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LES CONTES D’HOFFMANN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
1. Dezember 2018
(Premiere)
Wohl kaum eine Oper bringt es auf mehr gespielte Fassungen als Hoffmanns Erzählungen. Da der Komponist Jacques Offenbach über der Vollendung des Werkes verstarb, und schon zu Lebzeiten diverse Aufführungsvarianten existierten, ist die Bandbreite der Versionen denkbar groß. Die Deutsche Oper Berlin hat sich diesmal für die sogenannte Lausanner Fassung entschieden, die sich bemüht, letztendlich alle verfügbaren musikalischen Kreationen, die dem Werk zugeschrieben werden, auch zu Gehör zu bringen. Die Aufführungsdauer mit zwei Pausen nähert sich der Vier-Stunden-Marke, nachgerade Wagnerschen Dimensionen.
Der Dichter Hoffmann erwartet die Sängerin Stella, die in einer Aufführung von Mozarts Don Giovanni mitwirkt, zu einer Verabredung nach der Vorstellung. Feier- und trinkfreudige Studenten können Hoffmann leicht überreden, von seinen drei vorangegangenen Abenteuern auf der Suche nach der idealen Partnerin zu singen und zu träumen. In jeder dieser drei Darstellungen entwickelt sich sodann ein Kaleidoskop von Ereignissen, das das psychologische Spannungsfeld des jeweils um seine Angebetete und seine Beziehung bangenden Liebhabers zeigen. Parallel werden Verheißung und Bedrohung gesellschaftlicher und sozialer Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich. Weiterhin wirkt das Werk wie ein Prisma des künstlerischen Werdegangs von Jacques Offenbach, der auf einem schwierigen Entwicklungsweg mit seiner ersten richtigen Oper den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens zu erreichen suchte. Sie wurde erst 1881 nach seinem Tode uraufgeführt.
Regisseur und Kostümbildner Laurent Pelly schuf die zusammen mit seiner Bühnenbildnerin Chantal Thomas nunmehr in Berlin zur Premiere gebrachte Inszenierung bereits 2005 für die Opéra National de Lyon. Die Produktion ist danach über die Jahre weitergereist zum Gran Teatre del Liceu nach Barcelona und auch noch nach Amerika, zur San Francisco Opera. Es muss also gewichtige Gründe geben, warum ein großes Haus in Deutschland dreizehn Jahre nach der Erstaufführung eine erneute Umsetzung bewerkstelligt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Immerhin wird mit der Langfassung jeweils die Motivation der handelnden Personen in der Oper klarer als in den gekürzten Versionen. Das gilt sogar für den schon von der Vorlage her sprunghaften und dämonischen Giulietta-Akt, der sich immer wie ein Gegenpol zu den rationalen Erwägungen der übrigen Handlung präsentiert. Die Bühnenbilder basieren auf dem Werk des belgischen Malers León Spillaert, dessen Werke sich immer wieder zum Surrealen öffnen, und dem Realen oft den Boden entziehen. In der Vorstellung verschieben sich lautlos Wände, enden Treppen im Nichts, schwebt Olympia auf einem Kamerakran durch den Raum. Der ewige Gegenspieler Hoffmanns erscheint und verschwindet in den unterschiedlichen Personifizierungen wie Mephistopheles im Geschehen oder sitzt auf einem großen Leuchter, der durch das Treppenhaus auf und abgefahren wird. Die Effekte sind beeindruckend. Die Technik wird durch die sich fortwährend wandelnden Bühnenräume stark gefordert.
Dabei überrascht, dass die anspruchsvolle Umsetzung in dieser mindestens vierten Produktion etwas gewollt und angestrengt wirkt. Die Bühnenumbauten kommen nicht ohne Gerumpel in der letzten Sekunde auf ihren richtigen Platz; die Sänger müssen sich gewaltig beeilen, um immer an den nächsten Positionen zu erscheinen und die Dämonie des zauberischen Geschehens kommt nicht ohne Anstrengung über die Rampe. Es ist ja nicht untypisch für anspruchsvolle Inszenierungen, dass Teile der Premiere noch wie eine vielversprechende Generalprobe wirken. Vielleicht kommt in die Prozesse im Laufe der Aufführungsserie noch weitere Sicherheit und einhergehend größere Wirksamkeit des Eingeübten.
