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Die Gültigkeit der Moral

DIE PHILOSOPHIE IM BOUDOIR
(Marquis de Sade)

Besuch am
2. Februar 2019
(Premiere am 22. Dezember 2018)

 

Schau­spielhaus Bochum

1795 erschien das Buch Die Philo­sophie im Boudoir von Donatien de Sade, das in späteren Druck­ver­sionen jeweils die Unter­titel Die laster­haften Lehrmeister und Dialoge, zur Erziehung junger Damen bestimmt erhielt. „Mütter, macht euren Töchtern die Lektüre zur Pflicht“, empfahl der Marquis selbst in der Einleitung. Das je nach Edition etwa 100 Seiten umfas­sende Büchlein enthält eine Vorrede an die Libertins, sieben Dialoge und einen Exkurs. Bedeutung hat das Werk sowohl im Bereich der Erotik- als auch der philo­so­phi­schen Literatur erlangt. Jetzt ist es am Schau­spielhaus Bochum für die Bühne adaptiert worden.

Auf dem Lustschloss der Madame de Saint-Ange treffen sich die 26-jährige Witwe, ihr Bruder, der 20-jährige Chevalier de Mirvel und sein Freund Dolmancé, um der 15-jährigen Kloster­schü­lerin Eugénie de Mistival Lektionen in sexueller Ausschweifung zu erteilen. Die drei sind Libertins, also Menschen, die sich nicht an tradi­tio­nelle moralische und insbe­sondere sexuelle Normen gebunden fühlen und denen per se ein ausschwei­fender Lebens­wandel unter­stellt wird. Die wollüs­tigen Beschrei­bungen, die de Sade aus dieser Ausgangs­si­tuation zieht, sind aller­dings mehr von litera­ri­scher oder histo­ri­scher Bedeutung. Im Internet-Zeitalter kann sich jeder, nun, sagen wir, ab 18 Jahren Sex-Videos anschauen, von denen sich vermutlich selbst de Sade nicht hätte träumen lassen.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



So lässt sich Herbert Fritsch als Regisseur und Bühnen­bildner auch gar nicht erst auf sexuelle Darstel­lungen ein, sondern entwi­ckelt für den Stoff eine ganz eigene Ästhetik. Behilflich dabei sind ihm Victoria Behr mit fanta­sie­vollen Kostümen und Bernd Felder mit einer ganz eigenen Licht­dra­ma­turgie, die so sparta­nisch wie wirkungsvoll Impulse setzt. Auf einer schwarzen Bühne ist in der Mitte ein roter Bühnen­aufzug zu sehen, der verschiedene Funktionen einnimmt. Gleich zu Beginn steigt aus dem roten Viereck ein „Engel in Weiß“ mittels Zopfhang zum Bühnen­himmel auf. Am Ende wird Julia Mylly­kangas, die sich für diese Aufgabe zur Verfügung gestellt hat, wieder herun­ter­ge­lassen, um sich mit den übrigen Protago­nisten zu verei­nigen. Ein Regie-Einfall wie so mancher an diesem Abend, der recht effektvoll wirkt, sich aber in seiner Deutung nicht so wirklich erschließen will. Die übrigen Akteure zeigen wenig nackte Haut, sondern präsen­tieren sich auf dem gelackten Fußboden in Kostümen, die an Nonnen, einen Kardinal und – wenn man will – an Marianne oder Jeanne d’Arc erinnern.

