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EDGAR
(Giacomo Puccini)
Besuch am
4. Februar 2019
(Einmalige Aufführung)
Giacomo Puccini ist einer der meistgespielten Komponisten – wieso kennen wir dann seine zweite Oper Edgar so gut wie gar nicht? Hat es vielleicht damit zu tun, dass er selbst, nach zahlreichen Verbesserungsversuchen, das Werk aufgegeben hat, frustriert, dass er es nicht so hinbekommen konnte, wie er es wollte? Immerhin wurde es am Teatro alla Scala 1889 uraufgeführt – ohne großen Erfolg, obwohl das Libretto von Ferdinando Fontana auf einer Vorlage von dem auch damals schon sehr respektierten Lyriker Alfred de Musset basierte. Erst die etlichste Fassung von 1905, auf drei Akte reduziert und nur etwa 90 Minuten lang, in Buenos Aires aufgeführt, wird letztendlich von Ricordi gedruckt. Und verschwindet prompt in der Versenkung. Schade, weil Puccinis Talent für verschwenderische Melodien und üppige Chornummern bei dem 28-jährigen schon deutlich zu erkennen sind. Anklänge von späteren Opern wie La Fanciulla del West und Manon Lescaut schimmern durch. Puccinis Sinn für dramaturgische Abläufe ebenso wie der Ausdruck von Emotionen lassen sich hier schon gut erkennen, besonders in den Arien für die Hauptdarsteller.
Nun hat sich die Berliner Operngruppe dieser Fassung des Werkes angenommen und es im Konzerthaus Berlin semi-konzertant aufgeführt. Wie auch bei Wagners Tannhäuser, handelt es sich bei Puccini um einen mittelalterlichen Bauer, Edgar, aus einem Dorf in Flandern, der sich nicht zwischen der profanen Liebe zur Kurtisane Tigrana und der heiligen Liebe zu Fidelia entscheiden kann. Als es aber zu einer Herausforderung kommt, verletzt er Frank, den Bruder von Fidelia, verteidigt Tigrana, verbrennt sein elterliches Haus und zieht mit Tigrana weg. Mit ihr lebt er eine Weile in Glanz und Gloria, ist dieser Lebensweise schnell überdrüssig und schließt sich einer Armee an, die von Frank geführt wird, mit dem er sich aussöhnt. Im letzten Akt wird Edgar als totgeglaubter Held gefeiert, bis er sich als Mönch zu erkennen gibt und Fidelia um Vergebung bittet. Als sie sich in den Armen liegen, versetzt allerdings die eifersüchtige Tigrana Fidelia einen Todesstoß. Kein Happy End.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Seit 2010 bringt die Berliner Operngruppe einmal pro Jahr eine selten gespielte italienische Oper zu Gehör. Dank einer aktiven Fördergruppe und der Zusammenarbeit seit 2017 mit dem Archivio Storico Ricordi in Mailand sowie der Unterstützung von Bertelsmann, kommt dieses Jahr die Berliner Erstaufführung von Edgar zustande. Der künstlerische Leiter des Ensembles und Dirigent, Felix Krieger, hat persönlich die Partituren und Notizen von Puccini im Archivio Storico in Mailand studiert. Sicherlich tragen diese Einsichten, Neugier und Begeisterungsfähigkeit zu seiner vitalen und sicheren Leitung des Orchesters und Chores bei. Kaum zu glauben, dass die intensiven Proben nur rund eine Woche gedauert haben. Besonders hervorzuheben ist auch die Strahlkraft und Harmonie des Chores der Berliner Operngruppe, einstudiert von Steffen Schubert. Puccini hat wunderschöne Melodien für den Chor komponiert, der als Dorfgemeinde eine sehr aktive Rolle spielt. Als Randbemerkung sei zu erwähnen, dass Arturo Toscanini das Requiem vom letzten Akt bei der Todesfeier von Puccini 1924 ausgesucht und dirigiert hat – so ausdrucksstark ist es.
Regisseur und Dramaturg Thilo Reinhardt hat mit einem Minimum an Requisiten und Kostümen wieder einmal bewiesen, dass es auch so geht – ohne aufwändige Bühnenbilder. Wenn die Sänger sich mit ihren Rollen auseinandersetzen, sie verstehen und verinnerlichen, dann können sie auch die komponierten Emotionen ausleben und ausdrucksstark kommunizieren.

Das aus nur fünf Sänger bestehende Ensemble hat bei dieser einzigen Aufführung kaum Gelegenheit, sich mit der problematischen Akustik des Konzerthauses auseinanderzusetzen. Für Zuhörer in den ersten zehn Reihen ist es immer wieder eine Herausforderung zuzuhören, wie die Akustik die Stimmen verschluckt, wenn nicht nur geradeaus in den Saal gesungen wird. Nicht alle können auf der hinteren Empore sitzen, wo der Sound am besten aufblüht.
Schon an der Scottish Opera hat Tenor Peter Auty die Titelrolle gesungen. Dort war die Akustik hoffentlich sängerfreundlicher als im problematischen Konzerthaus. Jedenfalls fällt es ihm anfänglich schwer sich durchzusetzen. Erst im zweiten Teil kann er sein warmes Timbre entfalten. Sopran Elena Rossi gibt eine dramaturgisch glaubwürdige Fidelia mit viel Empathie für die betrübte Figur der jungen Frau, aber ihrer metallischen Höhe fehlt jegliche jugendliche Unschuld. Als Vamp kann sich Mezzo Silvia Beltramis Tigrana, eingezwängt in einer engen roten Robe, austoben und die sinnliche Mittellage ihrer Partie auskosten. Der „gute“ Bruder von Fidelia, Frank, wird von Aris Argiris verkörpert – mit einem wohlklingenden, dunklen Bariton, der Vertrauen und Verständnis verströmt. Bass David Oštrek wirkt trotz Gehstock optisch wie stimmlich noch viel zu jung als Vater von Fidelia and Frank.
Das Publikum im fast völlig ausverkauften Konzerthaus hat die einzige Aufführung besonders warm empfangen. Es gilt auch ein Dank an die vielen privaten Sponsoren und Helfer, ohne die es die Berliner Operngruppe sicherlich nicht gäbe. Vielleicht reicht die Unterstützung in den nächsten Jahren sogar für zwei Aufführungen – es wäre der Berliner Operngruppe und dem begeisterten Publikum zu wünschen.
Zenaida des Aubris