrera León präsen­tiert als quick­le­bendige Olga ein nicht minder gelun­genes Gegenbild. Die Arroganz und spätere Verzweiflung Onegins stellt Artem Sorochan ebenso überzeugend dar wie Denis Untila die Nachdenk­lichkeit und Verletz­lichkeit des Lenski. Und auch an den Neben­rollen ist nichts Wesent­liches auszusetzen.

Die Auswahl der Musik­stücke ist nicht spekta­kulär, aber auch nicht ungeschickt zu nennen. Die leucht­kräf­tigen Orchester-Arran­ge­ments sind bei Johannes Witt und den Essener Philhar­mo­nikern bestens aufgehoben.

Begeis­terter Beifall für einen Klassiker, der rundum erheblich stärkere künst­le­rische Zugkraft aufweist als Marius Petipas antiquiert wirkender Don Quixote im letzten Jahr.

Pedro Obiera

Pedro Obiera

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