O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DREAM CITY
(Rafaële Giovanola)
Besuch am
1. Februar 2019
(Deutsche Erstaufführung)
Gerade kommt die Cocoondance Company aus der Schweiz zurück. Dort hatte am 18. Januar ihr neues Stück Dream City im Zeughaus von Brig Uraufführung, ehe es an drei Tagen im Théâtre du Crochetan in Monthey, das ist eine entzückende Kleinstadt im Kanton Wallis, gezeigt wurde. Muss ziemlich gut gelaufen sein, denn Dramaturg Rainald Endraß begrüßt seine Gäste im Mülheimer Ringlokschuppen Ruhr sehr entspannt. Hier wird auf der Bühne 3 heute Abend die deutsche Erstaufführung stattfinden.
Der Titel des Stücks ist dem Essay Speaking in Tongues der britischen Schriftstellerin Zadie Smith entlehnt, die bestimmte Vorstellungen von einer Traumstadt hat. „Sie ist ein vielstimmiger Ort, wo die einheitliche, einzigartige Identität illusorisch ist. In Dream City ist alles doppelt, alles vielfältig. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig, als Grenzen zu überschreiten.“ Smith fasst also diese illusorische Stadt als Ideal eines Kollektivs auf, in dem das Ich allerdings keinen Platz hat. Eine Idee, die der Choreografin Rafaële Giovanola so gut gefällt, dass sie auf dieser Grundlage ihr neues, ein ungewöhnlich personalintensives Stück entwickelt.
In Zusammenarbeit mit Monnard Design und Legros Studio hat die Cocoondance Company ein ungewöhnlich aufwändiges Bühnenbild entwickelt. Die Bühne 3 ist komplett geräumt. Der Fußboden ist mit weißen Planen ausgelegt, was bei winterlichem Wetter mit Schneeresten und Streugut dafür sorgt, dass die Zuschauer Schuhüberzieher überstreifen müssen. Darauf sind unterschiedlich geformte Podien aufgebaut, die man als Häuser der Traumstadt verstehen kann, hier als Sitzflächen, also vielleicht als Zuhause des Publikums, dienen. Sonderlich bequem ist das nicht, ermöglicht aber die Auflösung der Guckkastenbühne und ist für die etwas mehr als eine halbe Stunde dauernde Aufführung erträglich. Die Tänzer stehen an den Wänden aufgereiht, ein Großteil wartet vor dem Tisch der Musikanlage. In Kostümen von Mathilde Grebot, die eine Aussage abseits von Vielfalt und Bequemlichkeit vermissen lassen. Patrick „Lulu“ Jacquérioz taucht die Szene in abgestuftes, weißes Licht, das mit seiner Helligkeit für eine Tanz-Aufführung angenehm überrascht. So können die Zuschauer ohne Anstrengung verfolgen, wie die Tänzer Straßenschluchten, Hinterhöfe und die große Piazza fluten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
16 Tänzer hat die Cocoondance Company für Dream City verpflichtet. Die Besonderheit: Gerade mal vier Profi-Tänzer arbeiten mit zwölf Jugendlichen im Alter von sechs bis 21 Jahren zusammen. Da gibt es Break-Dancer, Hip-Hopper, Parcours-Meister, Urban Dancer und Ballett-Tänzer. Aber Giovanola geht es nicht um klassische Pirouetten oder Styles. Vielmehr hat sie mit ihren Tänzern ungewöhnliche Gangarten erarbeitet. Und so präsentiert sich ein jeder, der auf die Piazza tritt, mit einer eigenen Bewegungsform, die von ungewöhnlichen Zuckungen über Fallrückzieher bis zu rhythmisch geschrittenen Samba-Folgen reicht. Es gibt viel zu staunen für das Publikum und Höchstleistung, die von den Tänzern abverlangt wird. Vom glückseligen Kollektiv einer Traumstadt aber ist der Abend weit entfernt. Mit leerem Blick und der Vermeidung jeder körperlichen Berührung untereinander wirkt das Geschehen eher gespenstisch bis zombiehaft. Nach rund einer Viertelstunde gibt es eine „Generalpause“, in der die Tänzer in der Mitte des Raums zu liegen kommen. Eine Atempause nicht nur für die Tänzer, sondern auch für die Zuschauer, die sich mit der gezeigten Intensität auseinandersetzen müssen. Da gab es mehr als einen Wow-Effekt. In der zweiten Hälfte gibt es vereinzelte Blickkontakte – die ins Leere laufen. Es gibt Schwarmbewegungen – die sich im Nichts auflösen. Gegen Ende wirken auch die Tänzer – vollkommen verständlich – allmählich erschöpft. Das glückliche Ende bleibt aus.

Daran ändert auch die eigens für das Stück komponierte Musik von Franco Mento nichts, die er an dem Abend selbst aufführt. Sind es im ersten Teil hämmernde Disco-Rhythmen, die das Geschehen vorantreiben, werden es im zweiten Teil eher Klangflächen, die kaum in Erinnerung bleiben, aber das Geschehen wirkungsvoll untermalen.
Am Ende dieses eindrucksvollen Abends bleiben vor allem drei Dinge im Gedächtnis des Publikums, das für eine Tanzaufführung geradezu überbordend applaudiert. Giovanolas Idee, so viele Gangarten wie noch nie zu zeigen, die Höchstleistung der Tänzer und die Frage, wie denn die Stadtgesellschaft der Zukunft tatsächlich auszusehen hat. Mehr kann man wohl von einem solchen Abend kaum erwarten.
Michael S. Zerban