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CANZONE PER ORNELLA
(Raimund Hoghe)
Besuch am
30. November 2018
(Deutsche Erstaufführung)
Sie ist von der ersten Sekunde an da, die Magie. Die Verzauberung, die später um Poesie, die brutale Lebenswirklichkeit und die Erinnerung an Lebensstationen ergänzt wird. Ein Gefühlszauber. Zwar müssen die Zuschauer im großen Saal des Tanzhauses NRW auf die Atmosphäre der Uraufführung vom 22. Juli dieses Jahres beim Festival d’Avignon in einem historischen Klosterhof verzichten – aber dieser Abend wird so intensiv, dass es romantisierender Beigaben gar nicht bedarf, ja, die nüchterne Atmosphäre der Bühne im Düsseldorfer Tanzhaus die Darstellung befreit. Hier gibt es im Hintergrund die nüchterne Betonwand, links und rechts sind die Seitenbühnen schwarz verhängt – hier gibt es nichts zu verbergen oder zu beschönigen. „Es ist ein atemberaubendes Meisterwerk, bei dem die Beschreibung mit Worten lächerlich erscheint. Einfach umwerfend“, schrieb Amelie Blaustein Niddam einen Tag nach der Uraufführung.
Ja, dieses Lied für Ornella haut einen einfach um. Raimund Hoghe hat mit Canzone per Ornella nicht einfach eine Liebeserklärung an seine langjährige Wegbegleiterin Ornella Balestra geschaffen, die einst bei Maurice Béjart und als Primaballerina an den großen Theatern Italiens arbeitete, sondern einen Kosmos der Befindlichkeiten. Im krassen Weißlicht der Bühne, selbst auf der Tribüne bleibt ein Restlicht, das haben Hoghe und Amaury Seval so entschieden, schreitet Hoghe, ganz in Schwarz gekleidet, mit einem durchsichtigen Wasserbehälter, in dem sich ein Kinderspielzeug befindet, das ein Boot nachbildet, zu den Klängen eines Adagios für Geige und Orgel von Eriko Sato und Edward Brewer über die Bühne. Wie gewohnt, scheinbar ausdruckslos, aber immer mit höchster Eleganz. Zwischenzeitlich legt er sich auf den Bauch, tunkt die Hand in die Wasserschale und verharrt. Mehr als sieben Minuten geht das so. Und es packt dich. In die Andacht bricht O Fortuna aus den Carmina Burana von Carl Orff gewaltig ein. Lassen wir die Kritik Orffscher Musik beiseite: Sie wirkt ungeheuerlich. Am Ende steht ein ergebener Raimund Hoghe vor der Tänzerin Ornella Balestra. Sie trägt ein schwarzes, schlichtes Kleid, ihre roten Haare glühen mit dem Lippenstift um die Wette. Mit spartanischen Schritten und Gesten durchwandert sie die nächsten Lieder, die Ansgar Kluge vom Band abspielt.
Pier Paolo Pasolini war ein poetischer Sozialkritiker oder ein sozialkritischer Poet. Wie man will. Seine Romane, Filme und Gedichte haben eine ganze Generation geprägt. Auch Balestra und Hoghe sind von seinen Gedichten beeinflusst, die das Schreckliche wunderbar poetisch vortragen, wie im Gesang des Volkes – Il canto populare. Hoghe findet, dass man die Texte nicht unbedingt verstehen muss und verzichtet auf eine Übertitelung. Er lässt die wunderbare Sprachmelodie Pasolinis auf das Publikum wirken. Und wird sie mit weiteren Vorträgen der bekanntesten Gedichte wie La Guinea, La terra di Lavoro oder Pasolini e gli Italiani – 4 ergänzen. Geradezu verschmelzen möchte man mit den Landschaftsbeschreibungen, die das Italien der Jahrhunderte vereinen und gleichzeitig von den Schrecken dieser Vereinigung berichten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Eingestreut werden Lebensstationen einer erfolgreichen Tänzerin, die den schwarzen Schwan in Schwanensee interpretiert hat und das noch heute mit einer bewundernswerten Perfektion beherrscht. Der Tänzerin, die einen mordsmäßigen Spaß am Cha Cha oder Jive hat. Der Lehrerin, die mit ihrem Schüler – zum Wegwerfen komisch die Blicke Hoghes bei dieser Übung – den Blick zum Mond und zu den Sternen übt. Die Diva, die zu Liedern von Bobby Solo ihre ganze Anmut zum Glänzen bringt. Die alternde Tänzerin, die sehr nachdenklich mit Hoghe auf Stühlen sitzt und dem Song Just a Gigolo in der Interpretation von Marlene Dietrich nachhorcht. Nicht zuletzt auch die altgewordene Tänzerin, die sich mit Luca Giacomo Schulte, der an die Reinkarnation Hoghes erinnert, worauf die kurzen Hosen hindeuten mögen, die den hochgewachsenen, muskulösen Körper des Tänzers bekleiden, zu den flotten Klängen des Violino Tzigano von Milly wiegt. Die ganze Tragik eines allzu vergänglichen Tänzerlebens offenbart sich im Abschluss, wenn Balestra klassische Ballettschritte zum Concerto für zwei Oboen von Tomaso Giovanni Albinoni wählt.

Hoghe selbst bringt seine ganze Liebe für die Tänzerin auf die Bühne. Er umsorgt sie mit Requisiten, um gleich darauf wieder aus ihrem Leben zu verschwinden. Nur hin und wieder hält es ihn auf der Bühne, um die Geliebte aus der Ferne zu beobachten. Er würde nicht zulassen, dass ihr irgendetwas geschieht, was sie nicht will. Aber es gibt keinen Platz mehr in ihrem Leben für ihn. Seine ganze Verehrung offenbart sich endgültig, als er die Requisiten zu einem Altar an der Rampe zusammenträgt, mit einer Goldfolie bedeckt, auf der das Modellschiffchen seinen Platz findet, ehe er die Wasserschale auf der Bühne ausschüttet. Er hat dieses Geschöpf lange genug schützend getragen. Jetzt muss sie auf den Erinnerungen ihres Lebens weiterleben.
Ja, Niddam hat Recht. Worte werden dieser so kühl inszenierten und emotional tiefgehenden Aufführung nicht gerecht. Spätestens, wenn Hoghe eine Prozession einleitet, an deren Ende er selbst das Wort ergreift, um einen Brief vorzulesen, der die Zuschauer im Mark erschüttert, überschreitet er eine Grenze, die so wohl nur im Tanztheater von Raimund Hoghe überzeugend verletzt werden kann. Der Mann, der als Journalist begann, Dramaturg bei Pina Bausch wurde und sich vor allem mit choreografierten Biografien bekannter und weniger bekannter Künstler einen Namen machte, hat im 69. Lebensjahr nichts von seiner Eleganz, Intelligenz und Zauberkraft verloren. Da darf man sich bei aller gebotenen kritischen Distanz auch als Rezensent tief in Dankbarkeit verbeugen.
Michael S. Zerban