O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
IN PARADISUM
(Tobias van de Locht, Samuel Barber, Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
25. November 2018
(Einmalige Aufführung)
Für viele Gesangssolisten hat die anstrengendste Zeit des Arbeitsjahres begonnen. Der Opern- und Konzertbetrieb läuft auf Hochtouren und an den Wochenenden freuen sich die Kirchen, dass sie wieder Zulauf bekommen – weil dort Requien in allen möglichen Kombinationen aufgeführt werden. Rolf A. Scheider ist ein typisches Beispiel. In der Woche probt der Bass-Bariton an einem 500 Kilometer von der Heimat entfernten Opernhaus, am Wochenende geht es zurück nach Düsseldorf, um hier in den Kirchen aufzutreten. So wie an diesem Sonntagnachmittag in der St.-Adolfus-Kirche im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort.
Der Projekt-Chor Düsseldorf lädt zu einem eigentlich hochinteressanten Programm ein. Denn der Künstlerische Leiter Stephan Hahn hat eigens eine Komposition bei Tobias van de Lochte aus diesem Anlass in Auftrag gegeben. Um sicherzustellen, dass das neue Chorwerk auch vor vollem Haus aufgeführt wird, hat der Projekt-Chor die Uraufführung mit dem allseits beliebten Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart kombiniert. Es ist verrückt. Der Klassik-Betrieb erlebt eine Blütezeit wie lange nicht mehr, aber die Phobie vor Neuer Musik nimmt Ausmaße an, die mit normalem Menschenverstand nicht mehr zu erklären sind. Zugegeben, man muss lange nach den Perlen suchen, aber es gibt sie.
So, wie bei In paradisum, dem neuen Chorwerk – oder sollte man lieber von einem Fragment sprechen? – von Tobias van de Locht. Liest man die Beschreibung des Werkes im Programmheft, könnte man leicht der Annahme verfallen, es gehe hier um ein mindestens abendfüllendes Werk. Tatsächlich kommt das Triptychon, wie van de Locht es nennt, nicht über eine halbe Stunde hinaus. Ein Trend neuer Kompositionen, den Hahn damit erklärt, die Komponisten glaubten, dem Publikum nicht mehr zumuten zu dürfen. Und die Veranstalter greifen diese These gerne auf, vermindert sie doch das Risiko, dass ein Werk mal dafür sorgt, dass das Publikum die Aufführung vorzeitig verlässt. Im öffentlich finanzierten Konzertbetrieb ein seltsames Gebaren. Und bei van de Locht eine völlig abwegige Annahme. Seine – durchaus komfortable – Vorgabe war, für die Orchesterbesetzung des Mozart-Requiems zu komponieren. Er nutzt den Luxus formidabel.
Drei Sätze erklingen an diesem Spätnachmittag. Der erste Satz, Introitus, bleibt rein instrumental und kann süchtig machen. Gewiss, es gibt keinen wilden Experimental-Sound. Sondern solide gemachte, spannende Orchestermusik, eine moderne Romantik, wenn man so will. Van de Locht beugt sich nicht dem Dogma des Verschreckens, sondern liefert auf hohem Niveau ansprechende Musik. Diese auf wenige Minuten zu beschränken, ist schon fast eine Schande. Den zweiten Satz bildet eine Passacaglia mit einem Text nach Rainer Maria Rilke, der als Sopran-Solo präsentiert wird. Erst im dritten Satz, In paradisum, kommt der Chor zum Zuge. Er folgt dem Ordinarium der lateinischen Totenmesse. Und verliert auf der ganzen Linie. 2018 auf einen lateinischen Text zu komponieren, ist diskussionswürdig. Die Gesangslinien sind absolut diskussionswürdig, sofern man sie in der verfallenden Balance zwischen Chor und Orchester überhaupt noch hören kann. Hier gibt es bis zum großen Wurf noch Überarbeitungsbedarf. Die erfreuliche Nachricht ist nämlich schon bekannt. Der Komponist hat einen Folgeauftrag des Konzertchors Monheim in der Tasche, nach dem er den Appetizer bis zum Totensonntag kommenden Jahres zu einem vollständigen Requiem erweitern soll. Heute hat er gezeigt, dass er das Zeug dazu hat. Und dass der kommende Totensonntag Pflichtprogramm für Chorfreunde ist – in Monheim.

In Pempelfort, unweit von Landesmusikrat und Musikhochschule, gibt es derweil ein Zückerchen als Intermezzo. Aus dem Jahr 1938 stammt das Adagio for Strings von Samuel Barber. Es setzt im wahrsten Sinne viel Fingerspitzengefühl voraus, und da sind die anwesenden Mitglieder des Kölner Sinfonieorchesters, die das heutige Orchester besetzen, genau richtig. Bezaubernd, mitreißend und in der Akustik der Kirche zu Hause – da darf das Publikum schwelgen. Bestens eingestimmt, kann sich das Publikum im gutbesuchten Haus zurücklehnen, um das Hauptwerk des Abends zu erleben.
Über Mozarts Requiem, den inzwischen nicht mehr so geheimnisvollen Auftraggeber und die einzelnen Bestandteile ist alles gesagt. Und oft genug aufgeführt ist es auch und wird es noch. Die Menschen werden die Musik nicht satt. Wie bei allen bekannten und oft aufgeführten Werken gilt es umso mehr, neue Aspekte und Akzente zu finden – oder die nötige Emotionalität, das Publikum zu fesseln. Beim Projekt-Chor finden alle Ingredienzien einer erfolgreichen Aufführung zusammen. Das feine und exakte Spiel der Kölner Sinfoniker trifft auf einen hoch engagierten Chor, der das Werk zum ersten Mal und mit entsprechendem Enthusiasmus aufführt, eingefangen und in ausgewogene Balance von einem heftig arbeitenden Dirigenten Hahn gebracht.
Mitten im Orchester sind die Solisten untergebracht. Sopranistin Aisha Tümmler hat sich mit edler Stimme längst zur Expertin solcher Auftritte entwickelt. Sarah Alexandra Hudarew bietet mezzosopranistisch gekonnt den Kontrast. Als Tenor tritt Robert Reichinek an, und wieder einmal sticht Bass-Bariton Rolf A. Scheider in seiner Führungsrolle hervor.
Kurzweilig, so erscheint es einem, geht der Abend zu Ende. Die Choristen jubeln. Wieder einmal ist es ihnen gelungen, das Publikum so zu begeistern, dass es sich applaudierend erhebt, Dirigenten, Chor, Solisten und Orchester frenetisch feiert. Dafür hat die Mühe der Ehrenamtlichen sich gelohnt. Und in der nächsten Woche geht es weiter mit neuen Proben. Dann bereitet der Projekt-Chor sich auf die nächste Aufführung Ende März vor. In der Andreaskirche gibt es dann das alljährliche Benefiz-Konzert mit einem wiederum ausgefallenen Programm. Alexander Skrjabin und Franz Liszt liefern dann die Musik zum großartigen Engagement des Chors.
Michael S. Zerban