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EINE STADT KLAGT SICH AN
(Futur3)
Besuch am
6. Februar 2019
(Uraufführung)
Endlich. Köln wird der Prozess gemacht. Seit Jahren nur Schlamperei, Korruption und Verfall. Wo man hinschaut, nur Mittelmaß. Da wird es Zeit für einen Präzedenzfall. Und den schafft nun das Theaterkollektiv Futur3, weil es bis jetzt ja sonst niemand gemacht hat. Die Arbeit, die das Ensemble absolviert hat, ist eigentlich das, was man sich unter der Arbeit eines Stadttheaters vorstellt. Die Ensemblemitglieder sind in die Stadt gezogen und haben mit Menschen aus Verwaltung, Politik und Unternehmen, Menschen von der Straße, kurzum mit Bürgern aus allen Stadtbereichen gesprochen, um herauszufinden, wie es um die Befindlichkeit der Stadtgesellschaft steht. Aus der Auswertung von über 60 Stunden Aufnahmematerial ist dann ein Theaterstück entstanden, das jetzt in einem Kölner Pfarrsaal zur Uraufführung kommt.
Die Stühle für das Publikum sind in dem länglichen Saal an den Längsseiten aufgestellt. Die kleine Bühne am Kopfende ist anfangs noch durch einen roten Plüschvorhang verdeckt. Später wird darauf der Richtertisch zu sehen sein. Links von der Bühne ist die Musikanlage aufgebaut. In der Mitte des Schlauchs liegen drei quadratische Teppiche. Auf dem mittleren Flecken ist ein Pappmodell des Kölner Doms ohne seine beiden Spitztürme aufgestellt. Hier wird später das belastende Material zusammengetragen. Die Teppiche werden auch Symbol für die Zerstörung Kölns werden, gegen die sich offenbar niemand so recht wehrt. Petra Maria Wirth hat diesen Raum erdacht, und sie hat sich auch um die Kostüme gekümmert. Das ist alles schlüssig und durchdacht, ein Schuss Fantasie inklusive. Jens Kulik setzt die Szene ins rechte Licht. Das ist unter den wirklich einfachen Bedingungen des Pfarrsaals sehr gelungen. Auch wenn die Darsteller zwischendurch mal selbst die Scheinwerfer halten müssen. Sehr stimmungsvoll.
Eine Vorrede wird mit einem lecker Kölsch in der Hand vorgetragen. Und hier schon fällt einer der Schlüsselsätze. „Egal, was ist, den Kölnern gelingt es immer wieder, mit ihrem Lebensgefühl über die wahren Zustände hinwegzutäuschen.“ Und wenn alles schiefgeht, hilft der Karneval. Aber, keine Angst, auch hier wird später das Urteil gefällt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Eine Hymne erklingt. Die Zuschauer haben aufzustehen. Die Richter, zwei Kinder, begeben sich zu ihren Plätzen und rufen verschiedene Zeugen auf. Futur3 erlaubt sich keinen Klamauk, und das ist sehr angenehm. Schließlich sind die Themen zu ernst. Ob es um den Bauunternehmer geht, der als Auswärtiger keine Chance bekommt, weil die Kölner gern unter sich bleiben; die Bildungspolitik, die seit Jahren den Mehrbedarf an Schulen verschläft. Oder die Medien, die kein Feingefühl für Skandalisierung entwickeln. Weil sie keine Chance auf Themen wie Korruption bekommen, wenn sie sich nicht engagieren. Nein, das ist keine Verhandlung, die auf Köln beschränkt ist. Hier wird das Schicksal beliebiger Städte in der Bundesrepublik verhandelt. Aber den Kölnern ist das egal. Sie leben in ihrer Stadt, und was in anderen Städten stattfindet, ist ohne Relevanz. Eben wie in anderen Städten auch. Die lokale Begrenztheit im Denken stößt sauer auf, außer bei den Kölnern. Denen geht es schließlich um Köln. Oder auch nicht. Denn welcher Kölner engagiert sich? Da implodiert ein ganzes Archiv, nein, ein ganzes Stadtviertel. Und ändert das was bei den Wahlen? Fehlanzeige. Nichts. Und wer an dieser Stelle mit dem Finger auf Köln zeigt, wie es verschiedene Medien getan haben, möge sich zuallererst fragen, wie es in der eigenen Stadt aussieht.

Im zweiten Teil der Aufführung verändert sich die Farbe. Dramatisch wird es, wenn die Schilderung des U‑Bahn-Baus und die aus ihm resultierende Katastrophe aus persönlicher Sicht geschildert wird. Die nachkriegsähnlichen Zustände möchten einen weinen lassen. Eindrucksvoll vorgetragen von Anja Jazeschann, die auch als Staatsanwältin und Zeugin auftritt. Wie sie da auf der Leiter steht, zur imaginären Unfallgrube hinüberschaut, wartet man förmlich darauf, dass wenigstens eine Träne fließt – für die Opfer. Die bleibt sie den Zuschauern schuldig, überzeugt aber sonst auf ganzer Linie. Ebenso wie Stefan H. Kraft, der den Moderator und verschiedene Zeugen mimt. Weitere Zeugen und ein Verteidiger werden glaubhaft von André Erlen dargestellt. Obwohl das Stück ausschließlich aus Zitaten zu bestehen scheint, sind diese sehr geschickt zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt, das ohne Brüche über fast zwei Stunden reicht, ohne auch nur einmal Längen zu zeigen.
Dazu trägt freilich auch Mariana Sadovska bei, die der Dramaturgie mit musikalischer Untermalung hilft, aber auch mal als Sängerin wirkt. Und da ist es dann doch wieder, das Lokalkolorit. Denn das Ensemble stellt der Gegenwart „Gesänge und Klänge“ aus vergangenen Jahrhunderten gegenüber, die beweisen, dass das kölsche Lebensgefühl keine Marketing-Erfindung der Neuzeit, sondern eine über lange Zeit gewachsene – oder eingeredete – Befindlichkeit ist. Diese Glückseligkeit, die sich so ein bisschen durch die gesamte rheinische Bucht schlängelt und in großer Toleranz mündet. Also zumindest so lange Toleranz bedeutet, nichts tun zu müssen.
Die Richter – ganz hervorragend dargestellt von den beiden Kindern Hafia Erlen und Thea Kraft, was dem Ganzen zusätzliche Würze verleiht – fällen zunächst ein fiktives Urteil, nach dem jeder Kölner Bürger freigesprochen wird. Um das Urteil dann im Handstreich zu kassieren. Denn was aus einer Stadt wird, sei nicht Gegenstand einer gerichtlichen Auseinandersetzung, sondern die Frage, wie sich jeder einzelne um die Geschicke seiner Stadt kümmere. Die Kinder belassen es nicht bei dieser Erklärung, sondern „zwingen“ die Kölner Bürger vulgo das Publikum, gleich selbst aktiv zu werden. Ob dieser pädagogische Ausritt zum Schluss noch notwendig ist, mag jeder selbst beurteilen. Auch wenn das schwierig wird, denn die nächsten sieben Aufführungen sind bereits vollständig ausverkauft, und für die schon geplante Wiederaufnahme gibt es noch keine Termine.
Insgesamt ein packendes bis an die Nieren gehendes Stück politischen Theaters, von dem man sich in unseren Zeiten mehr wünschen würde.
Michael S. Zerban