O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LES CONTES D’HOFFMANN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
25. November 2018
(Einmalige Aufführung)
Les Contes d‘ Hoffmann – eine fantastische Oper mit einer Rahmenhandlung und drei Geschichten in drei Akten. Ein Stoff, der passend ist für ein Hörbuch, das eine lange Autofahrt versüßen kann. Dazu ist diese Oper selbst eine Geschichte der Forschung. Grund dafür ist der allzu frühe Tod des Komponisten Jacques Offenbach, der vier Monate vor der Uraufführung im Februar 1881 an der Opéra comique in Paris einen Flickenteppich hinterlässt, der durch den Komponisten Ernest Guiraud zusammengefügt werden muss. Es folgt über das nächste Jahrhundert eine Suche nach den Manuskripten, die bei Erben oder Bibliotheken gefunden werden. Eine Fassung der Oper jagt die nächste. Nach- und Vorteil der diversen Fassungen und Striche ist gleichermaßen, dass man als Zuhörer nicht weiß, was ihn bei einer Aufführung erwartet. Das kann es sein, dass der beliebte Bariton-Ohrwurm Scintille diamant, der erst 1904 in die Partitur eingefügt worden ist, gar nicht vorkommt. So auch bei der konzertanten Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden, geleitet von Marc Minkowski. Gespielt wird die sogenannte Kaye/Keck-Fassung, sozusagen der letzte Schrei der Forschung. Minkowski, Spezialist für historische Aufführungspraxis, hat nahezu alle gängigen Striche geöffnet und präsentiert mit seinem Orchester Les Musiciens du Louvre diese zwischen Realität und Fiktion schwankende Geschichte in voller Länge und Dichte.
Zusammen gefasst klingt die Rahmenhandlung, Prolog und Epilog, sehr simpel. Der Dichter Hoffmann erzählt in Luthers Weinstube einigen Studenten von seinen drei großen Liebschaften, die allesamt tragisch enden. Als er fertig erzählt hat, ist er so betrunken, dass er nicht verhindern kann, dass sein Widersacher Lindorf mit seiner Geliebten Stella davon geht. In Stella manifestieren sich die drei großen Liebschaften: Die Puppe Olympia, die von Coppelius zerstört wird. Die Sängern Antonia, die von dem dämonischen Dr. Miracle in den Tod getrieben wird. Die Kurtisane Giulietta, die für den zwielichtigen Dapertutto Hoffmanns Spiegelbild raubt, indem sie dem Dichter ihre Liebe vorspielt. Begleitet, gelenkt, beobachtet wird Hoffmann in allen Situationen dieser Oper von der Muse, die in die Gestalt seines Freundes Nicklausse geschlüpft ist. Sie möchte den Dichter von seinen Liebesabenteuern abbringen, so dass er sich fortan nur noch seiner Kunst widmet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Diese unterschiedlichen Stimmungen einzufangen, gelingt dem Orchester Les Musiciens du Louvre ausgezeichnet. Minkowski und seine Musiker präsentieren sich nicht als gemütliche Märchenonkel, sondern als kluge Erzähler eines facettenreichen Romans, der sich bis an die Grenzen eines Thrillers entwickelt. Aber so, wie Genres verschwimmen, so chimärenartig ist auch der Ausdruck in den Instrumenten. Mal ausgelassen tobend, dann wieder fein und durchsichtig wie ein Nebelhauch. Auf zärtliche, liebende Motive folgen dramatische Ausbrüche, die forsch voranstreben. Ähnlich wandelbar zeigt sich der von Walter Zeh einstudierte Philharmonia-Chor Wien, der von den Geistern des Weins über eine sensationssüchtige Gesellschaft bis hin zum rachsüchtigen Pöbel alle Rollen mit sehr guter Gesangskultur ausfüllt.
