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Foto © Michael Pöhn

Schiffbruch mit zu wenig Sogwirkung

DIE WEIDEN
(Johannes Maria Staud)

Besuch am
14. Dezember 2018
(Premiere am 8. Dezember 2018)

 

Wiener Staatsoper

Sie wurde zum großen Aufreger hochsti­li­siert, nachdem Johannes Maria Staud im Vorfeld erklärt hatte, er wolle eine politische Oper gegen den Rechtsruck und den aufkei­menden Rechts­po­pu­lismus in Europa schreiben. Ein solcher kultur­po­li­ti­scher Kommentar bei dieser Kunstform wäre auch wünschenswert gewesen: Die Oper der Stunde in Zeiten eines bedenklich hitzigen Lager­kampf zwischen Rechts und Links. Mit der Urauf­führung – die letzte liegt mit Aribert Reimanns Medea immerhin bereits acht Jahre zurück – wollte auch die Wiener Staatsoper ihre gesell­schafts­po­li­tische Relevanz beweisen. Leider leiden Die Weiden, Stauds dritte Oper nach Berenice 2004 und Die Antilope 2014, die er wieder gemeinsam mit seinem Libret­tisten Durs Grünbein geschaffen hat, an Mängeln: Dem Text fehlt es an Niveau und teils Verständ­lichkeit, der Musik an Sogwirkung, kein Klischee wird ausge­lassen, die Moral­keule und der Regie-Holzhammer werden eifrig geschwungen, und es erscheint zweifelhaft, ob ihr ein längeres Bühnen­leben beschieden sein wird.

Es geht um Fremden­feind­lichkeit, Natio­na­lismus, Heimat, die Opfer des Holocaust und die aktuelle Flücht­lings­krise sowie auch die Fake-News der Lügen­presse. Patrio­tismus kippt in Ausgrenzung, Agitation in Gewalt. All das wird in eine Fluss­fahrt eines Liebes­pär­chens verpackt. Sie heißt Lea, ist Jüdin, er heißt Peter und sie reisen in seine Heimat. Anhand der zahlreichen Video­pro­jek­tionen ist dieses Land unschwer als Öster­reich zu erkennen und als Fluss die Donau, die hier Dorma heißt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Eigentlich beginnt alles sehr harmlos: Nach dem Abschied von ihren Eltern in einem eleganten Loft mit Blick auf New York, wo bei einem flotten Dixie Leas Eltern vom unheim­lichen Karpfenland erzählen, findet sich das Pärchen in einem Zelt an einer idylli­schen Fluss­land­schaft. Dann fährt man mit einem Kanu fluss­ab­wärts. Man trifft Freunde bei deren Hochzeitsfest, wo die ersten Burschen­schafter, Demagogen und Rechts­po­pu­listen auftreten. Dann fährt man gemeinsam mit der weißen Yacht weiter. Die Idylle wird nun immer mehr zum Albtraum: Denn eine Wasser­leiche tritt auf und erzählt ihr Schicksal, ein Flüchtling wird von einem Förster gejagt und erschossen. Der Fluss wird sumpf­braun. Die ersten und dann immer mehr stumpf­sinnige Menschen, schließlich auch Peter, mit Karpfen­köpfen, die rechte Propa­ganda nachkauend, tauchen auf, ein rechter Staats­künstler erscheint und zitiert Wagners antise­mi­tische Briefe, Waffen werden verteilt. Nur Lea erscheint dagegen immun zu sein. Aber die Liebe der beiden zerbricht. Zum Finale bringt ein massives Unwetter Hochwasser, das seine Opfer fordert.

Aber alles scheint aus dem Tunnel­blick einer linken Pauschal­ent­rüstung gesehen zu werden. Es fehlt an Verdichtung und Inten­sität, was den Abend lang werden lässt. Es fehlt an der Vertiefung der Charaktere. Dazu trägt auch Andrea Moses, die in die drama­tur­gische Entwicklung und Beratung bei der Stück­ent­wicklung einge­bunden war, in ihrer Insze­nierung bei: Auf einer schrägen, multi­funk­tio­nalen Drehbühne von Jan Pappelbaum mit einem schwe­benden Kanu und den Video­pro­jek­tionen fehlt es an Radika­lität, die packen sollte. Anderer­seits packt sie alles an erdenk­lichen Ideen hinein, lässt keine Klischees aus und schwingt die Moral­keule und den Holzhammer heftig. Es fehlt an Feingefühl.

Foto © Michael Pöhn

Auch die Musik von Johann Maria Staud vermag nicht viele packende oder berüh­rende Momente zu erzeugen und wirkt unent­schlossen. Der kühlen, blech- und schlag­zeug­do­mi­nierten Klang­sprache fehlt es an Sogwirkung. Neben völlig tonalen Ohrwürmern, wie dem schon erwähnten Dixie, einer tanzbaren Nummer „Wir brennen“ am Hochzeitsfest, gibt es beinahe unver­fälschte Zitate von Richard Wagner aus den Meister­singern und Tristan und Isolde, gibt es an Kurt Weill erinnernde Songs und Folklore. Aber auch viel Sprech­gesang, trübe Schlie­ren­ak­korde, aufge­peitschte Blech­kas­kaden, Mikro­to­na­lität, live-generierte Elektronik, Geräusch­ku­lissen, etwa das Blubbern von Wasser, sind zu hören. Exzellent, exakt und hochkon­zen­triert wird die Partitur des öster­rei­chi­schen Kompo­nisten von den Wiener Philhar­mo­nikern unter dem hochpräzise schla­genden Ingo Metzmacher, ein ausge­wie­sener Spezialist für moderne Musik, präsentiert.

Leicht haben es die Sänger nicht, denen viel Sprech­gesang, monotone Passagen, aber auch extreme Inter­valle auferlegt sind. Aber sie bewäl­tigen ihre Partien mit Bravour: Rachel Frenkel singt die Partie der Lea mit leichtem, flexiblem, hellem Sopran, die darstel­le­risch und stimmlich ihre Verlo­renheit im Karpfenland deutlich machen kann. Tomasz Konieczny, der derzeit viel Alberich und Wotan singt, ist ein mächtiger Peter, eine ungemein anspruchs­volle Rolle. Thomas Ebenstein hört man als seinen Freund und Hochstapler Edgar mit müheloser, tenoraler Höhe. Sehr kokett erlebt man Andrea Carroll als quirlige Kitty. Die Schau­spie­lerin Sylvie Rohrer ist eine hektische TV-Repor­terin. Der Schau­spieler Udo Samel der wider­liche Staats­künstler Krach­meyer. Tadellos singen auch Herbert Lippert als Leas Vater und Monika Bohinec als dessen Mutter. Wolfgang Bankl ist ein idealer Demagoge und Oberförster. Ausge­zeichnet bewältigt auch der Chor der Wiener Staatsoper seine Aufgabe.

Lediglich matter Applaus im Publikum, dessen Reihen sich im zweiten Teil merklich gelichtet haben.

Helmut Christian Mayer

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