Andererseits gab es auch schon Produktionen, die mehr auf die individuellen schauspielerischen Fähigkeiten der Beteiligten abhoben statt auf ein ausgefinkeltes Bühnen- und Maschinentheater. So manche kürzere Fassung vermochte auch die Sogwirkung der wachsenden Verzweiflung des Dichters wirkungsvoller herauszuarbeiten. Das Bild der Premiere bleibt an dieser Stelle zwiespältig; die Notwendigkeit der Übernahme dieser speziellen Produktion unklar.
Das gilt nun allerdings ganz und gar nicht für die Sänger. Mit Cristina Pasaroiu steht eine glanzvolle Verkörperung aller Angebeteten des Dichters auf der Bühne. Die Frauenrollen sind nicht auf vier verschiedene Sängerinnen aufgeteilt, sondern werden von einer Darstellerin vertreten. Die große Kunst der Pasaroiu besteht darin, mit außerordentlicher Wandelbarkeit die unterschiedlichen Rollen zu zeigen. Nicht nur vermag sie die jeweils hohen und höchsten gesanglichen Anforderungen blendend zu meistern, zusätzlich spielt sie auch die so ganz unterschiedlichen Charaktere darstellerisch überlegen und überzeugend. Daniel Johansson spielt einen in Erscheinung groß aufgewachsenen, stimmlich im Ausdruck schönen, aber in seiner Gefühlswelt zugleich zunehmend zerbrechlichen Hoffmann. Die Entwicklung des Charakters gelingt dem Sänger über die Handlungselemente der Erzählungen und Akte hervorragend.

Alex Esposito funkelt als Bösewicht und Gegenspieler Hoffmanns. Beeindruckend ist die Ökonomie seines Singens und Spielens. Die Gefährlichkeit seines Charakters wird nicht durch Lautstärke oder oberflächliche Dämonisierung des Spiels, sondern nachgerade durch das Gegenteil erreicht. Die Stimme ist immer beherrscht, die Gestik kontrolliert. Ein Träumer und Schwärmer wie Hoffmann hat gegen ihn keine Chance. In den melodischen Steigerungen zum Beispiel der Antonia- und Giulietta-Akte lässt es Esposito gleichwohl nicht an finsteren und verführerischen Tonlagen fehlen.
Für Irene Roberts ist die Version der Produktion besonders dankbar, wird doch die Rolle von Muse und Nicklausse hier besonders ausgespielt und hervorgehoben. Roberts weiß die spezifischen Elemente der Partie wunderbar darzustellen. Sie verkörpert die Partie wie übergangslos changierend als Schüler, Freund, Muse oder zweites Ich von Hoffmann. Dabei überzeugt neben der stimmlich einwandfreien Beherrschung der Rolle insbesondere der berührend warme Tonfall ihrer Stimmfärbung. Sehr gelungene Rollenporträts für die kauzig-zwielichtige Personage der Diener und Bewunderer, zugleich oft Mittler des Unterbewussten, bringt Gideon Poppe überzeugend zur Darstellung.
Unter dem Dirigat des neuen Ersten Ständigen Gastdirigenten der Deutschen Oper Berlin, Enrique Mazzola, haben es Chor und Orchester der Oper nicht ganz leicht. Die Begleitung der Solistenpartien wirkt unterstützend und den jeweiligen musikalischen Anforderungen entsprechend. Im Übrigen arbeitet Mazzola gerne mit unerwarteten Dynamisierungen und Temporückungen, die es in der letztlich geforderten Geschwindigkeit dem Chor oft nicht leicht macht zu folgen. Dass das dennoch so oft gelingt, ist der hohen Qualität des Ensembles zuzuschreiben. Im Orchester wirken viele liebevoll ausgearbeitete Details in verschiedenen Instrumentengruppen noch nicht perfekt ausgehört und umgesetzt. Aber möglicherweise wird das Bild ja in den Folgevorstellungen bei Chor und Orchester noch überzeugender.
Großer Beifall für die Solisten, den Dirigenten und die Kollektive; einzelne, aber unüberhörbare Missfallensbekundungen beim Leitungsteam.
Achim Dombrowski