O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
SEMELE
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
2. Januar 2018
(Premiere am 14. Januar 2007)
Als Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele ist sie für die Präsidentin Helga Rabl-Stadler als Leuchtrakete im vollen Einsatz, Intendant Andreas Homoki vom Opernhaus Zürich bezeichnet die Koloraturkönigin aus Rom als Botschafterin. Die Rede ist von Cecilia Bartoli, die gerade mit ihrem neuen Vivaldi-Album für Furore sorgt. Die Mezzosopranistin mit der Glut eines aktiven Vulkans feiert ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. In ihrem Stammhaus Zürich gibt die weltweit gefragte Stimmakrobatin aus aktuellem Anlass am 6. Januar ein Galakonzert und singt diese Tage außerdem erneut die Titelpartie in Georg Friedrich Händels Oper Semele in einer glanzvollen Wiederaufnahme.
Es sind ein paar Jahre ins Land gezogen, seit Semele in der Inszenierung von Robert Carsen erstmals in Zürich gezeigt wurde. Das war in der Saison 2006⁄07. Für Cecilia Bartoli ging es schon damals im Alter von 40 Jahren nur steil nach oben auf der Karriereleiter. Wenn man die gebürtige Italienerin, die heute den Schweizer Pass besitzt, auf der Bühne herumwirbeln sieht, gewinnt man den Eindruck, dass für die inzwischen 52-Jährige die Zeit still gestanden ist. Das mag auch daran liegen, dass die Ausnahmekünstlerin mit der Partie der Semele eine Paraderolle zum Besten gibt, wo sie als selbstverliebte Fashionista und ebenso emanzipierte Frau die Funken sprühen lässt. Carsen hat seine pointiert humorvolle Lesart auf eine Künstlerin abgestimmt, die das Leben mit all ihren Sinnen beim Schopf packt und dabei eine Energie verströmt, die nachts ganze Straßenzüge erhellen könnte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Carsens Inszenierung mit dem Bühnenbild und den Kostümen von Patrick Kinmonth ist zeitlos und wird zurecht nicht ausrangiert. Carsen ist bekannt für seine subtile wie messerscharfe Herangehensweise, die bei Semele mit einem gütlichen Schuss Ironie angereichert ist. Er wagt sich für den Dreiakter, den Händel als Oratorium anlegt hatte, sogar in Disneys Zauberwelten. Die monströse Königinnen-Krone und die rote Robe mit Hermelinbesatz sind Hollywood-reif, die Pointe dahinter ist freilich fein gesponnen und alles anderes als plump. Anstelle von Rampensingen bringt der Meister der Reduktion ordentlich Leben in den Palast, der vom Götterpaar Jupiter und seiner Gattin Juno zwischenbewohnt wird. Durch die heilige Halle führt ein roter Teppich zu einer monströsen Himmelspforte. In der modernen Anschauung sieht man einen Catwalk, auf dem ambitionierte Politiker den Weg zur Macht beschreiten wollen. Für Semele ist es ein Streben nach Unsterblichkeit oder übersetzt eine übergeordnete gesellschaftliche Stellung. Über allem thront eine überirdische Königin, die weit mehr Ähnlichkeit mit der Queen hat als mit einer mythologischen Figur aus der Antike.
Carsen nutzt den nahezu entrümpelten Raum im zweiten Akt als Lustschloss, den Jupiter für seine Semele errichtet hat. Ein mit edlem Satin bezogenes Bett in nobler King-Size-Größe ist die illustre Spielwiese für die beiden Protagonisten. Sie machen mit ihrem stürmischen Bettgeflüster Doris Day und Rock Hudson ernsthaft Konkurrenz. Carsen, der zusammen mit Peter van Praet für warme und ebenso kontrastreiche Lichtverhältnisse sorgt, lässt in seiner intelligenten Anschauung der Ovid-Saga keine Minute Langeweile aufkommen. Das ist für eine 150-minütige Barockoper mit ihren Da-capo-Arien eine Meisterleistung.

Meisterhaft ist bei dieser Wiederaufnahme in Zürich auch die Besetzung. Cecilia Bartoli wird von einer Sängerriege begleitet, die sich hören und sehen lässt. Das mag ein Stück weit die stolzen Preise rechtfertigen, die am Opernhaus für einen Platz erster Kategorie mit 320 Schweizer Franken zu Buche schlagen. Bartoli wird den hohen Anforderungen, die sich die Künstlerin selber setzt, mehr als gerecht. Wenn Bartoli singt, ist jeder Ton ein gezielter Farbtupfer, der in seiner Vielzahl ein farbenprächtiges und detailliertes Porträt ergibt. Völlig losgelöst und scheinbar frei von jeglicher Anstrengung, intoniert die Mezzosopranistin ihre Arien punktgenau und pariert selbst anhaltende Killer-Koloraturen mit einem lustvollen Blitzen in den Augen. Bartoli lässt ihre Girlanden mit juvenilem Impetus leuchten und betört in der Tiefe mit dunklem Schimmern. Ihre charakteristische Stimme ist angenehm unaufdringlich und weht mitunter durch den Raum wie eine sanfter Wind, der auch mal in eine satte Böe umschlagen kann. Auf ähnlichem Level bewegt sich Frédéric Antoun im Rollendebüt als Jupiter. Für einen Tenor, der längst im lyrischen Fach angekommen ist, sind seine Koloraturen auffallend formschön und gänzlich frei von Prahlerei. Ein sanfter Schmeichler, der im Volumen aufdrehen kann, ohne die Fassung zu verlieren, und der optisch ein unerhörter Blickfang ist.
Christophe Dumaux braucht als Athamas etwas Anlauf, doch nach kurzer Zeit liefert der Sänger den Beweis, warum er einer der angesagtesten Countertenöre ist. Seine ätherisch engelshafte Stimme scheint direkt vom Himmel entsandt. Auch Nahuel Di Pierro kommt bei seinen zwei Rollendebüts erst nach einem Warm-up auf Touren. Die honigsüße Tiefe entfaltet sich im ersten Akt in der Partie des Cadmus erst zögerlich. Dafür sorgt Di Pierro später als Somnus für sonores Brummen. Sopranistin Rebeca Olvera ist als Götterbotin Iris darstellerisch wie gesanglich eine Wucht. Mit ihrem quirligen Einsatz, der nicht mit Slapstick geizt, sorgt die Sängerin für Lachsalven. Katarina Bradić singt erstmals in Zürich und gibt als Göttergattin Juno ihr Debüt. Die Mezzosopranistin ist eine stolze und stimmlich sonore Besetzung. Ihrer leicht spröden Stimme fehlt es allerdings noch an Facettenreichtum. Dafür hat Deniz Uzun als Semeles Schwester Ino im Rollendebüt keine Mühe, alle anderen mit ihrem voluminösen und wandelbaren Mezzosopran zu übertönen. Der Versuch, sich stimmlich zurückzunehmen, gelingt ihr nur ansatzweise. Hier gibt eine Verismo-Santuzza den Tarif durch.
William Christie präsentiert mit dem Orchestra La Scintilla einen in jeder Hinsicht ausgewogenen und minutiös austarierten Klangkörper, der in punkto Dynamik und schillernder Farbenpracht nichts zu wünschen übrig lässt und somit jedes Barockherz nachhaltig zum Pochen bringt. Der Chor der Oper Zürich unter Ernst Raffelsberger setzt diesem superben Hochgenuss an Präzision und Harmonie die Götterkrone auf.
Peter Wäch