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ON THE TOWN
(Leonard Bernstein)
Besuch am
26. Januar 2019
(Premiere)
Was machen Seeleute, die nach langer Fahrt endlich wieder einen Hafen erreichen und für 24 Stunden Landgang haben? Sie wollen sich amüsieren, alles in diese kurze Zeitspanne packen. Das gilt besonders, wenn man im Hafen von New York anlegt, der Stadt, die niemals schläft. Genau diese Zeit haben die drei Matrosen Gabey, Chip und Ozzie, um sich in das pralle Leben der amerikanischen Metropole New York zu stürzen. Gabey, Chip und Ozzie suchen auf ihrer Tour durch die Stadt Frauen, mit denen sie den Abend verbringen können. Gabey entdeckt in der U‑Bahn ein Plakat, worauf die Miss U‑Bahn des Juni abgebildet ist, das entzückende Mädchen heißt Ivy Smith und studiert Gesang und Malerei. Für Gabey steht fest, dass er dieses Mädchen finden muss. Am Times Square trennen sich die drei Freunde, um das Unmögliche wahr zu machen und die schöne Unbekannte zu suchen. Vom Marinedepot in Brooklyn geht es über den Central Park in die Carnegie Hall, auf das Dach des Empire State Building und von dort über den Time Square direkt in das legendäre Nachtleben der Stadt. Dabei erleben die drei so manch kuriose Situation. Chip, der Kulturbeflissene, wird von der draufgängerischen Taxifahrerin Hildy abgeschleppt, die den Mann im Matrosenanzug in ihre Wohnung lockt und bekocht. Draufgänger und Frauenheld Ozzie wird im Naturkundemuseum von der unterkühlten Anthropologiestudentin Claire als Urbild des Mannes entdeckt, der in ihr Saiten zum Klingen bringt, wie es ihr langweiliger Verlobter, der noble Richter Pitkin Brigework, nie vermochte. Währenddessen findet der etwas melancholische Traumtänzer Gabey, der die Carnegie Hall als Ausgangspunkt seiner Suche bestimmt, Ivy tatsächlich beim Gesangsunterricht von Madame Dilly. Ivy ist sofort vom Werben des jungen Mannes begeistert, muss sich jedoch das Geld für ihre Gesangsstunden als Bauchtänzerin verdienen. Um sich eine peinliche Erklärung zu ersparen, gibt sie Gabey hochnäsig eine Abfuhr. Beim Wiedersehen auf dem Times Square präsentieren Chip und Ozzie ihre Herzdamen als Ivy-Doubles, doch auch das kann den enttäuschten Gabey nicht aufmuntern. Die anschließende Nachtclub-Tour, bei der Gabey immer mehr in den melancholischen Großstadtblues verfällt, endet kurz vor Morgengrauen auf Coney Island, wo Gabey in einer leichtbekleideten Tänzerin seine Ivy erkennt. Endlich sind alle Paare glücklich vereint, doch da heißt es am Pier auch schon tränenreich Abschied zu nehmen. Während die drei Abenteurer an Bord ihres Schiffes gehen, kommen drei neue energiegeladene Matrosen zu ihrem 24-Stunden-Landgang den Pier heruntergestürmt, und die Geschichte beginnt von vorne.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Leben im Hier und Jetzt zu genießen, das ist die große Botschaft von Leonard Bernsteins Hommage an New York. Lange vor dem Zeitalter der sexuellen Revolution schreibt er ein Musical über die Unbeschwertheit der Jugend und stellt dabei zugleich überkommene Rollenmuster in Frage. Da geht dann nicht nur musikalisch die Post ab! On The Town war das erste Musical des Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein. Als Grundlage diente das im selben Jahr aufgeführte Ballett Fancy Free von Jerome Robbins, für das ebenfalls Bernstein die Musik komponiert hatte. Die Musik ist durchweg im klassisch-jazzigen Stil komponiert, enthält viel Swing mit teilweise rasantem Tempo, die im Stile einer Filmmusik für Comic oder Slapstick daherkommt. Rhythmus, Tempo, Leichtigkeit und eine große Portion absurden Humors lassen seinen unverwechselbaren Stil schon früh erkennen, denn Bernstein ist grade mal 26 Jahre alt, als er dieses Werk komponiert. Die Uraufführung fand am 28. Dezember 1944 im Adelphi Theatre in New York statt, wurde insgesamt 436-mal dort gezeigt und begründete den Welterfolg des Komponisten. Schon deutlich sind Anklänge an seine später komponierten Welterfolge Candide und West Side Story zu vernehmen. On The Town wurde 1949 mit Gene Kelly und Frank Sinatra in den Hauptrollen verfilmt und ist wie das Original eine Hommage an die pulsierende Stadt New York.

