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RADAMES/LOHENGRIN
(Péter Eötvös, Salvatore Sciarrino)
Besuch am
31. Januar 2019
(Premiere am 14. Dezember 2018)
Ein Abend mit zwei Kurzopern ist keine Seltenheit. Meistens heißen die Komponisten Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo. Die Rede ist von den Emotionsdramen Cavalleria rusticana und Pagliacci. Theater Orchester Biel Solothurn unter Intendant Dieter Kaegi präsentiert mit Radames und Lohengrin ebenfalls zwei Werke, die es in sich haben und sichert sich mit dieser Schweizer Erstaufführung das Prädikat kulturelles Flaggschiff der Region erneut.
Den beliebten Verismo-Klassikern sind die zwei modernen Solitäre in dem Sinne voraus, dass die Komponisten noch leben und dass sie zu einer Musiksprache gefunden haben, die bis heute als zeitgenössisch umschrieben werden kann. Bei den Titeln der Opern kommt man freilich kurz ins Grübeln: Radames von Péter Eötvös und Lohengrin von Salvatore Sciarrino erinnern nicht ohne Grund an die bekannten Meisterwerke von Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Wenn in Eötvös sozialkritischem Sprengstoff noch Spuren von Verdi zu finden sind, ist die Musik bei Sciarrino so weit weg von Wagner wie nur möglich. Trotzdem oder gerade deswegen harmonieren diese zwei Solitäre bestens miteinander, denn es geht in beiden Fällen um das Entdecken ungewöhnlicher sowie unterschiedlicher Klanggebilde.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Peter Eötvös ist mit seinem Radames, der zuerst gezeigt wird, ganz nah bei der Geschichte vom Verdi-Librettisten Antonio Ghislanzoni. Wir sehen die Proben der Schlussszene, die in Verdis Opus in einem der schönsten Sterbegesänge der Operngeschichte mündet. Auf der Bühne steht aber nur der Held Radames. Das Haus ist in akuter Geldnot und muss sparen. Darum gibt es keine Aida und auch keine rachsüchtige Amneris, die aus dem Duett kurzzeitig ein Terzett macht. Der Hauptdarsteller wird zum Multidarsteller, denn er soll den Part der äthiopischen Schönheit gleich selber singen. Immerhin ist er ein Countertenor, und so einer kann das. Das riecht alles schon ziemlich nach Klamauk und wird von Regisseur Bruno Berger-Gorski in der Folge mit viel Witz und Situationskomik inszeniert. Eötvös, der auch das Libretto verfasste, hatte bei seiner Konzeption aus dem 1976 aber noch etwas anderes im Sinn, und das war eine massive Kritik am Opernbetrieb und seinen deskonstruktivistischen Herangehensweisen in den Siebzigern. Bei Radames sind es nicht weniger als drei Regisseure, die den gebeutelten Solisten malträtieren: Ein Opern‑, ein Theater- sowie ein Filmregisseur wissen es alle besser und hetzen den ohnehin schon hyperventilierenden Künstler von einer Atemnot in die nächste. Das Gerangel der drei überbezahlen Banausen führt schlussendlich zu des Sängers Tod. Bariton Javid Samadov ist als aufbrausender und wild gestikulierender Filmregisseur ganz in seinem Element und Konstanzin Nazlamov lässt seinen Tenor als Theatertyrann kraftvoll strahlen, so dass er im hysterischen Probenverlauf nicht ungehört bleibt.
Für Countertenor Rafal Tomkiewicz wird die Doppeldarstellung zur Paraderolle. Man sieht es schon früh in seinen Gesichtszügen, dass er die Idee einer Ein-Mann-Oper für Mumpitz hält, und das steigert sich im Verlauft dieser Horrorproben zum verzweifelten Grinsen und ungesunden Schwitzen. Samuele D’Amico sorgt für stimmige Lichtmomente, Dirk Hofacker, Bühnenbild und Kostüme, schneiderte Tomkiewicz das passende Leinen auf den Leib. Zur linken Körperhälfte des Getriebenen sehen wir Aida geschminkt wie Elizabeth Taylor und zur rechten einen Radames, der an die Sandalenfilme des alten Hollywoods erinnert. Die unterschiedlichen Temperamente der Regisseure spiegeln sich nicht nur in der Garderobe, sondern auch in der Sprache: Der Filmexperte flucht in Englisch, der Theatercrack verhandelt in Deutsch und die wieselige Opernkennerin parliert im Stakkato-Italienisch. Berger-Gorski überdreht bei seiner Anschauung gelegentlich und driftet damit in den Slapstick ab. Dass die Lesart nicht ins Groteske kippt, liegt auch an den Darstellern, die ihre Leidenschaft authentisch rüberbringen. Tomkiewicz verdient sich die Meriten auch mit seiner flexiblen Stimme, die wahre Kunststücke vollbringt. Seine Tessitur reicht vom stolzen Tenor bis hin zum Morendo einer sterbewilligen Königstochter. Tomkiewicz bleibt in den dramatischen Höhen formschön, auch wenn die Atemmaske, die er zeitweise aufsetzt, etwas anderes insinuiert.
