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Für uns ist es aus heutiger Sicht ungewöhnlich zu wissen, dass die Titelrollen von La Sonnambula und Norma, die beide von Bellini 1831 komponiert wurden, auch von der gleichen Sängerin, der legendären Sopranistin „Sfogato“ Giuditta Pasta, aufgeführt wurden. Heutzutage neigen wir dazu, die beiden Rollen völlig unterschiedlich zu bewerten. In der Produktion der Deutschen Oper wird die Rolle der Amina von der Sopranistin Venera Gimadieva mit ihren dunkel timbrierten Koloraturen und bodenständigen, robusten Gesten überzeugend als Mädchen aus dem Dorf gesungen.
Vor sieben Jahren wurde diese Produktion an der Stuttgarter Oper als „Produktion des Jahres“ gewählt. Jetzt kommt sie nach Berlin. Das Regie-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito sowie die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock haben ein Konzept aus einem Guss geschaffen: Die hyperrealistischen Gewölbedecken des Hauptraumes eines alten Gasthofes, mit einem imposanten Treppenhaus im Hintergrund und den vielen Tischen und Bänken riechen förmlich nach kaltem Rauch, abgestandenem Bier und lokalem Klatsch. Hier kennt jeder jeden, und die kleinen Geheimnisse werden allegorisch in den vielen Schränken an den Wänden aufbewahrt. Der Mief der Konventionen in diesem zeitlosen, abgelegenen Dorf macht sich sofort bemerkbar. Ein bemaltes Panorama mit herrlich altmodischer Tapete verwandelt das Gasthaus in das Schlafzimmer, in dem das schlafwandelnde Drama stattfindet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Hier entwickelt sich die Geschichte um Amina, ein hübsches Waisenkind, die Elvino, den begehrtesten Junggesellen und reichen Bauern des Dorfes, heiraten soll. Der Notar hat bereits den Ehevertrag aufgesetzt, und die kirchliche Trauung soll am nächsten Tag stattfinden, als ein eleganter Fremder eintrifft, der sich besonders gut auskennt. Wieler und Morabito verwandeln das abschreckende lokale Gespenst in die Figur der echten Mutter von Amina – damals vom Grafensohn geschwängert und von der kleinbürgerlichen Gesellschaft schändlich geächtet, die stumm über die Bühne schlängelt. Somit ist klar, dass Rodolfo, der Fremde, der Sohn des Grafen und Vater von Amina ist. Aber vorher schlafwandelt Amina in das Schlafzimmer des Fremden und verliert ihre „Unschuld“, was durch einen Blutfleck auf ihrem Kleid sichtbar wird. Elvino, eifersüchtig und entzürnt, lehnt Amina ab und wendet sich an Lisa, die flotte Gastwirtin und seine ehemalige Freundin, mit der Absicht, sie zu heiraten. Obwohl Rodolfo und die Dorfbewohner Aminas Unschuld bezeugen, ist Elvino erst überzeugt, als Amina tatsächlich wieder schlafwandelnd sicher ihre berühmte Arie singt. Erst dann kann das glückliche Ende dieser Semiseria-Oper stattfinden.

Wieler und Morabito sind wahre Meister in der Personenführung. Am deutlichsten wird das in der Rolle der Pflegemutter Teresa. Helene Schneiderman, die diese Rolle auch in der Stuttgarter Produktion gesungen hat, freut sich über die Details. Sie kommentiert soziale Konventionen mit einem Blick oder einer Geste, verwendet ihre beste weiße Handtasche als Waffe und stellt sicher, dass der Ehevertrag korrekt ist, indem sie ihn selbst unterzeichnet, ihr Ziel klar vor Augen: Amina soll schnellstmöglich unter die Haube – dann wird sie auch eine gesellschaftliche Stellung und Identität erhalten. Jesús León verkörpert einen Elvino, der sicherlich aufgrund seines Reichtums attraktiver ist als ob seiner Persönlichkeit – seine Eifersucht und Unbeständigkeit sind Eigenschaften, die eher abschreckend wirken. Leóns Gesangsfähigkeiten spiegeln diese Eigenschaften mit einer merkwürdig dünnen, substanzlosen Stimme mit metallischem Timbre wider. Verglichen mit Ante Jerkunicas elegantem Aussehen und natürlicher Autorität, die sich durch einen glatten und glänzenden, dunklen Bass ausdrücken, machen deutlich, wer mehr Anerkennung bekommt. Mit ihrem klaren Sopran macht Alexandra Hutton das Beste aus Lisa, der attraktiven Gastwirtin, die flippig, verführerisch oder wütend ist, je nachdem, wie es diese Seifenopernfigur erfordert.
Kapellmeister Stephan Zilias ist in letzter Minute für Diego Fasolis, der zurückgetreten war, am Pult eingesprungen. Obwohl eine solche Änderung für das Ensemble immer wieder beunruhigend ist, führt Zilias den wie immer hervorragenden Chor der Deutschen Oper, das Orchester und die Solisten mit sicherer Hand und arbeitet die schier endlosen Belcanto-Melodien sauber heraus, für die Bellini bekannt ist.
Diese Produktion wird jedoch von der Personenregie von Wieler und Morabito dominiert – jeder Interpret hat seine eigene Persönlichkeit. Das Publikum der Deutschen Oper ist von diesem Theaterabend begeistert.
Zenaida des Aubris