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Der Philosoph und Nationalökonom Karl Marx gehört zu den Säulenheiligen der Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts. Das erfährt eine verhalten interessierte Öffentlichkeit aktuell durch allerlei politische und künstlerische Ereignisse des Gedenkens im Zuge des im Mai eröffneten Karl-Marx-Jahres. Anlass: die Geburt des Begründers des Kommunismus vor 200 Jahren in Trier. In Jonathan Doves Oper Marx in London, deren Uraufführung das Theater Bonn in Koproduktion mit der Scottish Opera in einer spektakulären Aufführung stemmt, darf die Marx-Tochter Tussy ihren Vater als nichts Geringeres als „das Zentrum eines Welterneuerungsprozesses“ apostrophieren. Nun also zum Schluss des Jubiläumsjahres auch noch Bühnen-Weihrauch für die Ikone der Kritik des Kapitalismus? Blumen dem Wegbereiter einer Zeitenwende, der aus der Analyse der Unterdrückung der arbeitenden Bevölkerung die Utopie der Herrschaft des Proletariats ableitet? Weit gefehlt!
Das Stück des englischen Komponisten, entstanden zusammen mit dem wie Dove aus London stammenden Librettisten Charles Hart, versteht sich mitnichten als Verlängerung des früheren Personenkults. Puristischen Marxisten wird nichts weniger abverlangt, als tapfer zu sein. Hält sich doch Doves 29. Oper nur in Andeutungen mit der heroischen Seite des Titanen der Gesellschaftswissenschaft auf. Vielmehr leuchtet seine musikalische Komödie in bester Tradition der Salonstücke eines Richard Strauss à la Die schweigsame Frau die private Natur des bürgerlichen Gelehrten und Familienvaters aus. Gleichsam den anderen Übervater. Der Mann, der in der Theorie den neuen Menschen im Übergang zum „realen Humanismus“ preist, erweist sich in seiner subjektiven Lebenspraxis als Antipode des eigenen Gedankengebäudes. Hier darf er Mensch sein, Vater, Liebender, der die Gewohnheiten der von ihm kritisierten Bourgeoisie mit vollem Herzen auslebt.
Doves Prä ist die simple Tatsache, dass er sich nicht zu schade ist, Komödien in der Art eines tonalen, immer bekömmlichen Musikstils für ein auf Unterhaltung erpichtes Publikum zu schreiben. Ein Londoner Quasi-Rossini, wenn man so will, der in Bonn nicht zuletzt wegen seiner dort aufgeführten Kinderoper The Adventures of Pinocchio eine Heimstatt gefunden zu haben scheint. Auf das Theater der Bundesstadt deutet auch die Vorgeschichte dieses Unterfangens hin. 2011 inszeniert der Regisseur Jürgen R. Weber in Chemnitz, zu Zeiten der DDR Karl-Marx-Stadt, Doves Komposition Swanhunter am Theater der Stadt. Weber, im Fach Theaterregie ein Schüler Götz Friedrichs, später gefragter Komponist der Musik zu TV-Produktionen, versteht es, Bernhard Helmich, damals Intendant dieses Theaters, für das Vorhaben einer Marx-Oper zu gewinnen, die in dessen Londoner Exil spielen soll. In bester Marxscher Manier schreitet die Idee sieben Jahre später am Rhein zur Tat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Dramaturgisch hat Weber auf der Suche nach einem Regiekonzept, das Komische, Merkwürdige, teilweise Skurrile der privaten Existenz seiner Figur einer Außensicht zu unterziehen, eine funktionierende Form gefunden, die beispielsweise auch Barry Kosky bei seiner Bayreuther Inszenierung von Wagners Meistersinger erprobt hat. Die Handlung fokussiert auf einen beliebigen Tag im Leben der Marx-Familie, den 14. August 1871. Wie in einem Brennglas bringt dieser Ausschnitt die alltäglichen Schrecken einer Existenz im Exil, die ungelösten Konflikte und die offenen wie latenten erotischen Gelüste der Protagonisten zum Vorschein. Marx schlägt sich gleich mit einem ganzen Bündel an Problemen herum. Da ist die ständige Geldnot des Gelehrten, die in einem grotesken Spannungsverhältnis zu dem Chefanalytiker des Kapitalismus zu stehen scheint. Aus dieser Not vermag er sich auch nicht durch die Verpfändung des heimischen Tafelsilbers zu befreien, was ihm prompt einen Ehestreit mit Gattin Jenny einbrockt, die ihm das heftig übel nimmt, da Marx hinter ihrem Rücken handelt. Da sind die Gerichtsvollzieher, die wieder einmal vergeblich kommen und drohen, die Polizei einzuschalten. Da sind die Umtriebe seiner Tochter Eleanor, genannt Tussy. Mit wachsender Skepsis beäugt Marx, wie das rabiate Geschöpf ausgerechnet mit seinem unehelichen Sohn Freddy anbändeln möchte, der zum unpassendsten Moment aufkreuzt. Da sind nicht zuletzt die körperlichen Leiden des von heftigen Karbunkeln gequälten Marx, denen Dove eine treffliche ganze Szene widmet. Über allem schwebt in einem Gefährt, das an die Anfänge der Luftfahrt erinnert, ein als Spion bezeichneter Beobachter. David Fischer löst mit dem Klack, klack seiner Schreibmaschine, in die er die Berichte für seinen Auftraggeber tippt, etliche Reaktionen der Erheiterung im Publikum aus.
