Eine Traumstadt sieht anders aus

DREAM CITY
(Rafaële Giovanola)

Besuch am
1. Februar 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Ringlok­schuppen Ruhr, Mülheim an der Ruhr

Gerade kommt die Cocoondance Company aus der Schweiz zurück. Dort hatte am 18. Januar ihr neues Stück Dream City im Zeughaus von Brig Urauf­führung, ehe es an drei Tagen im Théâtre du Crochetan in Monthey, das ist eine entzü­ckende Klein­stadt im Kanton Wallis, gezeigt wurde. Muss ziemlich gut gelaufen sein, denn Dramaturg Rainald Endraß begrüßt seine Gäste im Mülheimer Ringlok­schuppen Ruhr sehr entspannt. Hier wird auf der Bühne 3 heute Abend die deutsche Erstauf­führung stattfinden.

Der Titel des Stücks ist dem Essay Speaking in Tongues der briti­schen Schrift­stel­lerin Zadie Smith entlehnt, die bestimmte Vorstel­lungen von einer Traum­stadt hat. „Sie ist ein vielstim­miger Ort, wo die einheit­liche, einzig­artige Identität illuso­risch ist. In Dream City ist alles doppelt, alles vielfältig. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig, als Grenzen zu überschreiten.“ Smith fasst also diese illuso­rische Stadt als Ideal eines Kollektivs auf, in dem das Ich aller­dings keinen Platz hat. Eine Idee, die der Choreo­grafin Rafaële Giovanola so gut gefällt, dass sie auf dieser Grundlage ihr neues, ein ungewöhnlich perso­nal­in­ten­sives Stück entwickelt.

In Zusam­men­arbeit mit Monnard Design und Legros Studio hat die Cocoondance Company ein ungewöhnlich aufwän­diges Bühnenbild entwi­ckelt. Die Bühne 3 ist komplett geräumt. Der Fußboden ist mit weißen Planen ausgelegt, was bei winter­lichem Wetter mit Schnee­resten und Streugut dafür sorgt, dass die Zuschauer Schuh­über­zieher überstreifen müssen. Darauf sind unter­schiedlich geformte Podien aufgebaut, die man als Häuser der Traum­stadt verstehen kann, hier als Sitzflächen, also vielleicht als Zuhause des Publikums, dienen. Sonderlich bequem ist das nicht, ermög­licht aber die Auflösung der Guckkas­ten­bühne und ist für die etwas mehr als eine halbe Stunde dauernde Aufführung erträglich. Die Tänzer stehen an den Wänden aufge­reiht, ein Großteil wartet vor dem Tisch der Musik­anlage. In Kostümen von Mathilde Grebot, die eine Aussage abseits von Vielfalt und Bequem­lichkeit vermissen lassen. Patrick „Lulu“ Jacquérioz taucht die Szene in abgestuftes, weißes Licht, das mit seiner Helligkeit für eine Tanz-Aufführung angenehm überrascht. So können die Zuschauer ohne Anstrengung verfolgen, wie die Tänzer Straßen­schluchten, Hinterhöfe und die große Piazza fluten.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



16 Tänzer hat die Cocoondance Company für Dream City verpflichtet. Die Beson­derheit: Gerade mal vier Profi-Tänzer arbeiten mit zwölf Jugend­lichen im Alter von sechs bis 21 Jahren zusammen. Da gibt es Break-Dancer, Hip-Hopper, Parcours-Meister, Urban Dancer und Ballett-Tänzer. Aber Giovanola geht es nicht um klassische Pirou­etten oder Styles. Vielmehr hat sie mit ihren Tänzern ungewöhn­liche Gangarten erarbeitet. Und so präsen­tiert sich ein jeder, der auf die Piazza tritt, mit einer eigenen Bewegungsform, die von ungewöhn­lichen Zuckungen über Fallrück­zieher bis zu rhyth­misch geschrit­tenen Samba-Folgen reicht. Es gibt viel zu staunen für das Publikum und Höchst­leistung, die von den Tänzern abver­langt wird. Vom glück­se­ligen Kollektiv einer Traum­stadt aber ist der Abend weit entfernt. Mit leerem Blick und der Vermeidung jeder körper­lichen Berührung unter­ein­ander wirkt das Geschehen eher gespens­tisch bis zombiehaft. Nach rund einer Viertel­stunde gibt es eine „General­pause“, in der die Tänzer in der Mitte des Raums zu liegen kommen. Eine Atempause nicht nur für die Tänzer, sondern auch für die Zuschauer, die sich mit der gezeigten Inten­sität ausein­an­der­setzen müssen. Da gab es mehr als einen Wow-Effekt. In der zweiten Hälfte gibt es verein­zelte Blick­kon­takte – die ins Leere laufen. Es gibt Schwarm­be­we­gungen – die sich im Nichts auflösen. Gegen Ende wirken auch die Tänzer – vollkommen verständlich – allmählich erschöpft. Das glück­liche Ende bleibt aus.

Foto © Klaus Fröhlich

Daran ändert auch die eigens für das Stück kompo­nierte Musik von Franco Mento nichts, die er an dem Abend selbst aufführt. Sind es im ersten Teil hämmernde Disco-Rhythmen, die das Geschehen voran­treiben, werden es im zweiten Teil eher Klang­flächen, die kaum in Erinnerung bleiben, aber das Geschehen wirkungsvoll untermalen.

Am Ende dieses eindrucks­vollen Abends bleiben vor allem drei Dinge im Gedächtnis des Publikums, das für eine Tanzauf­führung geradezu überbordend applau­diert. Giova­nolas Idee, so viele Gangarten wie noch nie zu zeigen, die Höchst­leistung der Tänzer und die Frage, wie denn die Stadt­ge­sell­schaft der Zukunft tatsächlich auszu­sehen hat. Mehr kann man wohl von einem solchen Abend kaum erwarten.

Michael S. Zerban

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