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WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF?
(Edward Albee)
Besuch am
28. November 2018
(Einmaliges Gastspiel)
Die Festhalle Opladen am Opladener Markt im gleichnamigen Leverkusener Stadtteil wurde am 16. Dezember 1965 eröffnet. Sie ist gleichzeitig die Aula des Landrat-Lucas-Gymnasiums. Mit dem Parkplatz direkt vor der Tür, einem großzügigen Foyer und einem Saal, der 600 Sitzplätze bietet, eigentlich eine schöne Spielstätte, die inzwischen aber reichlich unansehnlich geworden ist. Wenn man ehrlich ist, kann man den Theaterraum eigentlich nur noch bespielen, wenn wirklich wichtige Gründe dafürsprechen. Ein solch wichtiger Grund liegt eindeutig dann vor, wenn die Leverkusener auf diesem Wege die Gelegenheit bekommen, ein außerordentliches Stück Theater zu erleben, das ihnen wohl sonst entgangen wäre. Dafür nimmt man dann auch schon mal zerfetzte Stuhlpolster in Kauf.
Wer hat Angst vor Virginia Woolf? wurde bereits 1962 in New York uraufgeführt, und es gibt eine bis heute unschlagbare Verfilmung aus dem Jahr 1966 von Eliah Kazan mit Liz Taylor und Richard Burton. Seit dieser Zeit gehört das Stück von Edward Albee regelmäßig auf die Spielpläne der Stadttheater dieser Welt. Und bis heute hat der rätselhafte Titel nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Albee selbst erzählt, dass er den Satz auf einem Spiegel in einer Bar von Greenwich Village entdeckt hat. Die damals noch praktisch unbekannte feministische Autorin Virginia Woolf wurde hier Opfer eines Wortspiels. Es ist und bleibt ein unsinniger Gag des Autors, denn mit Feminismus hat das Stück reichlich wenig zu tun. Weitaus aussagekräftiger bleiben die Titel der einzelnen Akte: Spaß und Spiele, Walpurgisnacht und Exorzismus. Es wird ein Spieleabend der eher grausamen Art.
Die Handlung ist vergleichsweise übersichtlich. Wie so oft, wenn es sich um wirklich gute Werke handelt. Martha und George sind seit 20 Jahren verheiratet. Er ist Geschichtsprofessor, sie Tochter des College-Präsidenten. Nach einer der opulenten Partys des Papas kommen die beiden reichlich alkoholisiert nach Hause, aber damit ist der Abend um 2 Uhr morgens noch nicht beendet. Martha hat noch Gäste eingeladen. Den jungen Biologie-Professor Nick und seine Ehefrau Honey. Der Alkohol fließt in Strömen. Und die Enthemmungen nehmen zu. Am Ende der Nacht sind die schlimmsten Spiele gespielt, das junge Paar geht nach Hause und Martha hat eine Art Exorzismus über sich ergehen lassen, der sie – möglicherweise – gereinigt zurücklässt.

Fälschlicherweise gilt das Stück als Sprungbrett für Schauspieler zur großen Karriere. Im Gegenteil erfordert es lebenserfahrene Darsteller, denen nichts Menschliches fremd ist, wenn sie den Stoff erfolgreich interpretieren wollen. Claudia Prietzel und Peter Henning haben das in Opladen zur Aufführung kommende Stück inszeniert. Für die Ausstattung haben sie Dietrich von Grebmer gewinnen können. Zu sehen ist ein belangloses Wohnzimmer, in dessen Mittelpunkt die Bar steht. Davor gibt es eine Sofa-Landschaft, dahinter ein Fenster, die Türglocke, die man eigentlich eher als Windspiel kennt. Links ein Wandschrank, davor ein weiterer Sessel, der die Außenseiterposition verdeutlicht. Abgänge gibt es reichlich. Mehr braucht es im Grunde nicht. Die Bühne ist so zeitlos wie die Kostüme. Und für das Licht von Norbert Wengorz gilt im Prinzip an und aus.
Die Genialität der Aufführung erwächst aus den Schauspielern. Mit Leslie Malton und Felix von Manteuffel, die auch im echten Leben verheiratet sind, sind nicht nur zwei Akteure gewonnen worden, die sich im Fernsehen große Namen gemacht haben, sondern die vor allem in der Lage sind, den Zustand einer Beziehung nach zwei Jahrzehnten nachzuvollziehen. Während sich von Manteuffel eher bärbeißig gibt, gemütlich in Socken über die Bühne schlurft und den Geschichtsprofessor – ein wenig weltfremd, aber nicht blöd – überzeugend darstellt, glänzt Malton mit nicht enden wollender Spielfreude. In den zweieinhalb Stunden der Aufführung zeigen Manteuffel in philosophischer Überlegenheit und Malton in feiner Gestik, wieso sie zu den besten Schauspielern Deutschlands gehören. Judith Hoersch als Honey und Urs Stämpfli als Nick stehen den arrivierten Akteuren in nichts nach, aber eben auf einem anderen Niveau. Sie sind die Jungen, die nachfolgen werden. Darauf ist das Stück auch ausgelegt.
Am Ende des Abends steht Hochachtung. Das Stück eignet sich nicht für alternde Mitglieder eines Stadttheater-Ensembles. Da würde es schnell öde und langatmig. Hier müssen wirklich exzellente Schauspieler ran, die die vielen Zwischentöne glaubhaft über die Rampe bringen. Und die sind in der Festhalle Opladen unter dem sinkenden Stern einer Spielstätte zu Gast. Fast schon peinlich ist es, eine solch hochkarätige Besetzung an diesem Ort zu empfangen.
Den Besuchern ist das egal. Sie feiern die Spiele auf der Bühne, die in einem wahrhaft ernsten Problem gipfeln, dessen Lösung offenbleibt, minutenlang mit frenetischem Applaus. Und während sich die vier vor dem Publikum verbeugen, wird noch einmal deutlich, dass die vier sich auf Augenhöhe begegnet sind. Auch das gehört zur Größe von Schauspielern wie Malton und von Manteuffel.
Michael S. Zerban