Ausstattung und Kostüme von Hank Irwin Kittel sind geeignet, dem Szenario dieser Farce im England des angebrochenen Industriezeitalters plastische Gestalt zu vermitteln. Der für den Zweiakter entwickelte Einheitsraum bietet allerlei Versatzstücke des blühenden Manchesterkapitalismus. Auch wenn die hoch aufragenden Wände häufig im Dampf des Maschinenzeitalters verhüllt sind, wartet das Bühnenbild mit genügend Elementen auf, die die Verhältnisse zu London um 1871 und die der Marx-Familie im Besondern verdeutlichen. Da reicht zum Beispiel eine nur angedeutete schmale Bücherphalanx, um einen der Lieblingsorte des Ökonomen, den Lesesaal der British Library, zu verdeutlichen. Und selbstredend ist Mark Morouse speziell durch den klassischen Vollbart als Titelfigur prägnant getroffen. Auch die Chargen wie Hausangestellte oder Polizisten sind gut getroffen. Warum aber muss Marie Heeschen als Tussy die meiste Zeit mit einem unvorteilhaften Zylinder agieren?
Webers Inszenierung bringt einige witzige Ideen zustande. So konturiert er die Londoner Arbeiter bei ihrem Job, den gepfändeten Hausrat der Marxens wegzubringen. Keinen Pfifferling geben sie für die hymnische Verklärung durch den Hausherrn, der ihnen, den „Proletariern aller Länder“, eine große, weil befreite Zukunft verheißt. Auf einem überdimensionierten Revolver „reiten“ Tussy und Freddy wie zu Pferde durch die Szenerie. Köstlich gelingt der Redewettstreit, eine Art political slam, den Marx mit einem italienischen Anarchisten austrägt. In der plastischen Sprache des Librettos wird der wegen eines gescheiterten Attentats als „Spaghetti-Yeti“ verunglimpft. Den Siegespreis, gestiftet von einem vermögenden Unternehmer, setzt Marx indes nicht zur Befriedigung seiner Gläubiger ein. Ganz revolutionärer Schwärmer und Klassenkämpfer, bringt er ihn nach dem Motto „Cognac für alle“ unter die Leute.

So satirisch-witzig die plastische Sprache der Textvorlage, so begrenzt tauglich erweist sich das verknappende Englisch einmal mehr als Opernsprache, was durch die mangelnde Textverständlichkeit der Sängerdarsteller noch verstärkt wird. In Bonn hat dieser Effekt die missliche Folge, dass die Blicke des Publikums häufiger als üblich an den eingeblendeten Übertiteln hängen bleiben. Mehr als aufgewogen wird das Handicap allerdings durch Doves stets goutierbare, bisweilen süffige Musik, die in ihrer durchkomponierten Form wie ein Strom dahinfließt. Der spritzige Konversationston wechselt mit lyrischen Abschnitten. Zwischendurch gibt es – ganz klassisch – Arien, Duette, Terzette sowie große Chornummern. Bemerkenswert die Methode Doves, die Charakterisierung der Figuren durch die Zuordnung bestimmter Instrumente zu akzentuieren: Blech und Pauke bei Marx, Dreiklang-Harmonik bei Jenny, Trompeten bei Friedrich Engels, Celesta in der Kontroverse um das Tafelsilber. Und doch – geschmälert freilich wird der angenehme erste Eindruck durch die häufige Adaption von Stilelementen der seriellen Kompositionstechnik eines Philipp Glass, den der junge Dove zusammen mit Steve Reich als einen seiner prägenden Vorbilder nennt. Auch die Gewohnheit des Komponisten, Ensemblenummern im Musical-Stil ausufern zu lassen, wecken Zweifel, ob dem Genre Oper ein innovativer Entwicklungsschritt erschlossen worden ist.
Unter der musikalischen Leitung David Parrys beweist das Beethoven-Orchester Bonn, wie vorzüglich die Partitur in seinen Händen aufgehoben ist. Form beweist auch der Chor des Bonner Theaters in der Einstudierung von Marco Medved. Herausragend seine Performance in der hymnischen Szene, in der Marx mit auf das Pult gesunkenem Kopf den Traum der Pariser Kommune 1871 erlebt, die er später als die endlich gefundene politische Form der Diktatur des Proletariats feiern wird.
Auf dem ungewohnten Terrain einer englischsprachigen Uraufführung zeigt das gut aufgelegte Ensemble seine Qualität. Allen voran in der Titelpartie Morouse mit gewohnt prägnantem Bariton, auch wenn er nicht ganz an seine famose Leistung als Oberst Chabert vor einigen Wochen heranreicht. Die gesamte Palette an empfundenen oder gespielten Gefühlen präsentiert Yannick Muriel-Noah in der Rolle der Ehefrau Jenny. Ceri Williams ist die andere Frau im Leben des Marx, die Haushälterin Helene. Sie gibt die Mutter des unehelichen Freddy mit der gesamten Skala an Herzenswärme, die Karl an seiner Jenny vermissen dürfte. Diesem Freddy verleiht Christian Georg tenorale Leichtigkeit und spielerische Eleganz. Eine adäquate Ergänzung und heimliche Offenbarung der Besetzung ist ihm Marie Heeschen als umtriebige Tussy mit vokaler Virtuosität und spielerischer Frivolität. Ein Paar, dem in der Geschichte einfach die Zukunft gehört, vielleicht ja auch auf der Bühne. Last not least beeindruckt Johannes Mertes als charismatischer Friedrich Engels.
Das Publikum zeigt am Ende mit anhaltendem Jubel seine Begeisterung für Stück und Mitwirkende, eine Welle, die Regieteam und Komponisten einschließt. Für eine Uraufführung an einem mittelgroßen Haus, das um seine Position in der Öffentlichkeit kämpft, gewiss keine schlechte Ernte. Ein Stückchen Fortentwicklung der Kunst der Oper im fünften Jahrhundert ihres Bestehens ist aber nicht zu vermelden. Kein Thema wohlgemerkt, aber gesagt werden sollte es schon.
Ralf Siepmann