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Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Dem Leiden so nah

CHORKONZERT RATINGEN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
24. November 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Konzertchor Ratingen, Stadt­halle Ratingen
Meiningen

Das Singen im Chor zählt eindeutig zu den Lieblings­be­schäf­ti­gungen der Deutschen. Aber manchmal verfluchen sich die Choristen dafür, dass sie überhaupt jemals auf die Idee kamen, einem Verein beizu­treten, in dem die Sanges­kunst gepflegt wird. Uta Domnick jeden­falls hat an diesem Abend eiskalte Hände, die Aufregung hat sich bis in die Finger­spitzen geschlichen. Ein gemüt­liches Proben­wo­chenende in der Zister­zi­enser-Abtei Himmerod in der Eifel ist das eine und auch richtig schön, vor einer fast ausver­kauften Stadt­halle mit einem anspruchs­vollen Programm zu stehen und nach Möglichkeit fehlerfrei zu singen, eine ganz andere. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Thomas Gabrisch, Künst­le­ri­scher Leiter und Dirigent des Konzert­chors Ratingen, hat seiner 80-köpfigen Singschar und dem Orchester ein ordentlich anspruchs­volles Programm für das Herbst­konzert verordnet. Nach der Moldau von Bedřich Smetana und Alexander Borodins Polowetzer Tänzen steht nichts weniger als Antonín Dvořáks Stabat mater auf dem Zettel. Zwar garan­tieren Stücke wie die Moldau bis heute volle Säle, aber sie müssen eben auch besonders gut gespielt werden, wenn man sich damit noch profi­lieren will. Das ist nun eher das Problem der Sinfo­nietta Ratingen, dem Orchester, das Gabrisch nach Bedarf für die Konzerte des Konzert­chores zusam­men­stellt. Die Polowetzer Tänze aus der Oper Fürst Igor sind aller­dings alles andere als einfach zu singen, will man auch nur die Andeutung dieses betörenden Werkes erreichen. Und das Stabat mater ist für einen Freizeit­sänger durchaus geeignet, das Lampen­fieber auf den Siede­punkt zu bringen.

Auch Gabrisch ist mehr als „nur“ hochkon­zen­triert, als er an das Pult tritt. Es könnte durchaus sein, dass er seinen Sängern und Musikern zu viel zugemutet hat. Dann würde dieser Abend ein Vernich­tungs­schlag. Und die Schreck­se­kunde bildet den Auftakt. Die Sinfo­nietta vergeigt den Beginn der Moldau im Wortsinn. Es wird wild gezupft – mit der Moldau hat das nichts zu tun. Es ist ein gutes Zeichen. Mit dem Einsatz des übrigen Orchesters beginnt ein Abend, man kann es nicht anders sagen, der Super­lative. Als die Moldau einmal dem Quell­gebiet entsprungen ist, läuft’s. Klar akzen­tuiert hört man die Freuden der Bauern­hochzeit, den Tanz der Nymphen, kann sich an den jagenden Strom­schnellen und dem majes­tä­ti­schen Zug des Flusses gegen Prag erfreuen.

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Das ist großartig. Aber es geht noch besser. Mit dem Einsatz des Chors bei den Polowetzer Tänzen gelingt die Betörung, die der erste Satz auslösen soll. Chor und Sinfo­nietta gelingt es, das Publikum in den Sog dieser einzig­ar­tigen Musik zu ziehen. Und viel zu schnell sind die zwölf Minuten vorbei, in denen Tänze, Feiern und Melodien vorherr­schen, die zig-mal kopiert wurden.

Das Vorspiel ist gelungen. Ab jetzt wird es ernst. Antonín Dvořák hat sein Stabat mater unter Schmerzen geboren. Im Laufe von zwei Jahren sind ihm seine drei Kinder wegge­storben. Er ist die mater dolorosa, die ihren Schmerz in Musik kleidet. Gabrisch gelingt das Kunst­stück, ein Trauer­spiel aufzu­führen, ohne es kitschig wirken zu lassen. Die Sinfo­nietta lässt sich in der wunder­baren Akustik der Stadt­halle zu bezau­bernden Klängen hinreißen, der Chor bietet die nötige Emphase, leistet sich unter der Hand Gabrischs die nötigen Lautstärken bei den Höhepunkten, gleitende Übergänge zu den Solisten. Dass ein Chor, der sich aus Menschen zusam­men­setzt, die sich ausschließlich in ihrer Freizeit mit Gesang beschäf­tigen, zu solchen Leistungen fähig ist, erscheint unglaublich, ist aber wahr.

Im Verbund mit den Solisten gelingt hier ein wahres Kunstwerk. Daran mitwirken dürfen Sabine Schneider, die sich als Sopra­nistin sanft in den Chor einwebt, ohne darin unter­zu­gehen. Eva Vogel, die nach einer anstren­genden Konzert­woche in Wien einge­flogen ist, lässt das Alt-Solo in warmem, dunklem Timbre erschallen. Wie aus weiter Ferne klingt der lyrische Tenor von Jussi Myllys, während Thomas Faulkner mit seiner volltö­nenden Stimme einen Bass abliefert, der die Trauer­fei­er­lich­keiten abrundet. Allzu oft wirken profes­sio­nelle Sänger in solchem Zusam­menhang wie Fremd­körper, die in einen geschlos­senen Kosmos eindringen und allein durch ihre Profes­sio­na­lität überzeugen. An diesem Abend scheinen die Fäden feiner gesponnen. Vielleicht auch deshalb, weil der Chor die Übergänge so seiden­weich hinbekommt.

Das Publikum, das sich teilweise zunächst zu überflüs­sigen Zwischen­ap­plausen hinreißen lässt, steht am Ende auf, um seiner Begeis­terung Luft zu verschaffen. Der Konzertchor Ratingen hat an diesem Abend wie nie zuvor gezeigt, wozu er fähig ist. Ein großes Kompliment geht dabei an Thomas Gabrisch, der mit großen Bögen, zackigen Befehlen und einer Menge Einfüh­lungs­ver­mögen gezeigt hat, zu welcher Exzellenz vor allem der Chor fähig ist. Dass Sabine Schneider, die für die Organi­sation von Orchester und Solisten zuständig ist, zudem ein solches Spitzen­en­semble an Solisten zusam­men­ge­bracht hat, ist eines Extra­lobes würdig.

Ob ein solcher Abend in dieser Vollendung noch einmal gelingt, wenn es im Mai kommenden Jahres um den Ruhm geht, wird sich zeigen. Dann stehen weniger populäre Werke auf dem Programm: das Gloria von Francis Poulenc und die Missa di Gloria von Giacomo Puccini. Vielleicht reicht der Vertrau­ens­gewinn des heutigen Konzerts dann für ein volles Haus. Wünschenswert wäre es.

Michael S. Zerban

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