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Foto © Michael Pöhn

Ein Stück Operngeschichte

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
18. Januar 2019
(Premiere am 3. April 1958)

 

Wiener Staatsoper

Wissen Sie noch, was alles im Jahr 1958 geschah? Hier ein kurzer Rückblick auf bedeu­tende und weniger bedeu­tende Ereig­nisse. König Albert II. von Monaco wird geboren, Papst Pius XII. stirbt und Boris Pasternak erhält den Nobel­preis für Literatur. Elvis Presley nimmt seinen Dienst in der US-Armee auf, General Charles de Gaulle wird franzö­si­scher Präsident. Deutsche Verkehrs­sünder werden von nun an in Flensburg regis­triert, und in Marburg operiert der Chirurg Rudolf Zenker mit Hilfe einer Herz-Lungen-Maschine erstmals einen Patienten in Deutschland erfolg­reich am offenen Herzen. Im belgi­schen Brüssel wird mit der Expo 58 die erste Weltaus­stellung der Nachkriegszeit eröffnet und in den USA die NASA gegründet. Und an der Wiener Staatsoper feiert am 3. April 1958 in der Insze­nierung von Marga­rethe Wallmann und in der Ausstattung von Nicola Benois Giacomo Puccinis Oper Tosca Premiere. Herbert von Karajan dirigiert, Renata Tebaldi singt die Tosca, Giuseppe Zampieri den Cavara­dossi und Tito Gobbi in einer seiner Parade­rollen den Scarpia. Während die Protago­nisten dieser Premiere alle schon lange im Opern­himmel sind und viele Ereig­nisse von 1958 nur noch Randno­tizen in den Jahres­chro­niken sind, hat diese Insze­nierung der Tosca die Zeit überdauert und steht nun schon zum 605. Mal seit der Premiere vor über 60 Jahren auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper.

Ein Blick in die Chronik der Wiener Staatsoper zeigt große Namen, die im Verlaufe von über 600 Auffüh­rungen beteiligt waren. Neben Karajan waren es Dirigenten wie Clemens Krauss, Rudolf Kempe, Giuseppe Patané oder Zubin Mehta, die diese Auffüh­rungen prägten. Auch die Beset­zungs­listen der Haupt­partien lesen sich wie das Who is Who der großen Sänge­rinnen und Sänger des 20. Jahrhun­derts. Leonie Rysanek, Birgit Nilsson, Monts­errat Caballé und Renata Scotto sprangen alle von der Engelsburg in den Tod und kamen anschließend wieder putzmunter und strahlend vor den Bühnen­vorhang – bis auf Martina Serafin, die sich im Dezember 2015 bei eben diesem Sprung ein Bein brach.

Unter den Tenören, die den Cavara­dossi geben durften, finden wir so illustre Namen wie Giuseppe di Stefano, Nicolai Gedda, Carlo Bergonzi, James King und natürlich die drei Tenöre Domingo, Carreras und Pavarotti. Auch der fiese Polizeichef Scarpia wird von großen Namen wie Hans Hotter, George London, Eberhard Wächter oder Sherill Milnes umrankt. Über 1,2 Millionen Menschen haben in diesen 605 Auffüh­rungen die zwei Stunden Liebe, Kampf und Leiden­schaft durch­litten, an deren Ende immer alle tot sind. So ist und bleibt die Wallmann-Tosca die unumstrittene Nummer eins der Staats­opern-Insze­nie­rungen, vor Franco Zeffi­rellis La Bohème aus dem Jahre 1963 mit etwas über 430 Auffüh­rungen. Auch Josef Gielens Madama Butterfly aus dem Jahre 1957, immerhin ein paar Monate älter als die Tosca und auch noch auf dem Spielplan, hat es bisher auf über 380 Auffüh­rungen gebracht.  Und noch ein Jubiläum gilt es zu erwähnen. In dieser Spielzeit feiert die Wiener Staatsoper ihren 150. Geburtstag.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Somit ist der Besuch einer Aufführung der Tosca in Wien immer auch ein Stück erlebter Zeitge­schichte, in doppelter Bedeutung des Wortes. Denn kaum eine Oper ist so in der Geschichte verankert wie Giacomo Puccinis Tosca. Die Handlung spielt in Rom am 14. Juni 1800. Hier treffen Kirchen­staat und Polizei­staat aufein­ander, sind schick­salhaft mitein­ander verbunden. Aber auch die Kunst, die Freiheit des Gedan­ken­gutes, steht im Wider­spruch zum despo­ti­schen Herrschafts­denken und kirch­licher Allmacht. Marga­rethe Wallmanns Perso­nen­regie ist der damaligen Zeit entspre­chend ganz klassisch angelegt und erzeugt im Bezie­hungs­ge­flecht der drei Haupt­prot­ago­nisten eine immense Spannung. Toscas flammende Leiden­schaft und Eifer­sucht, Cavara­dossis naives Freiheits­denken und Scarpias Bruta­lität und seine Bigot­terie kommen in dieser Insze­nierung richtig gut zur Geltung. Wallmann und Benois setzen auf die emotionale Wirkung von ausdrucks­starken Bildern. Der erste Aufzug spielt ganz klassisch in der Kirche Sant‘ Andrea della Valle. Grandios das Te Deum am Schluss des ersten Aufzuges mit einem Ponti­fi­kalamt nebst Schweizer Garde. Hier wird dem musika­li­schen Verismo-Stil Puccinis ein großes und nachhal­tiges Bild zugeführt. Die histo­risch anmutenden Kostüme von Nicola Benois wirken elegant, insbe­sondere die große Abendrobe der Tosca im zweiten Aufzug sticht ins Auge. Das Bühnenbild ist pompös, der Palazzo Farnese im zweiten Aufzug höfisch dekadent, das Dach der Engelsburg mit Blick auf den Petersdom im dritten Aufzug perspek­ti­visch gelungen. Man glaubt fast, sich in den Kulissen der Urauf­führung der Tosca anno 1900 wieder­zu­finden. Und die Perso­nen­regie konzen­triert sich auf die bekannten Gesten und Handlungen, die trotzdem nicht verstaubt wirken, sondern ein klassisch zeitloses Opern­erlebnis ermöglichen.

