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9. SINFONIE IN D‑MOLL OP. 125
(Ludwig van Beethoven)
Besuch am
30. Dezember 2018
(Einmalige Aufführung)
In vielen Städten wird traditionell zum Jahresausklang Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 9 in d‑Moll Opus 125 aufgeführt. Diese Tradition der Silvesteraufführung von Beethovens 9. Symphonie wurde genau vor 100 Jahren, am Silvesterabend 1918 in Leipzig begründet. Arthur Nikisch führte das Werk damals mit dem Gewandhausorchester Leipzig anlässlich des Endes des ersten Weltkrieges auf. Insbesondere der Schlusssatz mit Chor und Friedrich Schillers Ode an die Freude appellieren an Werte wie Humanität, Freiheit und Friede. Als Europahymne „versinnbildliche sie die Werte, die alle teilen, sowie die Einheit in der Vielfalt“. Daher nimmt diese Symphonie nicht nur unter Beethovens Werken eine besondere Stellung ein. Eine Aufführung dieses Werkes ist auch immer eine Frage der Seele. „Die Neunte sei Erlösung der Musik aus ihrem eigensten Elemente heraus zur allgemeinen Kunst. Sie ist das menschliche Evangelium der Kunst der Zukunft“, sagte Richard Wagner über dieses Werk. Indem Beethoven die klassische Form der Symphonik vollendet, sprengt er sie gleichzeitig. Er erweitert nicht nur die Kontraste innerhalb der Sätze, sondern setzt sie durch den Tausch von Scherzo und Adagio auch in einen neuen Bezugsrahmen. Mit fallenden Quinten bereitet er den Hörer auf das Hauptthema des ersten Satzes vor, dessen weiträumige Entwicklung und Verarbeitung ebenso ungewöhnlich ist wie im Scherzo das eintaktige Kernmotiv, aus dem sich das Hauptthema formt. Im langsamen Satz bilden zwei Themen eine Variationskette von großer Vielfalt. Das Finale wird zunächst mit Orchesterrezitativen und rekapitulierenden Zitaten von Themen der vorangegangenen Sätze eingeleitet. Erst jetzt nimmt das Orchester die berühmte Freudenmelodie auf, um sie anschließend an Chor und Solisten weiterzureichen. Damit ist der Bereich der absoluten Musik verlassen. Von retardierenden Momenten unterbrochen, steigert sich der Freudenhymnus zu einer Feier allumfassender Brüderlichkeit, die den Schillerschen Idealismus in Beethovens Klangwelt versetzt.
Auch an den Bühnen der Stadt Gera wird diese Symphonie traditionell zum Jahreswechsel aufgeführt. Diesmal wird das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera von Peter Aderhold geleitet. Für Aderhold symbolisiert das Werk unser menschliches Dasein. „Als Einzelner, der Teil der Gemeinschaft ist und ohne diese nicht existieren kann. Und als Gemeinschaft, die sich aus Milliarden Teilen bildet und ohne diese ebenfalls nicht existieren würde.“ Aderhold, selbst auch Komponist und Schöpfer der Opern Luther und Orlando, hat Beethovens letzte Sinfonie anscheinend genau studiert, denn er verzichtet auf die Partitur auf dem Dirigentenpult. Für ihn sind die kompositorischen Strukturen „von einer besonderen Tiefe, bei der das Detail auf das Ganze wirkt und das Ganze sich im Detail spiegelt“. Und so darf mit Spannung seine Interpretation dieser so wohl bekannten und viel gehörten Sinfonie erwartet werden.
Der Aufführungsort ist schon besonders. Die Integration eines Konzertsaals in ein Theatergebäude war zu der Zeit der Erbauung des Geraer Theaters 1902 einmalig und ist bis heute eine große Besonderheit. Damals hatte die Reußische Hofkapelle ein solch großes Renommee, dass sie an der Planung und Umsetzung des Neubaus maßgeblich beteiligt war und für sie eine eigene Spielstätte eingerichtet werden musste. Im Parkett sowie auf dem mit goldenen Elementen verzierten Rang und den Logen können 812 Besucher Platz finden. Durch die insgesamt vierzehn Kronleuchter wird der Saal in ein warmes Licht getaucht, das eine ganz besondere Konzertatmosphäre schafft. Doch die Akustik des Saales ist tückisch, verzeiht keine Fehler. Zu Beginn klingt das Orchester dumpf, als ob es unter einer Glockenhaube spielte. Wenn sich die Ohren an den Klang gewöhnt haben, stechen vor allem die scharfen Bläser raus, deren Töne im fortissimo schon fast aggressiv klingen.

