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Foto © Michael Pöhn

Auf dem Misthaufen

DIE VERKAUFTE BRAUT
(Bedřich Smetana)

Besuch am
22. Dezember 2018
(Premiere)

 

Bayerische Staatsoper München

Ein mächtiger Misthaufen dominiert das Bühnenbild. Er dampft ständig vor sich hin. Allerlei landwirt­schaft­liches Gerät wie ein fahrbarer Traktor, Förder­bänder, Schub­karren, aber auch ein dreckiges Dixie-Klohäusel vervoll­stän­digen die Szenerie, die von Patrick Bannwart stammt. Und er bietet allerlei vulgären Spieß­ge­sellen, Mädchen in Hotpants aber auch Dorfro­ckern, die zu Smetanas Tanzrhythmen headbangen, in verschie­denen Etagen viele vitale Auftritts­mög­lich­keiten: Voll prallem, volks­tüm­lichem, manchmal überdrehtem Realismus, bäuerlich derb, aber auch ungemein ideen­reich und voller kleinster Details auch auf den Neben­schau­plätzen ist die Insze­nierung von David Bösch bei Bedřich Smetanas Die Verkaufte Braut an der Bayri­schen Staatsoper in München. Und der Regisseur, der am Natio­nal­theater schon mehrfach insze­niert hat, ist auch als Pointen-Lieferant versiert. Das geht vom Pseudo-Spektakel der Zirkus­truppe, die einem Halloween-Albtraum entsprungen ist, bis zum ständig einbe­zo­genen Souffleur. Einen tieferen, drama­tur­gi­schen Bogen bleibt er aller­dings schuldig.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Seine Insze­nierung wirkt fast wie eine Persi­flage auf das heutige Landleben zwischen Machos, Suff, Gülle­wagen, Hochzeits­kleidern von der Leine im Angebot. Es wird in heutigen Kostümen von Falko Herold mächtig viel gesoffen, getanzt geprügelt, geliebt, heftig gescha­chert und auch um die Wette gepinkelt.

Durch diese extreme Überdrehtheit scheinbar animiert, eilt Dirigent Tomáš Hanus am Pult des Bayeri­schen Staats­or­chesters im schnei­digen Ritt durch die Partitur. Das klingt in der Ouvertüre noch vielver­spre­chend, zwischen­durch haben aber selbst die hoch flexiblen Staats­opern­mu­siker ihre Not, in der Spur zu bleiben, und der an sich gut singende Chor wird auch manchmal abgehängt. Doch besonders die lyrischen, oft von Erinne­rungs­mo­tiven bestimmten Passagen, die schwel­genden Streicher und das melan­cho­lische Holz könnten mehr Raum zur Entfaltung vertragen. Einen rhyth­mi­schen Brillanten wie den Furiant hat man schon kantiger und fetziger gehört.

Foto © Michael Pöhn

Eine Urgewalt auf der Bühne ist Günther Groissböck, derzeit haupt­sächlich im Wagner- und Strauss-Fach gebucht, als ungemein präsenter, geschwät­ziger Heirats­ver­mittler Kezal mit exakt fokus­siertem, profundem Bass, selbst bei seinen Klimm­zügen und beim Armdrücken. Er ist ein schmie­riger, überheb­licher Macho im weißen Strizzi-Anzug, mit Goldkettchen, goldener Armbanduhr, Klapp­handy und rotem, bis zum Gürtel aufge­knöpften Hemd. Und er wirbt schon während der Ouvertüre und auch später immer wieder mit proji­zierten Inserts in mehreren Sprachen für „Bräute und Versi­che­rungen – mit einer Erfolgs­quote von 99,97 Prozent“. Bei seiner Diktion bräuchte es denn auch keine Übertitel, zumal sich Dirigent Hanus für Max Kalbecks deutsche Fassung der 1866 in Prag urauf­ge­führten Natio­naloper entschieden hat.

Wolfgang Ablinger-Sperr­hacke ist ein großer Charak­ter­dar­steller, der seinen Wenzel herrlich stotternd, aber nie vertrottelt verkörpert und eine starke Tenor-Leistung liefert. Und der Willi, der ein echtes Schwein im Schlepptau hat, das sogar eine eigene Biografie im Programmheft bekommen hat. Selene Zanetti, eine blutjunge, italie­nische Sängerin, die erst seit dieser Saison Ensem­ble­mit­glied des Hauses ist und früher hier im Opern­studio engagiert war, einge­sprungen für die hochschwangere Chris­tiane Karg, brilliert als selbst­be­wusste, teils resche, gefühls­warme Marie mit derben Gummi­stiefeln und Kaugum­mi­blasen. Pavol Breslik faszi­niert als ihr Geliebter Hans mit schlankem, herrlich lyrischem, berüh­rendem Tenor. Auch die kleineren Partien sind mit Oliver Zwarg  als Bauer Kruschina, Helena Zubanovich als dessen Frau Kathinka und Eltern von Marie, Kristof Klorek als Mícha und Irmgard Vilsmaier als dessen Frau Agnes und Eltern von Wenzel, Anna El-Khashem  als Tänzerin Esmeralda und Ulrich Reß als Direktor der Zirkus­truppe ideal besetzt. Farbige und homogene Wirkung erzeugt der ausge­zeichnete Chor der Bayrische Staatsoper, dessen Einstu­dierung Sören Eckhoff besorgte.

Großer Jubel und einige wenige Buhs für die Regie.

Helmut Christian Mayer

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