Das Orchester spielt auf der Bühne und besteht aus Klarinette, Horn und Tuba. Der musikalische Leiter Yannis Pouspourikas dirigiert von seinem E‑Piano aus. Souverän vereinigt er die atonalen Tonfolgen mit dem ungestümen Parlando der Regisseure und den melodiösen Gesangsbögen des Countertenors. Die Fragmente aus Verdis Wurf blitzen vermutlich nur für Kenner auf.

Salvatores Sciarrinos geräuschvolles Opus verlangt einiges mehr an Musikern und in diesem Zug auch von den Musikern selbst. Das bestens aufgestellte Kammerorchester unter Pouspourikas ist zwar wieder auf der Bühne platziert, bleibt diesmal aber hinter Gaze versteckt unsichtbar. Der Zuschauer wird zum Voyeur und blickt in das Einzelzimmer einer Nervenheilanstalt. Sciarrino schuf für seinen Lohengrin, 1984 in Catanzaro uraufgeführt, eine geisterhaft entrückte Tonsprache. Der Komponist nennt sein dicht gewobenes und höchst assoziatives Klangkonstrukt „eine unsichtbare Handlung für Solistin“.
Das Geschehen, so Sciarrino, entströme einzig dem Mund der Darstellerin, und das ist Lohengrins einstige Braut Elsa. Der Titelheld bleibt außen vor und wird von Bruno Berger-Gorski nur als stumme Erscheinung Elsas in Szene gesetzt. Die Story ist daraufhin verknappt, dass Elsa nach Lohengrins ultimativem Adieu wahnsinnig wird. Sie hat es sich in einem selbstgebastelten Wohlfühl-Kokon gemütlich gemacht, und diese Realität ist geprägt von geisterhaften Visionen, schrillen Halluzinationen und einem fiependen, glucksenden Schwanengesang. Der Wahn als Wirklichkeit wird aus Dirk Hofackers Perspektive mit der Farbe Weiß illustriert, und das gilt nicht nur für den versponnen Raum mit seinen vielen Fäden, sondern auch für die Protagonistin und das Pflegepersonal. Bühnenbild und Kostüme sind so konzipiert, dass sich ein Vergleich zum Fellini-Klassiker Giulietta degli spiriti mit Giulietta Masina aus dem Jahr 1965 aufdrängt. Aktuelle Gruselfilme wie Insidious, die derzeit in Serie produziert werden, scheinen ebenso Pate gestanden zu haben bei dieser unheimlichen Lesart mit Gänsehaut-Garantie.
Die Sopranistin Céline Steudler, bei Radames noch eine hyperaktive und dauerplappernde Regisseurin, ist in Sciarrinos Lohengrin Elsa und begeistert stimmlich vom Plopp- und Schnalz-Geräusch über ungestümes Zischen und Schnauben bis hin zu liedartigen Melodiebögen rundum. Mehr ist da nicht angelegt im Libretto von Jules Laforgue. Mehr braucht es auch nicht, wenn Steudler in diesem Psychodrama den totalen Wahn auch darstellerisch zur Höchstform erhebt. Ihr gelingt ein äußerst differenziertes wie sensibles Porträt einer tief verletzten Frau, die nicht mehr zu sich selber findet, weil sie es auch gar nicht mehr will.
Das Schlussbild nimmt den Faden sprichwörtlich auf und geht damit an den Anfang des außergewöhnlichen Opernabends. Am Ende von Radames wird der Matador von der Opernregisseurin behutsam mit weißen Stoffbahnen eingewickelt. Dieses Geflecht kommt bei Lohengrin als komplexes Fadengebilde zum Zug. Wenn Elsa am Ende mit einem Strick und einem Bettlaken einen Korpus formt, versinnbildlicht das ihren entschwundenen Geliebten.
Das Publikum honorierte die gelungene Produktion mit kräftigem Applaus und einzelnen Bravo-Rufen.
Peter Wäch