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Oper. Ohne. Alles.

OPERA CONCISA
(Diverse Komponisten)

Besuch am
1. Februar 2019
(Premiere)

 

Forum der HFMT, Hamburg

Keine Kostüme, kein Bühnenbild außer einem Tisch mit zwei Stühlen, nur eine Video­kamera mit Projek­ti­ons­mög­lichkeit auf die Rückseite der begrenzten Bühne, sowie Video­clips und einen Mann am Klavier: Siegfried Schwab. Kann das Oper sein? Kann schon, wenn man kann …

Basierend auf dem Konzept und unter der Anleitung von Jochen Biganzoli, einem erfah­renen Regisseur an großen und größten Bühnen haben zwölf junge Sänger und Sänge­rinnen Szenen aus bekannten und nicht so bekannten Opern erarbeitet. Das müssen sie in ihrer Opern­klasse ohnehin machen, warum sollte man also in einem so sparta­ni­schen Ambiente dabei zuschauen, statt vielmehr die nächste szenische Vollpro­duktion der Musik­hoch­schule abzuwarten?

Die Antwort wird sehr schnell sehr klar: Weil es den ausfüh­renden jungen Künstlern in dem sparta­ni­schen setting überzeugend gelingt, den Kern der sonst so üppigen, aufwän­digen und mitunter hybriden Opern­kunst offen­zu­legen: den Gesang mit allen seinen Ausdruck­va­ri­anten sowie Beherr­schung und Spiel mit dem eigenen Körper.

Alle zwölf Protago­nisten stellen sich während des Abends auf selbst gefer­tigten Video­clips vor: Sie sprechen über ihre Notwen­digkeit, sich über Gesang und die Oper menschlich und künst­le­risch ausdrücken zu wollen oder zu müssen. Und in den nachfol­genden Szenen machen sie dann klar, was das heißt und wie das schon heute auch auf das Publikum wirkt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Immer wieder Mozart haben sich die jungen Künstler und Künst­le­rinnen zum Vortrag ausge­wählt. Hayoung Ra stellt die Pamina-Arie Ach, ich fühl‘s … aus der Zauber­flöte vor und das gleich zweimal. In einer ersten Umsetzung singt sie ihre Klage noch in Anwesenheit eines zweifellos kalten und abwei­senden Tamino, der keinerlei Zuneigung zu erkennen gibt. Der Einblick in die große Traurigkeit ihrer verlas­senen Seele vermag man sich nach dem Vortrag ihres ergrei­fenden Gesangs und zurück­hal­tenden Stils inten­siver nicht vorzu­stellen. Doch dann lässt Biganzoli die Arie von derselben Sängerin wieder­holen. Diesmal ist Tamino nicht auf der Bühne, statt­dessen sucht die Sängerin einigen Zuspruch in einer mitte­blauen Gin-Flasche und hinter einer tiefschwarzen, übergroßen Sonner­brille, die angesichts des inten­siven Spiels ihr Gesicht wie zu einer Maske gerinnen lässt. War das wirklich dieselbe Sängerin? Wie kann ihr Vertrag so unter­schiedlich wirken? Was hatte sie wirklich anders gemacht? Hatte sie anders gesungen?

Dem Zuschauer drängt sich – wie wiederholt an diesem Abend – die Frage auf, wie diese inten­siven psycho­lo­gi­schen Szenen­wechsel wohl auf die Darsteller selbst wirken mögen – wie empfinden sie die unter­schied­lichen Szenarien? Das außer­or­dentlich hohe gesang­liche Vortrags­niveau bleibt jeden­falls in allen Fällen erhalten.

Foto © Christian Enger

Gleich dreimal wirft sich dann Melina Meschkat in die Dorabella-Arie Smanie Impla­cabili aus Mozarts Così fan tutte. In der ersten Fassung stolziert sie noch mit stolz-empörtem Ausdruck anklagend  durchs Publikum, beim zweiten Mal gelingt ihr trotz des Furors ein Vortrag eher in sich gekehrter, stiller Verzweiflung, beim dritten Mal muss sie den Vortag unter Tränen abbrechen und verlässt die Bühne vor dem Ende des Stücks. Zwischen den Auftritten läuft die Tonspur rückwärts und auch ihr Spiel läuft im Zeitraffer wieder zurück bis zum neuen Auftakt.

