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Füße und andere Fetische

CELLAR AND SECRETS
(Gerda König, Gitta Roser)

Besuch am
10. Dezember 2018
(Urauf­führung am 9. Dezember 2018)

 

DIN A13 Tanzcompany, Tanzfaktur, Köln

Spricht man mit den Akteuren der zeitge­nös­si­schen Tanzszene in Köln, wird immer wieder der Ruf nach einer zentralen Produk­ti­ons­stätte laut. Schaut man sich aller­dings – als Außen­ste­hender – die dezen­trale Organi­sation näher an, gewinnt sie durchaus an Charme. Quer über das Stadt­gebiet von Köln verteilt, kann man hier eine Vielfalt entdecken, die längst nicht jede Stadt zu bieten hat. Eines dieser Kleinode ist die Tanzfaktur „op de schäl sick“, also auf der zentrums­fernen Rhein­seite im Stadtteil Deutz. Auch hier gibt es keine überäs­the­ti­sierte Glasar­chi­tektur, sondern eine ehemalige Holzma­nu­faktur. Eine Klima­anlage fehlt ebenso wie marmorne Karten­schalter oder eine Teakholz-Bar. Und vermutlich würden sich die Künstler auch über licht­durch­flutete Probensäle, die auf Wunsch und Knopf­druck nacht­schwarz abgedunkelt werden können, freuen und hätten sicher auch nichts gegen eine bequeme Sitztribüne für das Publikum. Statt­dessen gibt es, wohin man schaut, marode Stellen, im Foyer ein Mobiliar, das eher an einen Flohmarkt erinnert, und eine selbst­ge­baute Bar. Aber allen Mängeln zum Trotz spürt man eines: Hier ist die Kunst zu Hause, nicht der Kapita­lismus. Aus dem Foyer fällt der Blick auf ein gegen­über­lie­gendes Verwal­tungs­ge­bäude eines Autoher­stellers. Seelenlos gleißt das Licht des gläsernen Treppen­hauses herüber, kalt, dem Menschen entfremdet. Würden in einer solchen Atmosphäre wirklich noch diese hunderte von Tanzstücken entstehen können, denen man den unbedingten Willen anmerkt, etwas Einzig­ar­tiges zu verwirklichen?

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Eines dieser Stücke ist Cellar and Secrets der DIN A13 Tanzcompany, das im Rahmen des Tanz-Tausch-Festivals zur Urauf­führung kommt. Wie gewohnt, unter widrigsten Umständen. Das Förder­system von Land und Kommunen setzt auf Neupro­duk­tionen, nicht auf Wieder­ho­lungen. Also produ­zieren alle wie wild, um an die Förder­gelder zu kommen. Die DIN A13 Tanzcompany kann sich vier Wochen in der ehema­ligen Wachs­fabrik von Barnes Crossing vorbe­reiten, muss dann umziehen in die Ehren­feld­studios, um binnen zweier Wochen die Urauf­führung in der Tanzfaktur einzu­richten. Ganz nebenbei stellt sich heraus, dass die Tanzfaktur nicht barrie­refrei ist, was für eine Compagnie, die mit „anderen Menschen“, wie sie es im babylo­ni­schen Sprach­gewirr auf der Suche nach den richtigen Begriffen für Menschen beispiels­weise mit körper­lichen Einschrän­kungen nennt, gar nicht geht. Also muss eine Rampe her. Wird erledigt. Wird immer alles erledigt. Irgendwie. Manche Akteure nervt das im Laufe der Jahre. Zumindest dem fachkun­digen Publikum nötigt das immer­wäh­renden Respekt ab. Also Hut ab. Auch diesmal hat sich die DIN A13 Tanzcompany durch den logis­ti­schen Dschungel geschlagen, alle Schwie­rig­keiten aus dem Weg geräumt, um ein eindrucksvoll klingendes Projekt auf den Weg zu bringen.

