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Der Konzertkalender am Silvestertag in Leipzig ist voll und gedrängt. Während in der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig eine Doppelvorstellung von Gerd Natschinskis populärem Musical Mein Freund Bunbury läuft, heißt es am Augustusplatz, sich etwas sputen. Im Gewandhaus erklingt um 17 Uhr Beethovens 9. Sinfonie d‑Moll op. 125, in diesem Jahr in Erinnerung an die vor genau 100 Jahren durch Arthur Nikisch begründete Aufführungstradition der 9. Sinfonie zu Silvester in Leipzig mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Andris Nelsons. Und dann bleibt dem Orchester, sicher in zum Großteil alternierender Besetzung, und dem geneigten Publikum gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um schnell auf die andere Seite des Augustusplatzes zu gelangen, wo um 19 Uhr auch schon seit einigen Jahren traditionell die Silvestergala der Oper Leipzig auf dem Programm steht, natürlich vor ausverkauftem Haus.
Dieses Gala-Konzert zum Jahreswechsel ist mittlerweile eine feste Größe im Leipziger Veranstaltungskalender. Mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Intendanten und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer, Chor und Solisten der Oper Leipzig sowie dem Leipziger Ballett kann man an einem Abend erleben, was dieses Haus auszeichnet: Tradition, Qualität und Vielfalt. Quasi Oper Leipzig „at its best“. Präsentiert wird ein buntes Showprogramm, in dem große Oper auf leichte Muse, klassisches Ballett auf modernen Tanz, süffige Operettenklänge auf swingende Musicalsongs treffen. Schon vor dem Konzert laden Angehörige der Oper Leipzig in farbenprächtigen Opernkostümen die Gäste ein, sich mit ihnen fotografieren zu lassen, und es gibt für jeden Gast vor der Gala ein Glas Sekt auf Kosten des Hauses. Hier tut die Oper Leipzig einiges, um das Publikum schon vor Konzertbeginn in Laune zu bringen. Und die steigt dann zu Konzertbeginn sehr schnell. Mit der Ouvertüre zu Johann Strauß klassischer Silvesteroperette Die Fledermaus leiten Schirmer und das Gewandhausorchester Leipzig mit einem furiosen Auftakt eine beschwingte und unterhaltsame Gala ein.
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Sandra Maxheimer lädt als Prinz Orlowski mit warmem Mezzosopran das ganze Publikum zu einem Ball ein, während Jonathan Michie in der Baritonparadearie von Gioacchino Rossinis Il barbiere di Siviglia alle Facetten seines sängerischen und spielerischen Könnens zeigen darf. Das Ballett der Oper Leipzig zeigt mit dem Blumenwalzer aus Tschaikowskis Nussknacker einen der vielleicht populärsten Tänze des klassischen Balletts. Besondere Note verleiht der gesteppte Solotanz dieser Choreografie. Dann kommt die große Oper und ein erstes großes Highlight dieser Gala. Tenor Gaston Rivero, vor sechs Jahren an der Oper Leipzig mit einem fulminanten Debüt als Cavaradossi in Puccinis Tosca, hat es nun an die New Yorker Metropolitan Opera geschafft, bleibt aber der Leipziger Oper verbunden wie zuletzt Ende September bei seinem Debüt als Dick Johnson in Puccinis La fanciulla del west. Und es ist auch an diesem Abend Puccini, nämlich die italienische Tenorarie schlechthin, Nessun dorma aus Turandot, mit dem Rivero mit warmem, baritonalem Timbre und leuchtender und kraftvoller Höhe das dreifache Vincerò! am Schluss dem Publikum entgegen schmettert und es zu wahren Begeisterungsstürmen führt.