Fritsch hält für die Schau­spieler massen­weise Text parat. Das ist für Schau­spieler wie Zuschauer anstrengend. Dass es hier mehrfach zu Hängern kommt, der Text manches Mal wie aufgesagt wird, scheint nahezu zwingend. Denn der Regisseur hat neben dem Ursprungstext auch noch drei Erzäh­lungen aus de Sades Roman Juliette eingefügt. Das alles ist nicht sonderlich spannend, sorgt allen­falls und insbe­sondere bei den jüngeren Zuschauern für ein paar Lacher. Der eigent­liche Höhepunkt liegt auf einer ganz anderen Ebene. Das verdeut­licht Fritsch auch, wenn er Anna Drexler auf dem Aufzug „auffahren“ lässt, um aus dem Exkurs Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republi­kaner sein wollt vorzu­tragen. Die Moral­phi­lo­sophie de Sades führt uns mit einem Mal in die Gegenwart. „Was hier Verbrechen genannt wird, gilt einige hundert Kilometer weiter als Tugend“ ist vielleicht der Schlüs­selsatz überhaupt, vor allem dann, wenn man ihn umdreht in ein „Was hier moralisch einwandfrei scheint, sorgt in anderen Ländern für viel Leid“. Und schließt dabei de Sades Kirchen­kritik gleich mit ein. Da trauen sich Tages­schau-Sprecher allen Ernstes zu verkünden, dass die Zahlen der Flücht­linge, die nach Deutschland kommen, massiv sinken; weil nun noch mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken. Es gibt also keine „konstante Moral“, wie Vasco Boenisch in seinem bemer­kens­werten Essay Verfüh­rende Verstörung zum Stück feststellt, sondern allen­falls eine stets zu hinter­fra­gende und im Gegensatz zu de Sades Auffassung zu vermensch­li­chende Moral im Sinne einer humanis­ti­schen oder solida­ri­schen Moral. Wer Fritschs Insze­nierung kriti­sieren will, findet, wenn überhaupt, hier den Ansatz­punkt, sich nicht vertiefend auf diese Frage konzen­triert zu haben.

Foto © Birgit Hupfeld

Auf Handlung verzichtet der Regisseur weitgehend ebenso wie auf Rollen­zu­wei­sungen, beschränkt sich auf Andeu­tungen und Bewegungs­muster. Das erleichtert die Arbeit für Svetlana Belesova, Jele Brückner, Anna Drexler, Anne Rietmeijer, Ulvi Teke und Jing Xiang nicht, haben sie sich doch ständig in Rollen­wechsel einzu­finden. Eindrucksvoll, wie sie das scheinbar beiläufig meistern, Stimm­wechsel bis in Falsett­lagen und Gesänge beherr­schen und gleich­zeitig noch in das Klang­design einge­bunden werden.

Für den Klang respektive die Musik ist ein alter Meister aus Oberhausen verant­wortlich. Eigentlich wollte er ja nach seinem Abschied vom dortigen Theater, noch unter der Intendanz von Peter Carp, die Welt bereisen. Jetzt hat es offenbar immerhin bis Bochum gereicht. Otto Beatus zeichnet für musika­lische Konzeption und Arran­gement verant­wortlich, halt das, was er am besten kann. Für Die Philo­sophie im Boudoir hat er sich ein, gemessen an seinen früheren Arbeiten, eher ungewöhn­liches Werk vorge­nommen. „Die Johannes-Passion ist eine unhin­ter­fragte Huldigung von Jesus Christus und der Schönheit, die einen erwartet, wenn man erlöst wird. Dieser ungebro­chene Glaube an das göttliche Prinzip, das Johann Sebastian Bach vertont hat, trifft auf eine Welt, die das ausein­an­der­nimmt: die Gedanken von de Sade“, erläutert der Musiker seine Wahl. Dabei geht er respektlos vor. Sitzt selbst am Klavier vor dem Graben, lässt aber auch Teile von der Regie einspielen. Verzerrt, gedehnt, akustisch aufge­teilt – es klingt wunderbar und hebt das Stück ungemein. Dass er zwischen­zeitlich Ludwig van Beethovens Für Elise intoniert, wird vom Publikum eher als Scherz wahrge­nommen und ist vielleicht auch so gemeint.

Das Publikum akkla­miert lang und herzlich, sicher auch von der ungewohnten Applaus­ordnung gesteuert. Wer von diesem Abend ausschwei­fende Sexprak­tiken erwartet hat, wird enttäuscht; wer mit offenen Augen und Ohren dabei ist, wird sich nach dieser Aufführung vermehrt dafür inter­es­sieren, die Frage nach der Moral täglich neu zu stellen.

Michael S. Zerban

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