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Foto © O-Ton

Knallige Effekte

ROUGHHOUSE
(Richard Siegal)

Besuch am
20. Dezember 2018
(Urauf­führung)

 

Schau­spiel Köln, Depot 1

Lassen Sie uns über Kommu­ni­kation sprechen. Eine ziemlich abfällige Meinung dazu äußert Richard Siegal in seinem neuen Stück Rough­house. Und er findet Unter­stützung beim System­theo­re­tiker Niklas Luhmann. Dazu später mehr. Rough­house ist ein mehrdeu­tiger Begriff, der im Deutschen einer­seits Misshandeln und anderer­seits ein raues Spiel zwischen Erwach­senen und Kindern meint. Lustig ist an rough­house jeden­falls nichts. Ursprünglich sollte das neueste Werk des Choreo­grafen Crossover heißen, weil er gerne Schau­spieler und Tänzer zusam­men­bringen wollte. Als ihm das gelang, war dem Choreo­grafen die Grundidee nicht mehr ausrei­chend. Und so wird es rau.

„Es beschreibt eine Art zu spielen, die norma­ler­weise zwischen Kindern oder zwischen Erwach­senen und Kindern statt­findet, wobei der Spaß darin besteht, sehr aggressiv zu sein, natürlich unter der Bedingung, dass niemand verletzt wird“, erklärt Siegal den Begriff und damit das Konzept seines ersten selbst­ge­schrie­benen Theater­stücks. Ein Werk, in dem man die Handlung vergebens sucht, sich ganz auf die eigene assoziative Kraft verlassen muss – und kann. Sprache, von der es hier reichlich gibt, die von albernen TV-Talks bis zur Orestie reicht, führt nicht weiter. Wabert zwischen politi­scher Korrektheit und Poesie, zwischen Kampf­ge­brüll und Irreführung des Publikums. Luhmann negiert gar die Wirksamkeit von Kommu­ni­kation außerhalb eines konkreten situa­tiven Rahmens. Siegal versucht, das zu belegen, indem er Inter­es­sen­gruppen in unter­schied­lichen Themen­ge­bieten aufein­an­der­prallen lässt. Beiden fehlt die Glaub­wür­digkeit, weil sie Kommu­ni­kation lediglich als Äußerung, aber nicht als Ausein­an­der­setzung verstehen. Auch wenn Siegal die scheinbare Bestä­tigung in einem ameri­ka­ni­schen Präsi­denten findet, der nahezu täglich sprach­liche Tabus bricht, wird es dadurch eher falsch als richtig oder konstruktiv. Aber immerhin bringt er damit vielleicht eines der größten Missver­ständ­nisse unserer Tage aufs Tapet.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Gemeinsam mit Jens Kilian hat Siegal eine Bühne entwi­ckelt, auf der sich Schau­spieler und Tänzer nach Herzenslust austoben können. Am rechten Bühnenrand ist die Technik inklusive Kameras und die Soufflage einge­richtet. Im Hinter­grund und am linken Bühnenrand sind Papier­wände aufge­stellt, die sowohl Video­pro­jek­tionen als auch knalligen Effekten dienen, wenn die Akteure Wände durch­brechen. In der Bühnen­mitte sind dicke Turnmatten ausgelegt, die nach Bedarf in ihrer Lage verändert werden. Flora Miranda hat fanta­sie­volle Kostüme anfer­tigen lassen, die sich den jewei­ligen Situa­tionen und Befind­lich­keiten anpassen. Beim Licht hätte Gilles Gentner sich gern mehr einfallen lassen dürfen, was sich angesichts zahlreicher Kopro­duk­ti­ons­partner aber wohl eher verbietet. Verfolgt man die Trends der vergan­genen Jahre, wird hier wohl in Zukunft ohnehin weniger zu erwarten sein. Schließlich muss inzwi­schen nahezu jede Aufführung auf eine Vielzahl von Bühnen mit unter­schied­lichster Technik passen – und da hilft ja immer der kleinste gemeinsame Nenner. Auch Lea Heutelbeck hält sich mit der Video­technik eher zurück. Ein paar Hinter­gründe auf der Papierwand, zwei Monitore, die bespielt, aber weniger beachtet werden, weil glück­li­cher­weise das Geschehen auf der Bühne die Zuschauer in seinen Bann zieht.

Foto © Thomas Schermer

Und hier gibt es eine Menge zu sehen. Das pralle Leben bricht sich Bahn. Aktivis­ten­gruppen treffen auf Fernseh­lieb­linge, Angreifer werden zu Besiegten, im Film versagt die Crew angesichts der Vorstel­lungen eines Regis­seurs. Die einzelnen Szenen haben keine Bedeutung, aber sie werden überzeugend und engagiert gespielt, getanzt, gesprochen und darge­stellt. In der Beset­zungs­liste wird bewusst die Ausbildung beisei­te­ge­lassen. Aber natürlich identi­fi­ziert man eine Claudia Ortiz Arraiza, die sich in die Opfer­rolle begibt, oder eine Courtney Henry, die sich immer wieder mit dem Rassismus beschäftigt, als Tänzerin. Eindrucksvoll eine Margarida de Abreu Neto, die sich mit schmaler Figur gekonnt in Szene setzt. Marlene Goksch zeigt sich ebenso extro­ver­tiert wie Nicola Gründel. Die Damen drängen nach vorn, ohne die Herren zurück­zu­lassen. Yuri Englert, Stefko Hanus­hevsky, Sean McDonagh und Diego Tortelli mischen sich immer wieder lustvoll, aber vergebens in die Szenerie ein. Am Ende des weit über eine Stunde hinaus­rei­chenden Abends bleibt ein buntes Kalei­doskop, das nicht darüber hinweg­täu­schen kann, dass wir die Kommu­ni­kation nicht leich­ter­dings über Bord werfen dürfen. Weder so genannte Soziale Medien noch politische Parteien noch Regis­seure haben das Recht, die Kommu­ni­kation auf Äußerungen zu reduzieren.

Daran ändert auch nicht die beglei­tende, mitunter effekt­volle Musik, die Lorenzo Bianchi Hoesch zum Stück erfunden hat, nichts.

Die zweif­le­ri­schen Stimmen, die am Ende im Publikum aufkommen, sind nicht ganz ungerecht­fertigt, wenn man das Stück auf eine konkrete Botschaft hin unter­sucht. Lässt man sich aller­dings auf die assoziative Arbeit des Regis­seurs und Choreo­grafen ein, wird man mit dem Stück viel Spaß haben und sich anschließend die Diskussion wünschen, die dem Stück folgen muss.

Das Publikum applau­diert brav und die Diskus­sionen halten im Hinaus­gehen an. Was kann sich ein Theater­mensch mehr wünschen?

Michael S. Zerban

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