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Für Peter Konwitschny ist bei der Umsetzung eines Werkes der Opernliteratur ein konkreter, sozialer oder politischer Rahmen unerlässlich, der dem Werk auch für den heutigen Zuhörer einen aktuellen Bezug eröffnet. Darin agieren Menschen von heute mit ihren Hoffnungen, Ängsten und ihrem Scheitern.
In der Originalvorlage der Oper rettet gegen den Preis eines Menschenopfers Poseidon Idomeneo aus schwerer Seenot. Idomeneo muss den ersten Menschen töten, dem er nach Rückkehr auf Land begegnet. Mit Entsetzen gewahrt der Vater Idomeneo, dass das sein Sohn Idamante ist. Nachdem Idamante ein das Land bedrohendes Ungeheuer tötet, sein Schicksal annimmt und sich auch seine Geliebte Illia zu opfern bereit ist, verkündet ein Orakel den Verzicht auf seine Opferung und setzt Idamante und Illia als neues Königspaar ein. Auf diesem Übergang der Macht vom Vater Idomeneo auf den Sohn Idamante liegen hohe Erwartungen.
Die Hoffnung erfüllt sich in der neuen Heidelberger Produktion nicht – trotz allem. Trotz Idamantes Vision einer friedvollen Zukunft, trotz seines Bekenntnisses zu Liebe und Anerkennung fremder Nationalitäten und trotz der Textvorlage, wonach mit der Machtübernahme durch Idamante und der Vereinigung mit der phrygischen, also ausländischen Prinzessin eine positive Zukunftsperspektive begründet sein sollte.
Denn der Regisseur nimmt zwei Setzungen vor, die dem Stück eine abweichende Handlung und andere Wendung geben: Bei Konwitschny greift zum einen die Politik und Staatsräson nach Idamante. Noch bevor der Oberpriester und Populist angesichts einer subjektiv so empfundenen Bedrohung des Landes weitere Macht erringen kann, besiegt Idamante dieses Ungeheuer, sprich die Bedrohung in Form der aufziehenden Ausländer-Migrantenströme, indem er die Flüchtlinge kurzerhand erschießt. Dieser Tat fällt auch seine geliebte Illia als Ausländerin zum Opfer.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Weiterhin tötet Idomeneo abweichend vom Inhalt der Oper, aber in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Vorlage, seinen Sohn Idamante und begeht schließlich Selbstmord. Als zynische Beigabe zu diesem Sinnbild für den Untergang einer Zivilisation erklingt zum Schlussapplaus eine sonst oft beim Musical übliche Endlosschleife eines Jubelchors aus dem Werk. Eine absolut schwarze, hoffnungslose Interpretation.
Der intimste Teil der Inszenierung ist die Begegnung von Vater und Sohn während Idamante stirbt. Hier wird die Streicherbegleitung durch ein von vier Orchestermusikern besetztes Streichquartett auf der Bühne vor dem Orchester gespielt. Ein tief-trauriges, bewegendes Endzeitbild vom unwiederbringlichen Verlust einer Zivilisation. Im vorangegangenen Quartett stehen sich die Personen bereits ratlos und ohne Hoffnung gegenüber. Keiner weiß weiter.
Bei Bühnenbild und Kostümen von Okarina Peter und Timo Dentler herrschen zeitweise andere Welten. In den ersten beiden Akten blickt der Zuschauer auf eine mit der Lichtregie von Ralf Kabrhel ausgestaltete, bunte Ferienbild-Kulisse, auf der sich in aller Harmlosigkeit die zunächst friedliche und scheinbar spaßige Handlung mit befreiten, fröhlich trinkenden und kopulierenden Fluchtopfern entwickelt. Das Volk wird später noch einmal als verführbare Masse geschildert, als es dem Oberpriester und Populisten nachzulaufen droht und recht bald das Interesse an allem verliert. Eine andere ironische Szene entspinnt sich beim Versuch Idomeneos, mit Illia wie in einer Phase herbstlich-tapsiger Späterotik zu flirten, was die souverän abzuwehren weiß.
Das im Hintergrund der Bühne positionierte Orchester fährt bei häufigem Einsatz der Hubpodien im Sturmgeschehen wie auf einem wellengetragenen Segelschiff auf und ab.
Gesungen wird in einer neuen deutschen Textfassung der langjährigen Weggefährten des Regisseurs, Bettina Bartz und Werner Hintze. Einerseits wird so der Zuhörer mit klaren Worten eines heutigen Wortschatzes angesprochen, andererseits relativieren allerdings die sehr unterschiedlichen Deutschkenntnisse und Sprachfähigkeiten der Sänger diese Lösung.

Minfrid Mikus gibt einen überzeugenden Idomeneo. Seine Verzweiflung, aber auch späte erotische Verführbarkeit in den Szenen mit Illia zeigt sein vielschichtiges Darstellungsvermögen. Stimmlich verausgabt sich der erfahrene Sänger mit klugem Sinn für den Aufbau der anspruchsvollen Partie nie. Der Idamante von Namwon Huh startet vielversprechend, kommt jedoch nicht ohne Mühen ins Ziel. Die Verwendung der deutschen Sprache kommt ihm bei der Stimmführung nicht immer entgegen. Die Illia von Yasmin Özkan kann stimmlich überzeugen, findet jedoch ihre Grenzen in einer etwas einseitigen schauspielerischen Umsetzung, die mit eher traditioneller Gestik arbeitet. Stimmlich kraftvoll die Elektra Hye-Sung Na. Der Auftritt der Sängerin leidet allerdings unter einer wenig vorteilhaften Maske und einem problematischen Kostüm.
Chor und Extrachor des Theaters und Orchesters Heidelberg unter der Leitung von Ines Kaun zeigen eine abgerundete gesangliche und darstellerische Leistung.
Das Philharmonische Orchester Heidelberg unter der Leitung seines Chefdirigenten Dietger Holm spielt einen fokussierten und springlebendigen Mozart. Die vielfachen Bewegungen auf den Wellen des Meeres vermögen dem sicheren und engagierten Spiel der Musiker nichts anzuhaben.
Das Publikum folgt dem Geschehen mit Anteilnahme und bedankt sich bei seinen Heidelberger Solisten und dem Orchester mit herzlichem Applaus und vielen zustimmenden Rufen. Das Regieteam wird überwiegend positiv akklamiert, von einigen wenigen, aber nachhaltigen Protestlern abgesehen.
Achim Dombrowski