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A MIDSUMMERNIGHT’S DREAM
(Goyo Montero)
Besuch am
15. Dezember 2018
(Premiere)
Wenn das Ballett A midsummernights’ dream mit der Goethe-Vertonung von Schuberts Erlkönig beginnt, so vermutet der Zuschauer zu Recht, dass es hier um geisterhaftes Einwirken auf Menschen, um die Gefährdung realer Existenz durch irgendwie ungreifbare Mächte geht. Am Staatstheater Nürnberg hat nun Ballettchef und Choreograf Goyo Montero daraus eine sehr eigenwillige Umsetzung und Neuinterpretation von Shakespeares Komödie Ein Sommernachtstraum in Tanz und Bewegung geschaffen. Dafür verwendet er Musik von Schubert, Mendelssohn-Bartholdy, Schumann und Brahms, und wichtige Nahtstellen der Konzeption seines Stoffes werden durch extra dazukomponierte Stücke des Kanadiers Owen Belton verbunden, unterstreichen und unterstützen die Atmosphäre und innere Dramatik sehr effektvoll.
In dem 90-minütigen Tanztheater gibt es eigentlich drei Ebenen, die menschlich-irdische, die gesellschaftliche und die Sphäre der Naturgeister; optisch sind sie getrennt durch die Kostüme von Jordi Roig: Die Menschen tragen heutige Kleidung, die Shakespeare-Zeit ist markiert durch prachtvolle, glänzende Gewänder des 16. Jahrhunderts, und bei den Geisterwesen erinnert das Muster auf ihren Bodysuits an Vegetatives. Diese drei Ebenen zeichnet auch die Bühne von Eva Adler nach; anfangs, als dem Vater vom Erlkönig der Sohn geraubt wird, bilden transparente, schwarze Vorhänge den Hintergrund, die Versammlung der Feiernden aus der Shakespeare-Zeit findet auf der leeren Bühne statt, und als sich dann die Geisterwelt in die Verwicklungen und Irritationen der Menschen einmischt, sorgen von oben herabhängende Schnüre mit Lichtquellen für weitere Verwirrung; außerdem gibt es noch eine „höhere“ Ebene für das Auftreten der Elfen-Götter, die sich allerdings in eine schiefe Fläche verwandeln kann und zu deren oberer Kante alle vergeblich hinauf streben. Die verwunderlichen Geister-Träume gipfeln darin, dass Titania und Oberon in Hoftracht über dem Ganzen schwebend tanzen. Das Zauberhafte der Szenen wird unterstrichen durch das gelungene Lichtdesign von Karl Wiedemann. Am Schluss fügt sich alles wieder zusammen zu der literarischen Erfindung Shakespeares: Die Gesellschaft zeigt sich uniform, die zuvor zerstrittenen Paare finden sich, und der Puck steht dabei im Publikum und schaut fragend auf die Gesellschaft auf der Bühne. Irgendwie steckt in uns allen ein Stück unberechenbare Natur, aus dem sich wiederum eine gewisse Energie speist. „Diese Welt von Verlust, Nostalgie, Melancholie … das soll am Ende atmosphärisch vorherrschend sein. Es ist die Suche nach der verlorenen Zeit, dem untergegangenen Paradies – der Moment, in dem man zur Realität zurückkehrt und in dem zugleich die Träume enden“, sagt Montero.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Figuren in Monteros Tanztheater sind etwas anders gewichtet als gewohnt. So wird aus der Gestalt des Vaters die des Webers Bottom. Er vertritt die naiven drei Handwerker als Einzelner und verkörpert mit dem aufgefundenen Tierschädel auf dem Kopf den Esel; anfangs irrt er orientierungslos durch den Wald, trifft auf die Geister und ihr Verwirrspiel, glaubt, Titania zu lieben; nach seiner „Entzauberung“ wird aus Bottom wieder eine Art Obdachloser in abgerissener Kleidung, der sich das ganze Geschehen nur eingebildet hat, die Erinnerung an einen Traum. Eine Zentralfigur aber stellt der Puck dar, eine Gestalt zwischen Kobold und neugierigem Kind, der seine Freude daran hat, überall ein wenig Chaos zu stiften und damit Energie freizusetzen. Er wird durch warm-gelbes Licht hervorgehoben aus der Schar der Seelen-Geister. Die beiden menschlichen Paare unterscheiden sich farblich und in ihren Charakteren; harmonischer verbunden sind Hermia in Blau und Lysander, streitsüchtiger Helena in Grün und Demetrius. Titania, die Elfenkönigin, erscheint als Vertreterin des Wassers in meergrünem, durchsichtigem Rock, Oberon repräsentiert die Luft.
Eine beeindruckende, stets überraschende Choreografie hat sich Montero für seine 22 Tänzerinnen und Tänzer ausgedacht. Als gesellschaftliches Ereignis läuft der Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn-Bartholdy sehr geordnet in stimmigen, synchronen, abwechslungsreich gegliederten Formationen ab, bevor dann ein durcheinander wirbelndes und sich doch wieder zusammen findendes Chaos der Geister beginnt, angestiftet durch den Puck, mal auf dem Boden, mal in Sprüngen, im Rennen, in sich findenden und sich wieder auflösenden Paarungen, dynamisch, oft unheimlich schnell, selten ruhiger, in ständig sich verändernden Bildern, bis sich am Ende alles wieder vereint zu einem in sich geschlossenen Ensemble.

Aus diesem hebt sich durch seine körperliche Präsenz der unwahrscheinlich bewegliche Puck, Alexsandro Akapohi, extrem flink und drehfreudig hervor. Oscar Alonso mimt zuerst den Vater, wird dann zu Bottom, kann sich immer mehr lösen aus seiner Rolle als etwas trotteliger Alter und überrascht mit seinem beherzten Eingreifen, wenn er sich an Titania heranmacht und sie gewollt ungeschickt umwirbt. Luis Tena als Oberon gibt sich besitzergreifend, kraftvoll, und Titania wird durch Rachelle Scott zu einer bewundernswert geschmeidigen, eleganten Göttin. Als Hermia verkörpert Nuria Fau eine eher beständige, dann immer mehr in Wut geratende Frau, während Helena, die energiegeladene Esther Pérez, vor Angriffslust nur so zu sprühen scheint. Ihnen zugeordnet sind die Partner Lysander, Dayne Florence, und Demetrius, Joel Distefano, und aus ihrem Paarwechsel ergeben sich ungewöhnliche, recht attraktive Pas de deux.
Alles das wird getanzt zu passend gewählter Musik, die bei den Liedern zu Schuberts Erlkönig, Schumanns Ich hab im Traum geweint und zu Brahms Gestillte Sehnsucht aus dem Off ertönt, sonst aber von der Staatsphilharmonie Nürnberg unter Lutz de Veer recht farbig gespielt wird, nämlich Ausschnitte aus dem Sommernachtstraum und diversen Sinfonien von Mendelssohn-Bartholdy sowie den als Auftragswerk extra dazu komponierten Stücken von Owen Belton. Brüche hört man da nicht, eher fließende Übergänge.
Nach dem Ende dieses faszinierenden Tanzabends befindet sich das Premierenpublikum im recht voll besetzten Haus regelrecht im Zustand der Verzückung und feiert alle Mitwirkenden ausgiebig mit lautem Beifall.
Renate Freyeisen