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Die Gewalt geht weiter, trotzdem …

IDOMENEO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
16. November 2018
(Premiere)

 

Theater Heidelberg

Für Peter Konwit­schny ist bei der Umsetzung eines Werkes der Opern­li­te­ratur ein konkreter, sozialer oder politi­scher Rahmen unerlässlich, der dem Werk auch für den heutigen Zuhörer einen aktuellen Bezug eröffnet. Darin agieren Menschen von heute mit ihren Hoffnungen, Ängsten und ihrem Scheitern.

In der Origi­nal­vorlage der Oper rettet gegen den Preis eines Menschen­opfers Poseidon Idomeneo aus schwerer Seenot. Idomeneo muss den ersten Menschen töten, dem er nach Rückkehr auf Land begegnet. Mit Entsetzen gewahrt der Vater Idomeneo, dass das sein Sohn Idamante ist. Nachdem Idamante ein das Land bedro­hendes Ungeheuer tötet, sein Schicksal annimmt und sich auch seine Geliebte Illia zu opfern bereit ist, verkündet ein Orakel den Verzicht auf seine Opferung und setzt Idamante und Illia als neues Königspaar ein. Auf diesem Übergang der Macht vom Vater Idomeneo auf den Sohn Idamante liegen hohe Erwartungen.

Die Hoffnung erfüllt sich in der neuen Heidel­berger Produktion nicht – trotz allem. Trotz Idamantes Vision einer fried­vollen Zukunft, trotz seines Bekennt­nisses zu Liebe und Anerkennung fremder Natio­na­li­täten und trotz der Textvorlage, wonach mit der Macht­über­nahme durch Idamante und der Verei­nigung mit der phrygi­schen, also auslän­di­schen Prinzessin eine positive Zukunfts­per­spektive begründet sein sollte.

Denn der Regisseur nimmt zwei Setzungen vor, die dem Stück eine abwei­chende Handlung und andere Wendung geben: Bei Konwit­schny greift zum einen die Politik und Staats­räson nach Idamante. Noch bevor der Oberpriester und Populist angesichts einer subjektiv so empfun­denen Bedrohung des Landes weitere Macht erringen kann, besiegt Idamante dieses Ungeheuer, sprich die Bedrohung in Form der aufzie­henden Ausländer-Migran­ten­ströme, indem er die Flücht­linge kurzerhand erschießt. Dieser Tat fällt auch seine geliebte Illia als Auslän­derin zum Opfer.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Weiterhin tötet Idomeneo abwei­chend vom Inhalt der Oper, aber in Überein­stimmung mit der ursprüng­lichen Vorlage, seinen Sohn Idamante und begeht schließlich Selbstmord. Als zynische Beigabe zu diesem Sinnbild für den Untergang einer Zivili­sation erklingt zum Schluss­ap­plaus eine sonst oft beim Musical übliche Endlos­schleife eines Jubel­chors aus dem Werk. Eine absolut schwarze, hoffnungslose Interpretation.

Der intimste Teil der Insze­nierung ist die Begegnung von Vater und Sohn während Idamante stirbt. Hier wird die Strei­cher­be­gleitung durch ein von vier Orches­ter­mu­sikern besetztes Streich­quartett auf der Bühne vor dem Orchester gespielt. Ein tief-trauriges, bewegendes Endzeitbild vom unwie­der­bring­lichen Verlust einer Zivili­sation. Im voran­ge­gan­genen Quartett stehen sich die Personen bereits ratlos und ohne Hoffnung gegenüber. Keiner weiß weiter.

Bei Bühnenbild und Kostümen von Okarina Peter und Timo Dentler herrschen zeitweise andere Welten. In den ersten beiden Akten blickt der Zuschauer auf eine mit der Licht­regie von Ralf Kabrhel ausge­staltete, bunte Ferienbild-Kulisse, auf der sich in aller Harmlo­sigkeit die zunächst fried­liche und scheinbar spaßige Handlung mit befreiten, fröhlich trinkenden und kopulie­renden Flucht­opfern entwi­ckelt. Das Volk wird später noch einmal als verführbare Masse geschildert, als es dem Oberpriester und Populisten nachzu­laufen droht und recht bald das Interesse an allem verliert. Eine andere ironische Szene entspinnt sich beim Versuch Idomeneos, mit Illia wie in einer Phase herbstlich-tapsiger Späterotik zu flirten, was die souverän abzuwehren weiß.

Das im Hinter­grund der Bühne positio­nierte Orchester fährt bei häufigem Einsatz der Hubpodien im Sturm­ge­schehen wie auf einem wellen­ge­tra­genen Segel­schiff auf und ab.

Gesungen wird in einer neuen deutschen Textfassung der langjäh­rigen Wegge­fährten des Regis­seurs, Bettina Bartz und Werner Hintze. Einer­seits wird so der Zuhörer mit klaren Worten eines heutigen Wortschatzes angesprochen, anderer­seits relati­vieren aller­dings die sehr unter­schied­lichen Deutsch­kennt­nisse und Sprach­fä­hig­keiten der Sänger diese Lösung.

Foto © Sebastian Bühler

Minfrid Mikus gibt einen überzeu­genden Idomeneo. Seine Verzweiflung, aber auch späte erotische Verführ­barkeit in den Szenen mit Illia zeigt sein vielschich­tiges Darstel­lungs­ver­mögen. Stimmlich verausgabt sich der erfahrene Sänger mit klugem Sinn für den Aufbau der anspruchs­vollen Partie nie. Der Idamante von Namwon Huh startet vielver­spre­chend, kommt  jedoch nicht ohne Mühen ins Ziel. Die Verwendung der deutschen Sprache kommt ihm bei der Stimm­führung nicht immer entgegen. Die Illia von Yasmin Özkan kann stimmlich überzeugen, findet jedoch ihre Grenzen in einer etwas einsei­tigen schau­spie­le­ri­schen Umsetzung, die mit eher tradi­tio­neller Gestik arbeitet. Stimmlich kraftvoll die Elektra Hye-Sung Na. Der Auftritt der Sängerin leidet aller­dings unter einer wenig vorteil­haften Maske und einem proble­ma­ti­schen Kostüm.

Chor und Extrachor des Theaters und Orchesters Heidelberg unter der Leitung von Ines Kaun zeigen eine abgerundete gesang­liche und darstel­le­rische Leistung.

Das Philhar­mo­nische Orchester Heidelberg unter der Leitung seines Chefdi­ri­genten Dietger Holm spielt einen fokus­sierten und spring­le­ben­digen Mozart. Die vielfachen Bewegungen auf den Wellen des Meeres vermögen dem sicheren und engagierten Spiel der Musiker nichts anzuhaben.

Das Publikum folgt dem Geschehen mit Anteil­nahme und bedankt sich bei seinen Heidel­berger Solisten und dem Orchester mit herzlichem Applaus und vielen zustim­menden Rufen. Das Regieteam wird überwiegend positiv akkla­miert, von einigen wenigen, aber nachhal­tigen Protestlern abgesehen.

Achim Dombrowski

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