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Busseto ist eine Gemeinde in der Provinz Parma in der Emilia-Romagna, rund 100 Kilometer von Mailand entfernt, und wenn seine Verehrer den Namen hören, wissen sie sofort, um welchen Ort es sich handelt. Hier ist Giuseppe Verdi geboren, und hier war seine Heimat. In der Chiesa di San Michele Arcangelo – der Kirche des Erzengels Michael – erlernte er das Orgelspiel. Damals ahnte er noch nicht, dass er 1874 eines der schönsten existierenden Requien in Mailand zur Uraufführung bringen würde. Vor- und Entstehungsgeschichte sind ebenso bekannt wie das Zitat, dass es sich bei dem Requiem um die beste seiner Opern handele.
Die Erlöserkirche in Langenfeld im Rheinland wurde am 28. November 1909 eingeweiht. Ab 1975 wird der Innenraum umgestaltet. Dem Paradigmenwechsel der Evangelischen Kirche folgend, dass nicht der Pfarrer den Gottesdienst hält, sondern die Gemeinde ihn feiert, wird der Altarraum bis 1981 erweitert. Für den Gottesdienst möglicherweise eine Bereicherung, für die Aufführung eines Requiems erweckt die Raumgestaltung erst mal Skepsis. Zumal die Kirche in der Größenordnung einer ganz normalen Stadtkirche liegt, auch wenn sie architektonisch, von außen betrachtet, ein Schmuckstück ist.
| Dirigentin | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Solisten | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Programm | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Seit fast 20 Jahren ist Esther Kim Kantorin an der Kirche, und ihr Traum, einmal die Messa da Requiem von Giuseppe Verdi aufzuführen, währt seit annähernd drei Jahrzehnten. Nimmt man nach solch langer Zeit in Kauf, etwas auf Biegen und Brechen aufzuführen? In einer Großstadt mag so etwas mit dem nötigen Größenwahn gehen, aber nicht im Langenfelder Vorort Immigrath, wo die Kirchengemeinde sich fest auf die musikalische Leiterin verlässt. Es muss also gute Gründe geben, wenn die Kantorin sich auf ein solches Vorhaben einlässt. Und Kim hat sie gleich bündelweise. Die nette, kleine Kirche an der Durchgangsstraße verfügt völlig überraschend über eine großartige Akustik. Das Altstadtherbst-Orchester Düsseldorf hat seine Meriten auch bei größeren Veranstaltungen längst verdient und kennt die Gegebenheiten der Kirche. Die Kantorei und der junge Kammerchor Hosanna sind hier sowieso zuhause. Und die Solisten sind erfahrene Kirchenmusiker und Opernsänger, für die ein Verdi-Requiem mehr ein Genuss denn Arbeit sein dürfte.
Dank bester Organisation, mit der sich Kirchengemeinden immer wieder auszeichnen, wird die schier endlos lange Schlange vor dem Kirchenportal zügig abgearbeitet, nachdem erst einmal die Tore geöffnet sind. Mit den Parkplätzen hätte man sich etwas großzügiger zeigen können, anstatt die Fläche vor dem nebenan liegenden Gemeindehaus abzusperren, aber das war es auch schon. Ohne Anzeichen von Hektik kann ein Konzert der Spitzenklasse pünktlich beginnen.
Mit seidenem Glanz schleichen sich die Streicher in die Herzen des Publikums, ehe der Chor einstimmt. Der musikalische Totengottesdienst wird zelebriert. Wer sich die Aufzeichnung eines Konzerts unter Leitung von Daniel Barenboim in Paris anschaut, bekommt eine Idee davon, was an diesem Abend in der Kirche passiert. Denn hier passt alles wie maßgeschneidert. Esther Kim hat hervorragende Vorarbeit geleistet. Dass der Chor noch an seiner Textverständlichkeit arbeiten könnte – geschenkt. Denn schon bald fühlt man sich wie in der Dorfkirche von Le Roncole. Draußen liegt die Landschaft der Emilia-Romagna, in der allmählich die Farben des Herbstes verblassen, das Risorgimento feiert seinen Helden Verdi, aber herinnen klingen die italienischen Stimmen, die sich den Toten widmen. Dafür, dass sich der eigentlich lateinische Text ziemlich italienisch anhört, hat Beatrice Santini wohlfeil gesorgt. Sehr abgestimmt auf die Größe des Raums erschallen die Choristen. Brausend, wie es sich gehört, das Dies irae. Gegen Ende verstärken sich die italienischen Momente. Obwohl das Amen zum Ende ein wenig verhalten klingt, ruft die letzte Strophe Gänsehaut hervor. Beim Lacrimosa dies illa ist man auf Sizilien gelandet, erinnert sich an den Paten. Das ist Atmosphäre pur.

Das Orchester unterstützt das Geschehen in idealer Weise. Ein besonderes Lob gilt sicher der großen Trommel und den Pauken, die immer wieder feinziseliert die Stimmungen untermalen. Das soll die übrigen Leistungen nicht schmälern. Wie das Altstadtherbst-Orchester für einen Verve sorgt, der die Italianità geradezu beflügelt, erlebt man nicht so oft. Dabei gibt es keine Tutti, in denen sich jeder Klang verliert. Stattdessen herrscht eine Transparenz vor, die auch den Solisten den nötigen Raum verleiht.
Es ist großartig, wenn die Solisten über ausreichende Erfahrung verfügen. Da ist keine Anspannung spürbar, der Gesang wird zum Genuss für beide Seiten und es bleibt auch Raum für die persönliche Entfaltung zu Spitzenleistungen. Allen voran Judith Hoffmann, die ihre Stimme im Libera me noch über den Chor erhebt. Mit Leichtigkeit versteht sich. Franziska Orendi wiegt ihre Stimme förmlich in der Rolle des Mezzosoprans. Rolf A. Scheider, der Bass-Bariton, und nicht irgendein Herr Schneider, wie er vom Pfarrer in der Ankündigung des Konzerts oder auch im Programmheft genannt wird, wächst über sich selbst hinaus. Seine Auftritte gehören nicht nur zu den anspruchsvollsten, sondern auch zu den stärksten des Abends. Thomas Piffka rundet das Solisten-Quartett mit tenoralem Wohlklang ab.
Esther Kim hat sich einen Traum erfüllt. Mit großer Geste hat sie ihn auf Flügeln getragen und nach nur anderthalb Stunden versöhnlich wieder zur Erde gebracht. Befreie mich, Herr, heißt es zuletzt. Und es klingt verdammt nach Ich befreie mich, Herr an diesem Abend. Das Publikum ist ergriffen, wartet die Besinnungssekunden zum Schluss des Konzerts ab, ehe es sich zu einem nicht enden wollenden Beifall hinreißen lässt. Hier läuft niemand weg, weil der Bus wartet, aber es gibt eine Menge Leute, die nach dem Konzert noch Gesprächsbedarf mit den Sängern haben. Dieser Abend wird wohl noch lange im Gedächtnis bleiben.
Michael S. Zerban