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Foto © Kyle Froman

Explosives Tanztheater

AILEY II
(Diverse Choreografen)

Besuch am
15. Januar 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen

Vor vier Jahren war Ailey II zum ersten Mal zu Gast im Forum Lever­kusen. Und offenbar hat die New Yorker Tanz-Company bleibenden Eindruck hinter­lassen. Denn anlässlich des zweiten Besuchs ist das Forum komplett ausver­kauft. 1974 als Alvin Ailey Repertory Ensemble gegründet, entwi­ckelte Alvin Ailey seine Vision weiter, eine kultu­relle Gemein­schaft für jeden zugänglich zu machen. Er übergab Sylvia Waters die Leitung dieser Junior-Compagnie, die aus Ailey II in den folgenden Jahren eine der erfolg­reichsten Tanz-Compa­gnien in Amerika entwi­ckelte. 2012 zog sich Waters zurück und übergab die Leitung dieser Compagnie Troy Powell, der das Ensemble erfolg­reich weiterentwickelte.

Während Compa­gnien in Deutschland darüber grübeln, wie sie das zeitge­nös­sische Tanztheater zu neuer Größe führen können und das auch in ihren Auffüh­rungen zum Ausdruck bringen, setzen auslän­dische Ensembles alles daran, das Publikum zu begeistern. Das Publikum hat längst entschieden, was es sehen will. Das muss ja nicht richtig sein, aber es rechnet sich. Und ein Haus wie das Forum Lever­kusen begeht ständig den schweren Grat, das Gleich­ge­wicht zwischen künst­le­ri­schem Anspruch und Unter­hal­tungs­willen des Publikums zu finden. Einmal mehr ist das heute gelungen.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Mit Circular stellte Jae Man Joo 2016 eine Choreo­grafie vor, die klassi­schen und zeitge­nös­si­schen Tanz bewusst mischte. Inzwi­schen preis­ge­krönt, lebt das Werk vor allem von der Spannung der Figuren, die immer ein wenig länger gehalten wird als eigentlich möglich. Da wird bei den jungen Tänzern manche Unsicherheit sichtbar, was aber nicht an den Tänzern, sondern an den hohen Anfor­de­rungen der Choreo­grafie liegt. Eine Spur weniger hätte es auch getan. Das hätte auch die Gegen­über­stellung der Musiken von Edison Denisov und Georg Friedrich Händel ermög­licht. Die Musik kommt an diesem Abend vollständig „vom Band“. Das geht in Ordnung, weil diese Vielfalt von einem Orchester nicht zu leisten wäre. Auch die grauen Kostüme bleiben etwas hinter den Erwar­tungen zurück. Aber das Licht! Da hat Rob Ross die Magie gepackt. Großartig. Und kaum zu beschreiben. Der Hinter­grund scheint zu leuchten, Schein­werfer werden nicht sichtbar, und doch erscheint der Tanzboden in mildem Licht, während die Tänzer messer­scharf zu erkennen sind. Das ist eine Beleuchtung, die ihres­gleichen sucht.

Foto © Kyle Froman

Das Konzept des Licht­de­signs setzt sich in den folgenden Stücken fort, auch wenn bei Road to One Lauren Parrish für das Ausleuchten zuständig ist. Darrell Grand Moultrie hat diese Choreo­grafie 2017, von der hier ein Auszug zu sehen ist, entwi­ckelt und ihr die Frage zugrunde gelegt, welches Erbe wir zurück­lassen. Drei Tänze­rinnen in den langen Kleidern, die Marc Eric Rodriguez erdacht hat, haben in acht Minuten Gelegenheit, ihre eigene Antwort zu finden, um schließlich in Solida­rität weiter­zu­gehen. Untermalt wird das unter anderem von Musik von Enzio Bosso, Oliver Davis und Spark. Dass die Musik von Spark es inzwi­schen bis Amerika geschafft hat, ist dabei ein erfreu­licher Nebenaspekt.

Robert Battle gehört als Künst­le­ri­scher Berater inzwi­schen zu den Veteranen von Ailey II. 2001 begeis­terte er mit seiner Choreo­grafie The Hunt das Publikum. Battle verlässt das klassische Reper­toire und schickt sechs Tänzer zur hämmernden Musik von Les Tambours du Bronx in Röcken auf die Bühne. Hier wird vom Tanz bis zur Artistik alles geboten, vor allem aber von muskel­be­packten Männern, die ihre gestählten Körper gern zeigen – und gern auch mal ein bisschen tuntig. Das war vor zwei Jahrzehnten sicher gewich­tiger als heute. Das Publikum hat vor allem Spaß an Rhythmus und Sixpacks.

Die richtig großen Bilder bleiben Breaking Point vorbe­halten. Vorletztes Jahr hat Choreo­grafin Renee I. McDonald sich intensiv mit der Frage ausein­an­der­ge­setzt, wie Menschen mit den existen­zi­ellen Fragen nach Liebe, Freund­schaft, Vergebung oder einem heimlichen Verlangen umgehen. Zur Musik von Audio­ma­chine, die einen Zusam­menhang von Rhythmik, Emotion und Energie herstellt, begeben sich die Tänzer in den fanta­sie­vollen Kostümen von Taylor S. Barnett in Tableaux, die von Kraft und Überra­schung strotzen. Die einge­scho­benen Soli sind gefällig, erlauben aber im Grunde nur ein kurzes Luftholen vor dem nächsten Ensemble-Auftritt, der erneut das Publikum gefangen nimmt.

Nach rund zwei Stunden mit zahlreichen, immer wieder überflüs­sigen Zwischen­ap­plausen darf sich das Publikum endlich von den Sitzen erheben, um Ailey II für einen insgesamt großar­tigen, ja, explo­siven Abend zu danken, der einmal mehr das Forum Lever­kusen in den Fokus aufre­gender Tanzer­eig­nisse rückt.

Michael S. Zerban

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