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Elbphilharmonie Hamburg - Foto © Michael Zapf

Endlich hört man Don Ottavio

DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
6. Januar 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Elbphil­har­monie Hamburg

Eigentlich ist dieser Don Giovanni in der Elbphil­har­monie als konzer­tante Aufführung angekündigt. Aber man kann sich im Vorfeld schon denken, dass ein Rollen­ve­teran wie Erwin Schrott nicht ruhig vor einem Noten­ständer stehen wird. Beim Blick auf den Beset­zungs­zettel stellt man dann aber fest, dass der Bariton selbst eine szenische Einrichtung vorge­nommen hat. Die beginnt direkt in der Ouvertüre – leider muss man sagen, denn die ersten schick­sals­haften Akkorde müssen mit den Geräu­schen des lachend über die Bühne rennenden Don Giovanni konkur­rieren. Das ist der einzige Moment, in dem Schrott sein Tempe­rament gegen die Musik einsetzt. Ansonsten hat er eine klare Vorstellung davon, wie er diese Oper, oft verhunzt in gekünstelt-psycho­lo­gi­schen Deutungen, auf die Bühne der Elbphil­har­monie bringen kann. Gespielt wird größten­teils auf dem breiten Weg vor dem Orchester, so dass man sich in der zweiten Reihe im Parkett fühlt wie bei einem James-Bond-Film direkt vor Leinwand des Kinos. Der Kopf wendet sich sekündlich von links nach rechts und wieder zurück. Die Arien werden zu Schon­mo­menten der Halswir­bel­säule. Aber das nimmt man angesichts der Energie, die man hier von den Darstellern geschenkt bekommt, gerne in Kauf.

Mit ein paar Requi­siten, den Kleidern und Anzügen aus dem eigenen Kleider­schrank und mit der jeweils passenden Ausstrahlung werden Schrotts Ideen mit Bravour umgesetzt. Dabei sieht alles so aus, als hätte man das schon hundertmal zusammen aufge­führt. Das bekommt aber nur einen hohen Wert, weil die vokalen Leistungen an diesem Abend schlichtweg großartig sind. Wen also zuerst nennen von dieser Luxus-Besetzung? So darf oder muss man dem Tenor den größten Respekt zollen, da der Don Ottavio oft blass besetzt oder von der Regie vernach­lässigt wird. Sicher: Im Vergleich mit Don Giovanni bleibt Ottavio ein Spießer, aber einer mit Niveau und Klasse, wenn er Habitus und Stimme von Benjamin Bruns besitzt. An diesem Abend ist er der soziale Gegenpol zu Don Giovanni. Endlich sind es nicht nur die Damen, die in den Ensembles hohe Akzente setzen. Dank Bruns hört man wieder, was der Tenor zu singen hat. Bei seinen zwei Arien darf man dann nochmal ganz genau die Ohren spitzen. Das sind Lehrstunden der Gesangs­kultur, wo man als Stimmen­lieb­haber etwas lernen kann über Kolora­turen, Atmung und Phrasierung. Oder man lehnt sich einfach zurück und genießt diese beiden sensiblen Gefühlsmomente.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Publikum



Chat-Faktor



Auch Julia Kleiter erreicht bei ihrem Rollen­debüt als Donna Anna diese Messlatte, wenngleich noch nicht so souverän wie ihr Bühnen­partner. Ihre große Szene im zweiten Akt lebt von der tief verin­ner­lichten Emotio­na­lität dieser Rolle. Ihr silbriger Sopran schwebt durch die Phrasen und Kolora­turen und verfügt parallel zu ihrer Bühnen­er­scheinung über einen gewissen Stolz. Nein, diese Frau hat Don Ottavio nicht betrogen. Sie hatte gewiss einen Moment der Schwäche. Für den hasst sie den Verführer Giovanni fast noch mehr als für den Mord an ihrem Vater. Auch wenn Kleiter keine drama­tische Sopra­nistin ist, vermag sie ihre Stimme in ihrem Wunsch nach Rache in eiskalte Schärfe zu tauchen. Das passend andere Profil gibt Lucy Crowe der Donna Elvira. Wut und Verlangen schwingen in ihrem Sopran mit, aber auch immer eine gewisse Unsicherheit, als könnte sie in jedem Moment auch die technische Kontrolle über ihren Sopran verlieren. In ihrer Liebe zu Don Giovanni lebt Donna Elvira immer an ihrem eigenen Abgrund, und nachdem Crowe ihre anfäng­liche Nervo­sität überwunden hat, ist sie Teil des sozialen Gefüges auf der Bühne.

