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DER VETTER AUS DINGSDA
(Eduard Künneke)
Besuch am
8. Februar 2019
(Premiere)
Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken“, dieses Zitat passt gut als Motto für die Operette Der Vetter von Dingsda von Eduard Künneke. Denn hier geht es nur um flotte Unterhaltung ohne tieferen Sinn, mit witzigen Dialogen von Hermann Haller und Fritz Oliven. Dass diese harmlose Geschichte um ein reiches Mädchen, das sieben Jahre auf seine Jugendliebe Roderich wartet, dann aber auf den ersten dahergelaufenen Wanderer reinfällt, der noch dazu von seiner gierigen Verwandtschaft als Bräutigam ausersehen ist, klingt ein wenig nach den üblichen Herz-Schmerz-Geschichten à la Rosamunde Pilcher mit erfüllten Wunsch-Träumen und endet erwartungsgemäß in einem Rundum-Happyend. Solche märchenhaften Stoffe waren eben nach dem Ersten Weltkrieg en vogue, und Künneke, der eigentlich als Opern-Komponist gescheitert war, bediente hier ein Bedürfnis des vergnügungssüchtigen Publikums im Berlin der 1920-er Jahre. Seine Operette, die 1921 am Theater am Nollendorfplatz herauskam, gefiel aber auch durch die einschmeichelnd romantische Melodik und die fetzigen Rhythmen in den Ensembles mit den damals aktuellen Anklängen an amerikanische Musik oder modische Tanzstile sowie revuehafte Elemente.
Eine Aufführung dieser mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen Operette aber erfordert von der Regie eine leichte Hand, Gespür für Timing und Gefallen am fröhlichen Unsinn und komischen Missverständnissen, von den Mitwirkenden außerdem enorm viel Spielfreude. Gerade letzteres kann Holger Klembt bei seiner bejubelten Inszenierung im Würzburger Theater in der Bibrastraße aus den Studierenden der Würzburger Opernschule herauskitzeln. Schon das Bühnenbild von Manfred Kaderk deutet darauf hin, dass hier alles bunte Illusion ist: An der Seite eine Bank vor einem blühenden Garten-Prospekt, in der Mitte eine Art Wintergarten, ein Freiluft-Esszimmer mit Fenster und unecht exotischen Pflanzen, Sofa vor einem Jugendstil-Hintergrund, der sich auch in ein Traum-Schlafzimmer mit Rosentapete verwandeln lässt, und rechts eine Art Rapunzel-Turm. Darin wohnt Julia de Weert, die reiche Schloss-Erbin, die sich ihrer erträumten Liebe zu dem fernen Jugendgefährten Roderich hingibt. Gegen eine solche Verbindung intrigieren Onkel und Tante Kuhbrot, ihre Vormünder, denn die wollen ihren Neffen August der Schlossherrin andrehen, damit sie so an deren Vermögen teilhaben. Dieses groteske, ungelenke Paar wird durch die Kostüme von Anke Drewes als spießig-altmodisch gekennzeichnet, während Julia und ihre Freundin Hannchen eher junge Leute von unbeschwerter, lockerer Ausstrahlung sind wie auch der erste geheimnisvolle Fremde, der sich später als der erst abgelehnte August erweist, während der zweite Fremde, der so sehnlich erwartete Roderich, als etwas abgerissener Hippie infolge der sieben in Batavia verbrachten Jahre auf einem Motorrad – hier einem Moped – in die verwirrte Gesellschaft hineinrauscht.
Weitere Effekte unterstreichen den Eindruck der Illusion. So schwebt der Mond, begleitet von Sternen, herab, damit Julia genüsslich auf seiner Sichel schaukeln kann; es regnet rote Herzen. Bananen-Gürtel, Essbesteck als Waffen und anderes mehr verstärken den Spaß am fantasiereichen Spiel mit dem Irrealen. Ein klärendes Gewitter, wechselndes Licht und schnelle Szenenwechsel lassen keine Langeweile aufkommen. Lustig auch, wie das Bett aus der Rosenwand herausfährt und die neugierigen Mädchen heimlich den Fremden beim Entkleiden beobachten. Immer wieder formieren sich die Akteure zu Revue-Einlagen und Tänzchen, und der aufdringliche Verehrer der Julia, Egon von Wildenhagen, kann seine Beweglichkeit auch bei Berührung mit dem Boden unter Beweis stellen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Bei all dem Trubel auf der Bühne darf nicht vergessen werden, dass Künneke von den Personen, die hier ständig im körperlichen Einsatz sind, auch stimmlich einiges fordert. Anja Stegmann mimt eine träumerische, aber doch auch recht handfeste Julia de Weert, und ihr kraftvoller, sicherer, in den Höhen manchmal etwas zur Schärfe neigender Sopran kann die verliebten Stimmungsschwankungen bestens nachzeichnen, so in der schwärmerisch gestalteten Arie Strahlender Mond. Sie findet in ihrer Freundin Hannchen , äußerst agil, selbstbewusst und frech gespielt von Maria Teresa Bäumler, ihre passende Ergänzung, denn die spart nicht mit Widerrede und lässt nichts anbrennen, als der echte Roderich auftaucht, denn wo kriegt man so schnell einen Millionär, und mit ihrer hellen, beweglichen Stimme fügt sie sich bestens in die Rolle. Bei beiden Damen hätte man aber gern den Text besser verstanden. Dass sich Julia gleich in den ersten Fremden verliebt, den vermeintlichen Roderich, der sich schließlich als der vermisste August Kuhbrot erweist, ist kein Wunder: Stefan Schneider verkörpert überzeugend einen freundlich bestimmt auftretenden jungen Mann, und wenn er gleich mit seinem angenehmen, sicheren Tenor und dem berühmten Lied Ich bin nur ein armer Wandergesell loslegt, schmilzt das Herz der in die Liebe verliebten Julia dahin, und beide harmonieren dann im Walzertakt bei ihrem Duett.

Gegen ihn hat der hartnäckige Rosenkavalier Egon, der sie ständig mit einem arg malträtierten Blumenstrauß bedrängt, keine Chance; Marcel Hubner gibt ihn vergnüglich ungeschickt und gefällt auch sängerisch. Der echte Roderich, etwas wild und antibürgerlich aussehend, wird von Oliver Kringel draufgängerisch dargestellt und gesungen. Uli Bützer als schwerfälliger Onkel Josef Kuhbrot und Jasmine Koth als stets wuselig bemühte Tante Wilhelmine geben ein herrlich beschränktes, aber tänzerisch durchaus begabtes Paar ab, bedient von Hans, Jonas Müller, und Karl, Jakob Ewert, die auch mal zur Abwehr von fremden Bedrohungen zum Gewehr greifen müssen, aber eigentlich nichts verstehen. Das ganze Durcheinander wird zusammengehalten durch die abwechslungsreiche Musik Künnekes, vom Orchester der Würzburger Hochschule für Musik mit viel Schmackes, aber auch mit zarten, gefühlvollen Momenten gespielt unter der Leitung von Ulrich Pakusch.
Nach dem glücklichen Ende unter dem Motto: „Küss mich und alles wird gut“ bricht im voll besetzten Haus ein Sturm der Begeisterung los. Schön wär’s, wenn solche Operetten-Seligkeit auch der Wirklichkeit standhielte.
Renate Freyeisen