Angekündigt ist eine konzertante Aufführung. Tatsächlich aber spielen die Sänger rund um das Orchester, mitunter sogar auf dem Zuschauerbalkon. Requisiten wie Stühle, Tische, Messer sind auch vorhanden. Sogar mit dem Licht wird gespielt. Romain Gilbert hat eine dramaturgische Einrichtung vorgenommen, die eine szenische Aufführung mit Bühnenbild nicht vermissen lässt. Allerdings geht die nicht völlig auf, weil Charles Castronovo und stellenweise auch Olga Peretyatko noch mit Noten singen. Castronovo ist bei seinem Rollendebüt noch etwas vorsichtig. Der Blick ist mehr abwärts auf die Noten als nach vorne gerichtet. Allerdings zeigt die Aufführung, dass der Tenor mit dem abgedunkelten Timbre ein großes Potenzial hat, sich den Hoffmann zu eigen zu machen. Er singt die Rolle mit viel Gefühl, und seine Stimme klingt in jedem Takt attraktiv und wohlgeformt. Vielleicht ist das gerade der Nachteil, denn so richtig geht diese dankbare wie schwierige Figur nicht unter die Haut. Ebenfalls noch nicht ganz verinnerlicht hat Olga Peretyatko die nicht minder anspruchsvolle Aufgabe, den drei Frauengestalten das richtige Profil zu geben. Der Olympia, hier eher als junges Mädchen dargestellt, fehlt eben das Puppenhafte. Sie wirkt trotz sicherer Koloraturen und glasklaren Tönen dieser Rolle entwachsen. Das kommt dann ihrer Antonia zu Gute, die an Emotionalität und lyrischer Empathie nicht zu überbieten ist. Die Giulietta ist nach dieser Glanzleistung eine Spur zu gekünstelt. Da kann sie mit ihrer Stimme noch so verführerisch gurren und in ihrem roten Kleid noch so famos aussehen – die Kurtisane nimmt man ihr nicht ab. Luca Pisaroni darf in diesem Rahmen sein Rollendebüt als die vier Schurken Lindorf, Coppéllius, Miracle und Dapertutto mit Erfolg zelebrieren. Allerdings fehlt es seiner Stimme doch an Resonanz und Kraft, um in den großen Ensembles präsent zu bleiben. Das ist auf der anderen Seite wieder ein Vorteil, denn so feinsinnig menschlich böse, so sorgfältig in der Textbehandlung hört man diese Figuren auch selten.

Neben dem Lindorf hinterlässt er als Miracle den besten Eindruck. Denn in diesem Akt stimmt einfach alles. Zunächst das atmosphärische Terzett mit Hoffmann und Antonias Vater Crespel, dem Jean-Vincent Blot starkes Profil gibt. Danach die große Verführung der Antonia durch Miracle, in der der teuflische Doktor sogar die Stimme der toten Mutter instrumentalisiert. Neben Pisaroni und Peretyatko darf hier Aurélia Legay für Gänsehaut sorgen. Heiteres-skurriles steuert Mathias Vidal als Diener Frantz bei, eine gelungene Mischung aus Gesang, Schauspiel und Körperbeherrschung – ganz gleich, dass er versucht, den Zuhörern genau das Gegenteil weiszumachen. Auch die weiteren Nebenrollen sind mit Marc Mauillon und Christophe Mortagne würdig besetzt.
Das letzte Wort hat die Mezzosopranistin Aude Extrémo als Muse. In einer bewegenden Apotheose weist sie dem gebrochenen Künstler den Weg: „Groß wirst du durch die Liebe, aber man wächst mit dem Schmerz.“ Sie zieht dieses Fazit mit berührender Intensität so, wie sie auch zuvor mit großer Präsenz die Aufführung mitgestaltet hat. Bei ihrem in der Tiefe so glutvoll lodernden Mezzosopran darf man aber nicht verschwiegen, dass er sich in der Höhe scharf verengt. Trotzdem: eine würdige Leistung in dieser Partie und nicht nur in der Barcarole, auf die natürlich jeder im Saal gewartet hat. Das einsetzende Flüstern in der Pianissimo-Einleitung versucht Minkowski vergeblich, mit erhobener Hand zu stoppen.
Immerhin sind die Zuschauer ebenso schnell bereit, Zwischenapplaus zu geben, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Dafür bleibt der Schlussapplaus weitgehend ungenutzt. Einmal werden alle ausgiebig beklatscht, dann ist Ende. Da hat wohl der knapp über vier Stunden dauernde Opernabend – inklusive zwei Pausen – den Großteil überfordert. Da wurden andere Veranstaltungen am gleichen Ort, die nicht so viel Tiefgang zu bieten hatten, mit mehr Jubel bedacht.
Christoph Broermann