Große Oper muss nicht immer ernst sein, das zeigt die als Parodie auf eine Opernszene bekannt gewordene Nummer Insalata Italiana op. 68 von Richard Genée, dargestellt als Chorprobe mit Solistenverstärkung, herrlich komisch und von durchaus hohem Schwierigkeitsgrad. Chorleiter Thomas Eitler-de Lint führt hier ein strenges Regiment. Nach dem Chor darf auch das Leipziger Ballett seine Vielfalt zum Besten geben. Zum Scherzo des dritten Satzes von Beethovens Sinfonie Nr. 3 Eroica zeigt das Ballett mit Geschöpfe eine ausdrucksstarke und körperbetonte Choreografie von Leipzigs Ballettchef Mario Schröder. Dann wird es ganz romantisch und beseelt. Eingeleitet mit einem wunderbaren Violinsolo von Yun-Jin Cho, stellvertretende Erste Konzertmeisterin des Gewandhausorchesters, lassen Magdalena Hinterdobler und Jonathan Michie ihre Lippen schweigen, bevor das gesamte Ensemble auf der Bühne Im Feuerstrom der Reben aus der Fledermaus zu einer sekthaltigen Pause bitten.

War der erste Teil musikalisch ganz klassisch, wird es im zweiten Teil des Abends moderner, frivoler und lockerer, es dominieren Melodien des 20. Jahrhunderts. Und einen großen Anteil am Erfolg der Gala hat der Conférencier des Abends, Cusch Jung. Der Chefregisseur der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig zeigt an diesem Abend ein großes Repertoire seines Könnens. Nicht nur charmant moderieren, auch Singen, Tanzen und Slapstick gehören zu seinen Attitüden. Mit einer neuen textlichen Interpretation von Friedrich Hollaenders Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, am Flügel begleitet von Ulf Schirmer, eröffnet Jung als „blauer Engel“ den zweiten Teil der Gala. Nach der herrlich komisch betrunken torkelnden Balletteinlage Les mâles paumés verkündet Magdalena Hinterdobler in großer Abendrobe und etwas sehr pathetisch Du sollst der Kaiser meiner Seele sein von Robert Stolz. Jerry Bocks Musical Anatevka darf auf keinem Spielplan eines großen Hauses fehlen, und Randall Jakobsh als Milchmann Tevje mit Milchkarren und alten Kannen träumt davon, „einmal reich zu sein“.
Mit dem Walzer aus Aram Chatschaturjans Masquerade läuten Schirmer und das Gewandhausorchester ein furioses Finale ein. Cusch Jung lässt Kurt Weills Song über eine Vielzahl russischer Komponisten dreimal in Folge erklingen, und jedes Mal zieht Schirmer das Tempo an. Jung schafft es tatsächlich, ohne sich einen Knoten in die Zunge zu wickeln und diesen Zungenbrecher, sehr zum Vergnügen des Publikums, bis zur Erschöpfung zu präsentieren. Eine Jubelarie des Publikums ist ihm dafür sicher. Noch einmal klassisches Ballett, noch einmal Nussknacker, diesmal der Russische Tanz, bevor es wieder große Gala wird. Rivero gibt mit dem neapolitanischen Volkslied Tiritomba eine weitere großartige musikalische Visitenkarte ab. Von Neapel geht es musikalisch über den großen Teich nach New York. Michie mit Bert Kaempferts Strangers in the Night macht hier old blue eye Frank Sinatra Konkurrenz. Und Cusch Jung singt, swingt und steppt mit einem Regenschirm Singin‘ in the rain, bevor Schirmer das Publikum zum Mitklatschen beim finalen Radetzky-Marsch animiert.
Und natürlich darf der Abend nicht ohne Zugabe enden. Mit dem passenden Schlagertitel Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da von Theo Mackeben aus dem Film Der Tanz auf dem Vulkan verabschieden sich Cusch Jung, das Gewandhausorchester der Oper Leipzig, Ulf Schirmer, Chor, Ballett und Solisten und entlassen ein berauschtes Publikum in die Silvesternacht. Und wer noch nicht nach Hause gehen will, kann in den Räumlichkeiten der Oper Leipzig mit diversen Künstlern den Jahreswechsel feiern. Damit hat die Oper Leipzig ein gutes und erfolgreiches Jahr 2018 champagnerbeseelt abgeschlossen und macht Lust auf die Neuentdeckungen im neuen Jahr.
Andreas H. Hölscher