Über drei Jahre soll Cellar and Secrets laufen, jedes Jahr ein neues Werk. Choreo­grafin Gerda König geht davon aus, dass der Keller inmitten einer gläsernen Gesell­schaft der letzte dunkle Rückzugsort für mensch­liche Geheim­nisse ist. Hier werden nicht nur Erinne­rungen gestapelt, sondern Obses­sionen ausgelebt und schließlich kommt der Begriff des Folter­kellers auch nicht von umsonst. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Gitta Roser hat sie den ersten Teil der Trilogie umgesetzt, bei den folgenden zwei Teilen soll noch der Choreograf Jordi Cortés mit seiner Compagnie Asociación Kiakahart aus Barcelona ins Boot geholt werden. An diesem Abend also wird die Kellertür geöffnet. Jürgen Gronert lädt in die verschie­denen Keller­räume ein. Da finden sich verschiedene Sitzge­le­gen­heiten, ein Panther als Stofftier, Absperr­säulen, wie man sie vom Flughafen kennt, eine Kette, ein Kleider­haufen, eine Kiste, später auch ein Gestell, wie man es für Sitzschaukeln verwendet. Streng parzel­liert, wie es sich für den Keller eines Mehrfa­mi­li­en­hauses gehört. Erst später lösen sich die Räume auf. Gerd Weidig zeigt Geschick und Fantasie in der Ausleuchtung, lässt es sich aber nicht nehmen, die Zuschauer zwischen­zeitlich zu blenden. Von der Unsitte abgesehen, ist es auch noch überflüssig. Thomas Wien-Pegelow hat Kostüme entwi­ckelt, die dem in Kellern oft vorhan­denen Sammel­surien alter Klamotten entsprechen. Wer darin stöbert, findet seine alten Lieblings­stücke wieder, zieht sie noch einmal über, egal, wie passend. Sieht ja im Keller keiner. Und man fühlt sich plötzlich wieder ziemlich groß damit.

Foto © Meyer Originals

Roser und König kommen mit wenig Personal aus. Weil die Akteure ungewöhnlich ausdrucks­stark sind. Angefangen mit Gronert, der nicht nur die Bühne gestaltet hat, sondern sich auch noch als eine Art Blockwart geriert, laut in Sprin­ger­stiefeln und dumpf in der Tätigkeit, aber doch mit einem weichen Touch, wenn er alte Schellack-Platten auflegt. Das sorgt für subtile Komik, die im Hinter­grund bleibt, weil die Obses­sionen und Fetische von Charlotte Virgile und Ashraf Albesh die Sinne der Zuschauer gänzlich gefangen nehmen. Während Albesh Kreuze auf den Boden klebt und sich an Handpuppen ergötzt, liebkost Virgile ihre Füße, lässt sich von früheren Kleidern begeistern, entschuldigt sich auf Englisch für irgend­etwas. Es ist ein düsteres Panop­tikum, dass da gezeichnet wird, aber auch ein so noch nicht gesehenes. Der Tanz bleibt spärlich, weil es ihn kaum braucht. Und da, wo er eher meditativ statt­findet, unter­streicht er die surreale Wirkung des Abends. Die Tür zum Keller ist aufge­stoßen und viel Gutes gibt es nicht zu sehen.

Frank Schulte unterlegt das unwirk­liche Geschehen inter­mit­tierend mit lautstarken Klang­flächen, pulsie­renden Herzen und wenig Hoffnung.

Der Reigen ist von deutscher Seite aus eröffnet, und die mensch­liche Seele hat sich in ihre Abgründe gestürzt. Nun wird es ein Jahr Geduld brauchen, um zu erleben, was die spanische Kultur dem Gesamtwerk noch beifügen kann. Nach der grandiosen Vorstellung von Virgile und Albesh bleibt da wenig Raum.

Nach herzlichem wie gewohnt kurzem Applaus bieten die Akteure noch eine Ausein­an­der­setzung im Foyer an. Nach der erlebten Inten­sität will man, ehrlich gesagt, keine Diskussion mehr, sondern das Erlebte sacken lassen. Und wenn Virgile im kommenden Jahr wieder auftreten wird, sind die Ansprüche verdammt hoch gesteckt.

Michael S. Zerban

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