Als Musical Comedy passt das Stück On the town hervorragend in das Repertoire der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig. Schon die West Side Story und zuletzt Candide waren große Erfolge, und auch die einaktige Oper Trouble in Tahiti wurde durch die Oper Leipzig im Spiegelzelt aufgeführt. Bernstein und die Musikalische Komödie Leipzig, das passt. Insbesondere, wenn Chefregisseur Cusch Jung dieses Werk auf die Bühne bringt. Er inszeniert es in der Ästhetik und Atmosphäre seiner Entstehungszeit. Während die Welt sich einen vernichtenden Krieg in Europa liefert, ist davon in New York wenig zu spüren. Und für Jung schließt sich damit auch künstlerisch ein Kreis. Bei der deutschen Erstaufführung 1977 stand er selbst als junger Musicaldarsteller im Pfalztheater Kaiserslautern auf der Bühne. Und Jung weiß um die Effekte der Musik, der rasanten Tempo- und Stilwechsel. Da gibt es wenig Luft zum Verschnaufen, die Szenenwechsel sind schnell, und auch in den Wechseln, in denen es kurze Umbauten gibt, ist vorne Bewegung auf der Bühne. Das ist auch der Choreografin Natalie Holtom zu verdanken, die nicht nur dem Ballett der Musikalischen Komödie wieder ganz neue Facetten verleiht, sondern auch aus Chor und Solisten wunderbare Tänzer und Tänzerinnen formiert. Karin Fitz, die mit Jung schon Doktor Schiwago eingerichtet hat, zeigt auch in dieser Produktion ihre kreative Ader. Mit wenigen Requisiten entstehen auf der Bühne die New Yorker U‑Bahn, ein Naturkundemuseum samt Dinosaurier sowie diverse Nachtclubs in unterschiedlichem Ambiente, von eleganter Bar bis rauchgeschwängerter Spelunke. Ein gelbes Taxi auf der Bühne mit dem herrlichen Kennzeichen BH 75D und eine animierte Videosequenz der Straßenfluchten von New York im Hintergrund laden zu einer verrückten Taxifahrt ein. Die Idee, großformatige Bilder des New York der 1940-er Jahre zu projizieren, schafft eine besondere Atmosphäre. Die Kostüme von Aleksandra Kica passen natürlich genau in diese Zeit, und so entführt das Regieteam den Zuschauer in eine Welt, die wir heute mit Größen wie Gene Kelly, Frank Sinatra oder Dean Martin assoziieren, aber auch der Musik von Benny Goodman, dem God of Swing und dem Broadway, kultureller Schmelzpunkt New Yorks zu der damaligen Zeit.

Es ist ein Riesenensemble nötig, um ein derartiges Musical auf die Bühne zu bringen. Allein 19 Solisten verkörpern die großen und kleinen Rollen des Abends, daneben Chor, Ballett, Komparserie und natürlich das Orchester. Das ist schon eine große Herausforderung für ein Haus wie die Musikalische Komödie der Oper Leipzig, aber das Team wächst an diesen Aufgaben. Jeffery Krueger als melancholischer Matrose Gabey, der mit seinem schönen Operettenbuffo schon in der Rolle des Candide begeistert hat, überzeugt auch hier nicht nur mit gefühlvollem Gesang und einem angenehm baritonal gefärbtem Timbre, sondern zeigt auch darstellerisch die Unsicherheit des jungen Mannes in ihm, der in dieser Nacht viel Selbstbewusstsein lernen wird. Benjamin Sommerfeld überzeugt als Frauenheld Ozzie mit gut zur Schau gestelltem Ego und großem tänzerischen Ausdruck. Andreas Rainer gibt den kulturbeflissenen Chip mit viel Herzblut und Engagement, um am Ende den Verführungskünsten der Taxifahrerin Hildy nicht widerstehen zu können. Und Zodwa Selele als unkonventionelle Taxifahrerin Hildy Esterhazy begeistert nicht nur durch ihre Bühnenpräsenz, sondern vor allem mit ihrer ausdrucksstarken, jazzigen Stimme. Nora Lentner als etwas überkandidelte Anthropologin Claire de Loone weiß mit tänzerischem Ausdruck und verführerischer Stimme die Männer um den Finger zu wickeln. Patricia Klages als Ivy Smith ist als Tänzerin so etwas wie die unerreichbare Traumgestalt für Gabey, die sich am Schluss aber dann doch in den Matrosen verliebt. Melissa Jung als Lucy Schmeeler weiß mit verschnupfter Stimme für Situationskomik und Lacher im Publikum zu sorgen. Angela Mehling kann ihre ganze Routine und Komik in die unterschiedlichen Facetten der Barsängerinnen Diana Dream, Dolo Dolores und Dolly Dollar legen, die in den unterschiedlichen Clubs immer dasselbe Lied singt, in jeweils neuem Stil und Ausdruck. Sabine Töpfer als stets angetrunkene Madame Dilly begeistert mit exzentrischer Situationskomik und persifliertem russischen Akzent. Michael Raschle, der Frauenversteher Pitkin W. Bridgework, darf im zweiten Aufzug mit einem kurzen Lied seinen schönen lyrischen Bariton präsentieren.