Der erste Satz ist mit 16 Minuten vom Tempo moderat, die Klanggebung ist diszipliniert, aber nicht nüchtern. Aderhold gelingt es, den Ausdruckswillen fast verlustfrei in ein ansprechendes Format zu kleiden. Das beginnt, wie immer bei Beethoven, bei den Momenten, aus denen Motive erwachsen, die zu Themen werden, die gewaltige sinfonische Architekturen tragen. Im konkreten Falle sind da zunächst nur fallende Quarten und Quinten. Aderhold lässt nur ein wenig Luft zwischen ihren Tönen, zwischen den Auftakten und ihrem Ziel. Und es scheint, als berge dieser Wimpernschlag aufgewühlter Stille alle Energie für die folgende musikalische Expedition. Dass es wirklich so ist, beweist der Umstand, dass es sie bei der Wiederholung nicht mehr gibt, diese kaum wahrnehmbare und doch so gewaltige Zäsur. Nun sind sie entfesselt, die sinfonischen Gewalten, schwierig zu zügeln. Das fällt dann besonders im zweiten Satz auf, mit 12 Minuten schon sehr schnell gespielt, dem Blech die Macht und Führungsposition überlassend. Ein Knackpunkt jeder Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie ist der langsame dritte Satz, das himmlische Adagio molto e cantabile nebst Andante moderato, wo man noch einmal Luft schöpfen kann vor dem großen Finale. Hier wechselt Aderhold deutlich das Tempo, drückt auf die Bremse, lässt innehalten für 15 lange, aber schöne Minuten, in dem vor allem die Mittelstimmen nach oben getragen werden, und die Legato-Streicher das Kommando übernehmen. Nach einem gefühlt viel zu langen Übergang zum vierten Satz beginnt das Finale etwas verhalten, erst bei der orchestralen Aufnahme der Freude-Melodie wird das Tempo wieder zügig, das Kommando zu dem bevorstehenden Finale. Aderhold lässt mit ausdrucksstarkem Gestus über alle vier Sätze in keinem Moment die Zügel schleifen, entwickelt in den Mittel- und vermeintlichen Nebenstimmen durchaus eine melodische Harmonie, die mit etwa 25 Minuten wieder mehr moderates Tempo zeigt. Aber über insgesamt 68 sehr kurze Minuten reiner Spielzeit gesehen ist diese Interpretation durchaus zügig.
Die Solisten bieten an diesem Abend Licht und Schatten. Bariton Johannes Beck fordert mit der natürlichen und kraftvollen Autorität seines Baritons ein: „O Freunde, nicht diese Töne!“. Beck bewältigt diese kantatenartige Arie mit einer Stimme, die sich auch im Ehrfurcht gebietenden Forte die Wärme und die Menschlichkeit bewahrt. Sopranistin Anne Preuß gestaltet ihren Part mit schon jauchzendem Sopran, der vor allem in den Ensemblestellen klar hervorsticht. Während Mezzosopranistin Anne Schuldt mit einer soliden, vor allem dem Kollektiv dienenden Stimme aufwartet, enttäuscht Tenor János Ocsovai mit einer zwar schönen, aber im Forte des Orchesters oder im Ensemble untergehenden Stimme. Stimmlich präsent zeigen sich die beiden Chöre von Opernchor Theater und Philharmonie Thüringen und dem Philharmonischen Chor Gera, formidabel einstudiert von dem noch sehr jungen Chorleiter Gerald Krammer. Wenn aus dreiundzwanzig markigen Männerstimmen „Seid umschlungen Millionen“ ertönt, dann geht das schon durch und durch. Das ist leider aber eine der wenigen Stellen, die berühren, die Emotionen wecken, was gerade bei diesem Werk so unabdingbar ist. Am Schluss steigert sich das gesamte Ensemble zu einem kraftvollen Finale, als wolle man Schillers Botschaft mit aller Macht in die Welt hinaustragen.
Das Publikum spendet langanhaltenden und großen Beifall, erhebt sich von den Sitzen, differenziert aber wenig. Das zwischen erstem und zweiten sowie zweitem und drittem Satz Beifall gespendet wird, ist eine Unart, die immer mehr in die Konzerthäuser Einzug hält, zeugt aber auch von wenig Werkverständnis und Tradition. Das natürlich jahreszeitlich bedingt viele Huster das Konzerterlebnis zusätzlich trüben, sei nur am Rande erwähnt.
Dirigent Peter Aderhold selbst hat geschrieben: „Beethovens Musik gibt uns die Hoffnung, dass wir als Menschen die Kraft, die Vernunft und die Liebe besitzen, zum Guten für alle zu wirken“. Wenn diese Aufführung diese Botschaft auch nur ansatzweise das Publikum erreicht hat, dann ist es eine große und nachhaltige Aufführung. In diesem Sinne alles Gute für das neue Jahr!
Andreas H. Hölscher