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Foto © Nasser Hashemi

Hamlet singt italienisch

HAMLET
(Franco Faccio)

Besuch am
18. November 2018
(Premiere am 3. November 2018)

 

Theater Chemnitz

Als 2016 bei den Bregenzer Festspielen die gänzlich unbekannte Oper Amleto des gänzlich unbekannten Kompo­nisten Franco Faccio angesetzt wurde, war das Erstaunen über Werk, Musik und Insze­nierung groß. Kritik und Publikum waren sich einig, ein verges­senes Meister­stück erlebt zu haben. Insofern ist es ein Clou des Theaters Chemnitz, sich diese Aufführung gesichert zu haben und die italie­nisch­spra­chige Hamlet-Vertonung erstmals in Deutschland zu präsen­tieren. Wobei solche Rarität in Chemnitz keine Seltenheit ist – das Theater war schon früher bekannt für seinen Entde­cker­geist und ist auch in der aktuellen Spielzeit ausge­sprochen experi­men­tier­freudig: Peter Lund wird hier sein neues Musical Drachenherz urauf­führen, und am Ende der Saison gibt es die vergessene Operette Der Teufel auf Erden von Franz von Suppé.

Franco Faccio, 1840 geboren, gehört zu jenen italie­ni­schen Kompo­nisten, die im Schatten der Übergröße Verdis standen. Für seine zweite und gleich­zeitig letzte Oper Amleto nahm er sich keinen gerin­geren als Shake­speares Hamlet vor. Doch die Vertonung, für die Arrigo Boito das strin­gente Libretto einrichtete, erlebte nach der Urauf­führung 1865 in Genua nur noch eine weitere Insze­nierung an der Mailänder Scala. Die fiel durch, haupt­sächlich wohl wegen des indis­po­nierten Tenors, woraufhin Faccio das Kompo­nieren aufgab. Statt­dessen konzen­trierte er sich aufs Dirigieren und leitete solch wichtige italie­nische Premieren wie Wagners Meister­singer von Nürnberg, Verdis Aida und auch die Urauf­führung von dessen Otello.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Amleto ist eine Oper der großen Ensembles und Chöre, vor allem aber eine der dunklen Farben. Schwer­blütige Ariosi statt strah­lender Arien, bassge­waltige Geister­auf­tritte von Hamlets Vater und ein pompöser Trauer­marsch markieren die tragische Grund­stimmung. Auch das flott begin­nende Trinklied des Bruder­mörders Claudius schlägt in Düsternis um. Umso stärker hebt sich die Partie der Ophelia davon ab. Sie ist die Licht­ge­stalt des Werkes, und sie ist es auch in der Chemnitzer Aufführung. Guibee Yang singt sie bis in die aufblü­henden Höhen hinauf rein und zart, kulmi­nierend in der herzer­greifend gestal­teten Wahnsinn­szene. Katerina Hebelkova als Königin ist von ganz anderem Kaliber und stattet die erst hochmütige, dann von Gewis­sens­bissen gepei­nigte Regentin mit Furor und flammendem Mezzo­sopran aus. Ihr schur­ki­scher Ehemann in Gestalt von Pierre-Yves Pruvot steht ihr vokal nicht nach und trumpft mit erzenem Bassba­riton auf. Nur Gustavo Peña, der einzige Gast im Ensemble, bleibt als Hamlet mit robustem Tenor eindi­men­sional. Die Melan­cholie, die die Figur auch ausmacht, findet keine stimm­liche Entsprechung.

Foto © Nasser Hashemi

Aus dem Orches­ter­graben erklingt Faccios Musik­drama mit Vehemenz. Gerrit Prießnitz dirigiert die Robert-Schumann-Philhar­monie und den von Stefan Bilz famos präpa­rierten Chor mit großer Geste und bisweilen dynamisch ungezü­gelter Leidenschaft.

Olivier Tambosis Insze­nierung jongliert virtuos zwischen histo­ri­schem Bilder­bogen und packendem Famili­en­drama und lässt dabei immer wieder durch­schimmern, dass es sich auch um Theater im Theater handelt. Im hochäs­the­ti­schen Einheits­büh­nenbild von Frank Philipp Schlößmann und unter­stützt durch die präch­tigen Renais­sance­kostüme von Gesine Völlm entfaltet sie eine unwider­steh­liche Bilder­kraft. Die Auftritte von Hamlets Vater, der in gleißendem Licht erscheint, stellen einen sugges­tiven Höhepunkt dar.

In Bregenz gab es nur drei Auffüh­rungen, Chemnitz hingegen zeigt das Stück in dieser Spielzeit insgesamt acht Mal. Die gut besuchte Nachmit­tags­vor­stellung, die zweite der Serie, endet mit anhal­tendem Beifall und vielen Bravos für alle Mitwir­kenden. Kein Opernfan sollte sich diesen Amleto entgehen lassen.

Karin Coper

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