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WEIHNACHTSKONZERT
(Deutsche Kammerakademie Neuss)
Besuch am
9. Dezember 2018
(Einmaliges Konzert)
Es scheint vergleichsweise einfach, einen Konzertsaal mit Publikum vollständig zu füllen. Das Wichtigste: Neue Musik weglassen. Ein bisschen Corelli, natürlich Bach, Haydn passt auch, wenn es nicht zu viel wird – und selbstverständlich darf Mozart nicht fehlen. Mit diesen Namen tritt die Deutsche Kammerakademie Neuss zum Weihnachtskonzert an und behält Recht. Das Zeughaus ist bis auf den letzten Platz besetzt. Und in der Pause fließt der Sekt in Strömen. So schön kann das Leben sein. In Neuss gibt es sogar noch eine Prise Spannung dazu. Denn schließlich ist jeder Gastdirigent derzeit in der Auswahl für den Posten des musikalischen Leiters, der ab der kommenden Spielzeit zu besetzen ist. Da guckt man schon mal genauer hin und bekommt so ein wenig das Gefühl, den Entscheidungsprozess mitzuerleben.
Gelassen nimmt das Publikum hin, dass im Zeughaus so gar nichts an Weihnachten erinnert – der Begriff des Weihnachtskonzertes scheint allein auf einen gewissen zeitlichen Zusammenhang hinzudeuten – und begrüßt nach kurzer Ansprache des Orchestermanagers Martin Jakubeit inklusive Werbeblock für die neue CD mit frenetischem Applaus Alexander Lonquich. Eigentlich ist der Pianist, Dirigent und Hochschullehrer hier völlig im falschen Film. Längst hat er dem klassischen Konzertbetrieb der Romantik entsagt, widmet sich der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, will hin zu anderen Formen des Konzerts und der musikalischen Rezeption. Das mag erklären, warum er in diesem klassischsten aller Konzertbetriebe so seltsam fehl am Platz wirkt und das Programm ohne jede Verbindlichkeit herunterzuspulen scheint. Natürlich ist Lonquich professionell genug, das Programm auf höchstem Niveau zu absolvieren. Lange genug war er in diesem Thema unterwegs, hat seine Meriten als Solo-Pianist oder Kammermusiker in Sachen Schubert, Mozart und so weiter verdient, um das heute blind zu beherrschen.
Die Kammerakademie Neuss ist ihm dabei ein verlässlicher Partner. Die jungen Leute präsentieren Arcangelo Corellis Concerto grosso Fatto per la notte di Natale lebhaft, frisch und lebendig. Erstklassig treten dabei die Solisten Fenella Humphreys, Salma Sadek als Geigerinnen und Milan Vrsajkov am Cello in Erscheinung. Auch das Brandenburgische Konzert Nummer drei von Johann Sebastian Bach bietet zahlreichen Solisten im Orchester Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten vortrefflich zu demonstrieren. Hier sei vor allem noch Danka Nikolic an der Bratsche hervorgehoben.
Die Sinfonie Nummer 46 gehört nicht zu den bekanntesten Werken Joseph Haydns. Zwar hat Lonquich sich diesen Programmpunkt gewünscht, vielleicht auch nur, um den allzu bekannten Kanon zu durchbrechen, aber es hat schon seinen Grund, warum die Sinfonie eher unter ferner liefen zu verbuchen ist. Das Orchester macht trotzdem das beste daraus. Es ist der letzte Haltepunkt vor dem Durchbruch an diesem Abend.

Nach der sektgeschwängerten Pause gibt es Champagner vom Piano. Lonquich ergießt das Rondo a‑Moll KV 511 von Wolfgang Amadeus Mozart über das Publikum. Ein vollendeter Genuss, mit geschlossenen Augen vorgetragen, aus dem Innersten des Musikers im Saal ausgebreitet. Wie ein Jazz-Pianist sitzt der hochgewachsene Mann im grauen Anzug mit den kurzgeschorenen Haaren am Flügel und sagt jedem, der es wissen will: So klingt Mozart heute. Und es klingt verdammt gut. Das ändert sich auch nicht beim Klavierkonzert Jeunehomme, bei dem die Kammerakademie wieder ins Spiel kommt. Nach dem ersten Satz hat sich die Begeisterung im Saal so weit angestaut, dass sich der Beifall Bahn bricht, ob angebracht oder nicht. Im dritten Satz zeigt Lonquich, was presto beim Rondo bedeutet. Großartig.
Das Publikum ist hin und weg. Einige hält es nicht mehr auf den Sitzen beim Schlussapplaus. Ein Missverständnis, das dazu führt, dass Lonquich den zweiten Satz aus dem Mozartschen Klavierkonzert Nummer 14 als Zugabe gibt. Das ist den älteren Herrschaften aber dann doch zu viel. Anschließend flüchten sie scharenweise, um einer weiteren Zugabe zu entgehen. Das stand schließlich so nicht im Programm.
Das „Weihnachtskonzert“ ist mithin ein Erfolg, ohne Zweifel. Aber es wirft Fragen auf. Kann ein künftiger musikalischer Leiter der Kammerakademie dienlich sein, die ein dermaßen rückwärtsgewandtes Publikum zu versorgen hat? Gewiss, die jugendlichen Musiker brennen darauf, sich auch neuerer, wenn nicht neuester Musikliteratur zuzuwenden, und da wären sie bei Lonquich vermutlich in besten Händen. Aber ist das nicht kontraproduktiv zum Versorgungsauftrag? Es gibt Tage, da ist man total froh, dass man nicht einer Findungskommission angehört.
Michael S. Zerban