Ein weiteres Beispiel ihres Könnens bietet Meschkat als Carmen bei ihrer eigenen Todver­kündung beim Karten­legen. Sie stützt die Darstellung ihres Entsetzens immer auch auf den Einsatz ihrer gesamten Körper­lichkeit, wobei sie beim Vortrag durch die Publi­kums­reihen geht. Hayoung Ra und Lanlan Zhang als Frasquita und Mercedes, die beiden anderen Zigeu­ne­rinnen, sind ein wunder­barer Kontrast in ihrer zunächst unbelas­teten Spiel­freude und ihrem Schreck über Carmens Todesahnung.

Ebenfalls aus Così fan tutte präsen­tieren Natalija Valentin und Nora Kazemieh mit ihren Handys eine fröhlich-unbeschwerte Tinder-Szene, indem sie ziemlich aufge­kratzt und mehr als animiert ein poten­zi­elles Date nach dem anderen von ihrem Smart­phone wischen, um bei der bekannten Überkreuz­si­tuation zu landen – ein wunderbar noch komplett schwe­re­loser, und jugendlich-ahnungs­loser Beginn des Verwirrspiels.

Eine andere Variante gelingt Qin Zeng mit dem quasi zum Duett gewei­teten Zwiegesang der Sesto-Arie Parto aus Mozarts La Clemenza di Tito. Counterpart für das aufwändige Instru­men­tensolo des Stücks auf der Bühne ist der Klari­nettist Roman Gerber. Eine Reali­sation, die auch Peter Sellars in seiner Amster­damer Produktion der Oper so umgesetzt hat. Zeng und Gerber gelingt ein hinrei­ßendes Duett aus Stimme und Instrument, wie es zwei mensch­liche Stimmen beseelter nicht hätten gestalten können.

Frappierend auch die auf den Kopf gestellte Szene Jaquinos und Marzel­lines aus Fidelio. Hier bedrängt eigentlich Jaquino seine Angebetete mit dem Ziel der baldigen Hochzeit. Doch Marzelline fordert ihn hier – gegen die Textfassung – fortwährend auf, sich zu erklären. Das geschieht mit einer derart keck-heraus­for­dernden Art, dass die Szene das gesamte männliche Insis­tieren umdreht und in Zeiten der #metoo-Bewegung sozusagen eine zeitgemäße Umsetzung sicher­stellt, wenn man so will …

Einen Verdi der beson­deren Art bietet Songyan He: nach einem fuck-you-Video über Donald Trumps Äußerungen zu Frauen, in dem er Trump mit dem üblen Charakter des Herzogs aus Rigoletto vergleicht, singt und spielt er die Figur des Duca wie in einer Übersprung­handlung als aufrei­zende Frau geschminkt und mit so höchster Lust an der Travestie, dass man leicht erkennen kann, dass der Regisseur ihn dazu nicht lange überreden musste. Wenn die Idee nicht überhaupt von ihm selbst kam.

Tamara Smyrnova hingegen präsen­tiert sich mit zwei Szenen aus Gian Carlo Menottis The Old Maid and the Thief sowie als Margherita aus Boitos Mefistofele überzeugend als Spezia­listin für belastete Charaktere in schwie­rigen mensch­lichen Situa­tionen von Selbst­betrug, Ausweg­lo­sigkeit und Zusammenbruch.

Und als ob das alles noch nicht genug ist, gibt es auch noch einen beein­dru­ckenden Händel: Dorothea Koch und Qin Zeng überzeugen mit einer Szene aus Semele.

Der Abend beschert damit neben den hohen gesang­lichen Leistungen viele kreative szenische Umset­zungen, die in ihrer Bandbreite beein­drucken. Ganz fokus­siert auf Stimme und Spiel, und gerade deshalb darstel­le­risch fordernd. Singen an der Rampe ist danach gar nicht mehr vorstellbar. Was für ein Goldfisch­becken für Opern­re­gis­seure mit einer satten Auswahl an jungen Sänger­dar­stellern, die sie je nach ihrem persön­lichen Stil sofort zu ihren nächsten Produk­ti­ons­plänen einladen können!

Achim Dombrowski

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