Foto © Michael Pöhn

Sänge­risch wie musika­lisch ist es ein großer Abend für die Staatsoper Wien. Die Sopra­nistin Kristine Opolais legt die Partie der Tosca drama­tisch und theatra­lisch an, mit leuch­tenden Höhen und einem warmen Timbre in der Mittellage. Die Phrasie­rungen zwischen den drama­ti­schen Ausbrüchen und den Piano-Tönen meistert sie fließend ohne Mühe. Ihre Arie Vissi d’arte singt sie mit großem Pathos, Innigkeit und Verzweiflung.  Vittorio Grigolo als Cavara­dossi ist ein Belcanto-Tenor, wie man ihn heute nur noch selten hört. Seine schöne Stimme besticht durch ein warmes Timbre und seine leuch­tenden und durch­drin­genden Höhen setzen sich mühelos und ohne Kraft­verlust gegen das Fortissimo im Orchester durch. Sein E lucevan le stelle singt er mit ganz großem Gefühl und Ausdruck, so dass das Publikum ihm in Anschluss einen mehr als einmi­nü­tigen jubelnden Szenen­ap­plaus spendiert.  Der Bariton Marco Vratogna gibt den Scarpia mit großem Engagement und schöner, markanter Stimm­führung. Er strahlt das dämonische, brutale Element aus, das die bigott-perverse Aura dieser Figur so treffend charak­te­ri­siert. Gänsehaut gibt es beim Finale des ersten Aufzuges, wenn er voller Inbrunst das Te Deum gemeinsam mit dem Chor singt. Clemens Unter­reiner gibt den Angelotti mit markantem Bariton. Wolfgang Bankl spielt den Mesner mit komödi­an­ti­schem Witz und kraft­vollem Ausdruck. Leonardo Navarro gibt einen verschla­genen Spoletta, und Marcus Pelz als Sciarrone und Ayk Marti­rossian als Schließer fügen sich solide in das Gesamt­ensemble ein. Maryam Tahon, ein Kind der Opern­schule, singt das Hirtensolo im dritten Akt mit leichtem und hellem Sopran.

Großartig auch das Orchester der Wiener Staatsoper unter der musika­li­schen Leitung von Evelino Pidò. Es wird mit großer Leiden­schaft musiziert, Pidò trägt die Sänger mit unprä­ten­tiösem Dirigat und lässt so den Klang­köper aus Orchester, Chor und Sänger­ensemble zu einer musika­li­schen Einheit werden. Die Bläser intonieren sauber und präzise, insbe­sondere auch die Solo-Klari­nette. So entfaltet sich der typisch melodische und gleich­zeitig gewaltige Puccini-Klang. Der von Martin Schebesta musika­lisch sehr gut einstu­dierte Chor harmo­niert bestens, besonders ausdrucks­stark natürlich im Te Deum.

Das Publikum, das leider die unange­nehme Eigen­schaft hat, in die letzten Töne hinein schon los zuklat­schen, ist am Schluss begeistert, es gibt großen, langan­hal­tenden Beifall für alle Protago­nisten und Jubel für die drei Haupt­ak­teure und den Dirigenten. Ein Rosen­strauß für Kristine Opolais, von einem Verehrer über den Orches­ter­graben geworfen, landet prompt auf den Häuptern von zwei Musikern, die dann galant den Strauß nach oben an die Prima­donna weiter­reichen. Und Vittorio Grigolo ist von seinem Erfolg anscheinend so berauscht, dass er vor Freude wie ein Olympia­sieger auf dem Podium herum­springt und die Arme in die Höhe reckt. Aber das passt alles zu einem Abend der großen Gesten und des großen Gesangs in dieser wunderbar histo­ri­schen Insze­nierung. Und ganz ehrlich, so eine schmach­tende Opern­vor­stellung zum Genießen muss auch mal sein. Wünschen wir dieser Insze­nierung weiterhin alles Gute, dann gibt es in 40 Jahren anlässlich des hundert­jäh­rigen Jubiläums der Premiere die tausendste Vorstellung mit Sängern, die vielleicht heute noch nicht geboren sind.

Andreas H. Hölscher

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