Aus anderem Holz geschnitzt ist Giulia Semenzato, in Erscheinung und Timbre eine Zerlina aus dem Bilderbuch. Sie weiß genau, was sie will, wittert sogar einen kurzen Moment dank Don Giovanni den sozialen Aufstieg. Letzt­endlich aber setzt sie ihre lyrischen Fähig­keiten dazu ein, ihren Masetto wieder um den Finger zu wickeln. David Steffens wertet mit Präsenz die eher kleine Rolle auf und hat auch vokale Meriten vorzu­weisen. Da er in einer Doppel­rolle auch als Komtur fungiert, ist seine große Stärke des Abends, auch ohne eine kompakte Insze­nierung diesen komplett anderen Figuren auch zwei verschiedene Gesichter zu geben. Leider lassen ihn beim finalen Auftritt des Komturs die Nerven während der ersten Sätze im Stich.

Das kann man aber auch schon wieder ironisch sehen: Selbst eine überir­dische Macht kommt ins Taumeln, wenn sie einer Natur­gewalt wie Don Giovanni in der Person Erwin Schrotts gegen­über­steht. Der nutzt seine Quali­täten in dieser Rolle schamlos aus, genießt es förmlich, das restliche Ensemble zu dominieren und mit dem Publikum zu flirten. Fast dankbar regis­triert man als Hörer, dass der Mann auch nur ein Mensch ist: Im Mezza-Voce muss er sich anstrengen, am Klang seines pracht­vollen Bassba­ritons zu bleiben. Eine kleine Notiz in einer großen Inter­pre­tation, die musika­lisch und darstel­le­risch addiert ein Gesamt­kunstwerk ergibt. Tempe­ra­mentvoll nutzt er alle Möglich­keiten an Gestik und Mimik aus. Großartig ist nicht nur sein Gesang, sondern auch die Ausar­beitung der Rezitative, für die er sich falls sinnvoll auch viel Zeit nimmt. Die machen an diesem Abend so richtig Spaß, weil erstens die Cemba­listin Soyoung Sim großartig die musika­li­schen Fäden zwischen die Worte spinnt. Und zweitens, weil der Einspringer des Abends den gleichen Schneid hat wie Schrott. Mit Adrian Sâmpetrean hat an diesem Abend keiner gerechnet, und dass er, zwei Tage vor der Aufführung von Schrott angerufen, als Leporello zu dieser Form aufläuft, schon gar nicht. Selbst­be­wusst und absolut auf den Punkt liefert er sich mit Schrott ein wahnwit­ziges Rededuell und beweist ein untrüg­liches Gespür für Komik am richtigen Zeitpunkt. Dazu passt sein agiler Bassba­riton, ein bisschen schlanker als der von Schrott, was genau den richtigen Unter­schied ausmacht. Eine großartige Leistung!

Kammer­or­chester Basel – Foto © Christian Flierl

Musika­lisch nicht ganz auf diesem Niveau präsen­tiert sich der Deutsche Kammerchor, weil besonders den Herren die nötige Power fehlt, um seine großen Auftritte im ersten und zweiten Akt auszu­nutzen. Darstel­le­risch fügen sie sich gerne in das Geschehen ein, und selbst einige Mitglieder des Kammer­or­chesters Basel wagen ein Tänzchen im Ballsaal von Don Giovannis Schloss. Ansonsten bleiben die Instru­men­ta­listen eine Spur hinter den Sängern zurück, was vermutlich aber akustische Gründe hat. Denn in den vorderen Reihen dominieren die Sänger den Klang. Die Feinheiten des Orchesters, die man in der Ouvertüre auch noch deutlich hört, können später kaum noch durch­dringen. Zeitweilig kann es sogar passieren, dass vorne im Parkett einige Akzente eine hundertstel Sekunde versetzt ankommen. Die viel gerühmte Akustik der Elbphil­har­monie offenbart ihren Zauber am nächsten Morgen während einer Hausführung. Man bekommt für ein paar Minuten die Gelegenheit, Mäuschen zu spielen, während das NDR-Elbphil­har­monie-Orchester unter Marek Janowski Wagners Tannhäuser-Ouvertüre probt. Was man 30 Meter über dem Klang­körper hört – sogar die knappen Anwei­sungen des Maestros – ist wirklich großartig.

Der Don Giovanni wird von einem Giovanni dirigiert, Giovanni Antonini, um genau zu sein. Er gibt der Oper genau den richtigen Drive und ist den Sängern so ein zuver­läs­siger und einfühl­samer Begleiter, dass sich Donna Elvira sogar an seiner Schulter ausweinen darf. Der Abend endet drama­tisch mit Don Giovannis Höllen­fahrt. Für das vermeint­liche glück­liche Ende bleibt eine halbe Stunde vor Mitter­nacht keine Zeit. Den ersten Zuhörern merkt man in der Pause schon an, dass sie die Länge der Aufführung unter­schätzt haben – sie gehen. Ein weiteres Drittel rennt mit dem Schlusston hinaus. Das kann wohl weder ein Ort wie die Elbphil­har­monie noch ein Opern­abend wie dieser verhindern. Von den restlichen Zuschauern gibt es lauten und glück­lichen Beifall, der den augen­scheinlich sehr zufrie­denen Sängern auch stehend entge­gen­ge­bracht wird. Ein großar­tiger Beginn für das Opernjahr 2019.

Christoph Broermann

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