Der Chor der Musikalischen Komödie unter der Leitung von Mathias Drechsler hat sich hier durch seine Spritzigkeit, seine tänzerischen Auftritte und die formidable Übernahme vieler kleiner Rollen ein Extralob verdient. Die Spielfreude ist allen deutlich anzusehen. Das gilt natürlich auch in besonderem Maße für das Ballett der Musikalischen Komödie in der Choreografie von Natalie Holm, die neben rasant getanztem Swing auch stille, romantische und melancholische Momente präsentieren.
Dirigent Stefan Klingele lässt es nicht nur swingen und jazzen im Orchestergraben, er begleitet die Sänger in ihren Liedern, Duetten und Ensembles wunderbar unterstützend. Das Orchester der Musikalischen Komödie zeigt wieder einmal, dass es auch weit über das klassische Repertoire von Operette und Musical hinaus keine Vergleiche zu scheuen braucht. Ein Sonderlob an diesem Abend haben sich Thorsten Mengel für die Beleuchtung und Holger Habermann für die technisch saubere Tonabmischung verdient. Das Publikum im ausverkauftem Haus nimmt nach drei Stunden das Werk mit großer Begeisterung auf, es gibt einhelligen Jubel für das gesamte Ensemble einschließlich Regieteam.
Mit diesem Erfolg bestätigt die Musikalische Komödie der Oper Leipzig einmal mehr ihr Alleinstellungsmerkmal für die Genre Spieloper, Operette und Musical. Um so folgerichtiger ist die aktuelle Entscheidung der Stadt Leipzig, die Musikalische Komödie umfangreich zu sanieren. Beginnend mit der Spielzeitpause im Juli dieses Jahres werden in verschiedenen Bauabschnitten Zuschauersaal und Rang umgebaut, die Höhenverstellbarkeit des Orchestergrabens ermöglicht, die Medientechnik modernisiert sowie die Rangumläufe, Treppenhäuser, Grundleitungen und Außenanlagen erneuert. Im Zuge der Renovierungs-arbeiten kann durch den Ausbau des Rangs und den Einbau einer festen Bestuhlung die Sitzqualität verbessert und die Platzkapazität des Raums auf 640 deutlich erhöht werden. Eine Anlage zur Klimatisierung des Zuschauerraums wird ebenfalls installiert. Das Ende der Bauzeit ist für Oktober 2020, die feierliche Wiedereröffnung nach dem Rückzug der Ensembles für November 2020 geplant. Fast acht Millionen Euro werden in die geplante Sanierung der Musikalischen Komödie investiert. Für die Sanierungsarbeiten muss die Musikalische Komödie für den Publikumsverkehr vollständig geschlossen werden. Auf das Ensemble müssen die Besucher dennoch nicht verzichten: Das in unmittelbarer Nähe gelegene Westbad wird als Interimsspielstätte eingerichtet. Mit einem speziell auf die Räumlichkeiten abgestimmten Spielplan wird der Theaterbetrieb dann fortgeführt. Doch bevor der Vorhang zum Ende der Spielzeit vorerst zum letzten Mal fällt, darf sich der Operettenfreund auf eine Neuinszenierung der Madame Pompadour freuen, die am 1. Juni in Leipzig Premiere feiert.
Andreas H. Hölscher