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MENSCHEN IM HOTEL
(Vicky Baum)
Besuch am
31. Dezember 2018
(Premiere am 24. November 2018)
Seit dem Erscheinen des Romans Menschen im Hotel 1929 übt das Werk von Vicki Baum eine große Faszination auf Theatermacher aus. Bereits 1930 wurde die von der Autorin selbst erarbeitete Bühnenfassung im Berliner Theater am Nollendorfplatz in einer Inszenierung von Gustaf Gründgens uraufgeführt. Im selben Jahr zeigte das Neue Theater in Frankfurt am Main eine Bühnenfassung. Zwei Jahre später erschien die Musical-Fassung, die allein am Broadway mehr als 1000 Mal gezeigt wurde. Berühmt wurde der ebenfalls 1932 veröffentlichte Film mit Greta Garbo, dem zwei weitere Verfilmungen folgten. Seit 2009 sind in schöner Regelmäßigkeit Interpretationen an deutschen Theatern zu erleben, selbst das Puppentheater hat sich inzwischen des Stoffs angenommen. In der aktuellen Spielzeit kommen die Rheinländer gleich zwei Mal in den Genuss, ein paar Straßenbahnstationen voneinander entfernt. In Düsseldorf ist Menschen im Hotel in der Fassung von Stephan Kaluza zu sehen, während ein paar Kilometer weiter das Rheinische Landestheater Neuss dasselbe Werk in der Inszenierung von Marlene Anna Schäfer zeigt. Regisseur Sönke Wortmann durfte sich in Düsseldorf in konventioneller Inszenierung ausleben, in Neuss gibt es die fantasievollere Aufführung mit eigens für das Stück komponierter Musik von Henning Brand.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Stück selbst ist sperrig wie ein Stauwerk. Weil sich hier nichts von selbst ergibt, muss das Personal einzeln vorgestellt und charakterisiert werden. Da ist Grusinskaja, die alternde Tänzerin, Flämmchen als Dienstleisterin mit recht einfachen ökonomischen Maßstäben, Generaldirektor Preysing, der um das Überleben seines Unternehmens kämpft, der kriegsversehrte Dr. Otternschlag, der sich fest in das Hotel eingenistet hat, Baron Gaigern, gescheiterter Lebemann, der sich als Dieb und Betrüger durchschlägt sowie die tragische Gestalt des todkranken Hilfsbuchhalters Kringelein, der endlich auch die andere, die schöne Seite des Lebens kennenlernen will und schließlich Portier Senf, der die abweisende, aber auch doppelmoralische Seite des Hotels repräsentiert. Die Vorstellung des Reigens ergibt viel Dialog, aber so gut wie keine Handlung. Regisseurin Marlene Anna Schäfer versucht, das Beziehungsgeflecht aufzulockern, indem sie die jeweils anderen Protagonisten über die vorzustellende Person erzählen lässt. Mehr als ein paar Stellungswechsel fallen der Regisseurin aber auch nicht ein. Die Bühne von Marina Stefan folgt der Idee, das Geschehen einem konkreten Ort zu entziehen. Und so geben ein paar Kugel-Stehlampen, eine Leuchtsäule, eine kreisrunde Projektionsfläche im Hintergrund nurmehr eine Andeutung von einer Hotelhalle wieder. Schluss mit der Grandezza eines Bristol, eines Waldorf Astoria oder eines Adlon. Es geht ums Leben, wenn nicht gleich ums Überleben. Und davon wird dann in der zweiten Hälfte des Stücks auch etwas spürbar, unterstrichen von den skurrilen Kostümen, die ebenfalls Stefan verantwortet. Hier allerdings bekommt Schäfer den Dreh nicht mehr. Und es wird weiter erzählt, erzählt, erzählt, wenngleich etwas mehr Lebhaftigkeit und Bewegung in die Angelegenheit kommt.
Trotzdem bleibt das Hörspiel anstrengend. Für Publikum und Darsteller. Dabei darf das Publikum dankbar sein, ein großartiges Ensemble erleben zu können. Schäfer lässt kaum Exzesse zu, und so können die Schauspieler glaubwürdig und überzeugungsstark agieren. Katharina Dalichau gefällt als Grusinskaja. Beim Flämmchen von Teresa Zschernig bleibt die Flatterhaftigkeit zu sehr im Text. Peter Waros gibt den Generaldirektor Preysing sehr schablonenhaft, was durchaus in der Rolle begründet sein mag. Herrlich skurril präsentiert Jan Kämmerer den Dr. Otterschlag, wo immer ihm Gelegenheit dazu gelassen wird. Schön halbseiden spielt Hubertus Brandt den Baron Gaigern. Nicht ganz so überzeugend kommt der Portier Senf von Pablo Guaneme Pinilla rüber, was aber vermutlich auch mehr der Personenführung der Regie als dem Darsteller zuzuordnen ist. Schlicht großartig ist, wie Stefan Schleue die Rolle des Kringelein entwickelt. Das geht von Anfang an in die Tiefe, kann sich in der Dramatik bis zu seinem großen Ausbruch steigern und gar bis zum Ende aufrecht erhalten.

Neben der unaufdringlichen, aber nachhallenden Entwicklung des Kringelein ist Schäfer vor allem zu Gute zu halten, dass sie aus dem Stück keine Nummern-Revue mit Schlagern der 1920-er Jahre gemacht hat. Allerdings hält sich Henning Brand, der selbst allerlei Instrumente vom E‑Piano bis zum Schlagzeug bedient, arg mit seinen Zutaten zurück. Gerade, weil auch die Kombination mit Geigen und Harfe, von Radek Stawartz, Johannes Platz und Isabelle Marchewka schön interpretiert, sehr gut gefällt, hätte ein verstärkter Einsatz möglicherweise durchaus die Inszenierung noch heben können.
Nach gut zwei Stunden zeigt sich das Publikum eher erschöpft als begeistert. Zu Silvester ist das Haus zwar gut besucht, aber das Publikum scheint komplett ausgewechselt. Und mit den Gepflogenheiten eines Theaterbesuchs auch nicht sehr vertraut. Da hat sich gleich eine ganze Emphysematiker-Gruppe gleichmäßig über den Saal verteilt und hustet den Text auf der Bühne in Grund und Boden. Und als gäbe es nicht genügend Text, will man auch die Gespräche mit dem Nachbarn nur ungern unterbrechen, bloß, weil auf der Bühne was passiert. Der eher schwache Applaus dürfte aber Intendant Rainar Ortmann nicht davon abhalten, nach der Aufführung auf die Bühne zu treten, um seinem Publikum noch irgendetwas zu wünschen – und sei es auch nur ein guter Rutsch. So verlässt man das Rheinische Landestheater Neuss an diesem Abend wie das Jahr, das zu Ende geht: Mit sehr gemischten Gefühlen.
Michael S. Zerban